Zurück zur Normalität - raus aus dem Motivationsloch!

Nach einem anstrengenden Jahr Ausnahmezustand steigen Erschöpfung und Demotivation bei vielen Beschäftigten. Wirtschaftspsychologin Sabine Schneider liefert Tipps, um aus dem Motivationsloch wieder herauszukommen.

Zurück zur Normalität - raus aus dem Motivationsloch!

Positiv denken, neue Ziele setzen, aktiv werden - für den Weg zurück in die Normalität ist nach Corona ein entsprechendes Selbstmanagement erforderlich.

Ausgerechnet das Coronajahr 2020 war für Tennisstar Dominic Thiem das erfolgreichste seiner Karriere. Unter ungewohnten und schwierigen Bedingungen, mit eingeschränktem Betreuerteam und ohne Zuschauer, gewann er in New York die US Open, seinen größten Titel. Doch heuer kam bei Hartplatzturnieren Sand ins Getriebe. Nach unerwarteten Niederlagen und durchwachsenen Leistungen konstatierte Thiem, er sei in ein Motivationsloch gefallen, und legte eine Turnierpause ein.

Nicht nur der Tenniszirkus, auch die Arbeitswelt ist seit mehr als einem Jahr im Ausnahmezustand: Homeoffice statt Büro und damit verbunden massive Veränderungen und Umstellungen fordern Flexibilität, Kreativität, Improvisationsfähigkeit sowie viel Einsatz von Büro-und Wissensarbeitern. Erste Untersuchungen zeigten: Das gelang anfangs sensationell. Hoch motivierte Mitarbeiter waren im Heimbüro noch produktiver als im Firmenoffice, auch dank der neuen digitalen Kommunikations- und Kollaborationstools, die zum Standard wurden.

Ein paar Pandemiewellen und Lockdowns später, die natürlich auch den fortgesetzten Remote- oder Hybridbetrieb in den Büros bedingten, sieht die Sache nun offenbar anders aus: Der anhaltende Ausnahmezustand scheint Psyche und Motivation vieler Mitarbeiter mittlerweile erschöpft zu haben.

Seit einem Jahr beobachten der Online-Markt- und -Meinungsforscher Marketagent und die Agentur currycom die Entwicklung der Stimmungslage von Mitarbeitern in den gleichermaßen feinnervigen wie für Homeoffice prädestinierten Bereichen Kommunikation, Medien, PR und Werbung. Vor einem Jahr, wenige Wochen nach Krisenbeginn, attestierten dabei fast 80 Prozent der Befragten ihren Kollegen hohe Motivation. Ein Drittel beurteilte sie explizit als "sehr motiviert". Im April 2021 finden das nur noch weniger als 20 Prozent. Und statt vier Fünftel sehen nur noch zwei Drittel überhaupt eine positive Motivationslage (siehe Grafik, u.).

Noch dramatischer entwickelten sich im selben Zeitraum die Aussagen zum Teamgeist: Hatten zu Pandemiebeginn noch fast 60 Prozent gemeint, die Krise würde Kollegen fester zusammenschweißen, so lag dieser Wert vergangenen Herbst nur noch bei 34 Prozent, um über den Lockdown-Winter bis April 2021 noch einmal drastisch auf 21 Prozent abzustürzen. Im Klartext: Nur mehr jeder Fünfte lobt den Teamgeist in seinem Arbeitsbereich. Auch der ist also offenbar im dunklen Motivationsloch mittlerweile verloren gegangen.

Die Diskrepanz

Wirtschaftspsychologin Sabine Schneider, die in Salzburg ihre Privatpraxis für Schemacoaching und mentale Gesundheit führt (drsabineschneider.com), konstatiert ebenfalls eine "negative Grundstimmung". Sie sieht diese Entwicklung in den Betrieben in Zusammenhang mit der Gesamtsituation des vergangenen Winters, nämlich einem Grundklima von Einschränkungen, ständigen Alarmmeldungen und Expertenwarnungen im Hinblick auf Mutationen und Intensivstationen, nicht eingehaltenen Normalisierungsfahrplänen und dem eher unglücklichen Krisenmanagement im Gesundheitsressort.

PSYCHOLOGIN SABINE SCHNEIDER (u.) sieht bei Beschäftigten negative Folgen der Diskrepanz zwischen geforderter Agilität im Job und Bevormundung durch Corona-Regelungen.

Der Psychologin fällt eine massive Diskrepanz ins Auge: "In den Unternehmen werden agiles Management und viel Flexibilität gefordert, während die Menschen ansonsten durch die Maßnahmen und Einschränkungen weder agil noch flexibel sein durften."

Dieser Widerspruch zwischen geforderter Agilität und gelebter Bevormundung habe viel an positiver Kultur kaputt gemacht. Auch in den Unternehmen. "Das staatliche Corona-Management beruht auf lauter Top-down-Maßnahmen, die auch die Unternehmenschefs und Führungskräfte fremdgesteuert umsetzen müssen, selbst wenn sie selbst wissen, dass Führung anders funktioniert", analysiert Schneider. Auch deshalb schwinde das Vertrauen ins Management. Alles, was für den Erfolg von Change-Prozessen gepredigt werde, so Schneider weiter, etwa das Abholen und Einbinden von Beteiligten, habe bei den Pandemiemaßnahmen keinerlei Geltung mehr gehabt.

Dazu kommt, dass durch die mehr als halbjährige flächendeckende Schließung von Sporthallen, Kultureinrichtungen, Gastronomie und Hotellerie in Österreich auch der gewohnte private Ausgleich und die Erholung von den beruflichen Anforderungen kaum mehr möglich waren. Und was dauerhafte Überbelastung ohne Phasen von Regeneration und Entlastung bewirkt, kennt man wiederum aus dem Leistungssport. Dort heißt der Effekt "Übertraining" und führt keineswegs zur intendierten Leistungssteigerung, sondern zu einer ständigen Verringerung des Leistungsvermögens und damit letztlich zu Motivationsverlust.


So steigern Sie Motivation und Arbeitszufriedenheit

Vier Tipps von Sabine Schneider wie man sich von der Fixierung auf das mit Unsicherheit besetzte Corona-Thema lösen, zur Ruhe kommen und wieder konkrete, neue, positive Ziele ansteuern kann.

  1. Darauf achten, vordergründig wieder positive Gesprächsthemen zu wählen und nicht weiterhin in jedem Gespräch nur über negative "Corona- Themen" zu sprechen.
  2. Für sich selbst (wieder) neue Teilziele setzen. Was möchte ich bis Ende Juni, September und Dezember heuer beruflich noch alles umsetzen und auf privater Ebene unternehmen?
  3. Gemeinsame Unternehmungen mit Freunden und Kollegen einplanen, um so die in den letzten Monaten versäumten sozialen Kontakte wieder aufzufrischen und die gemeinsame Zeit zu genießen.
  4. Jeden Tag bewusst und entspannt beginnen - dafür zehn Minuten früher aufstehen und diese Zeit als "Ich-Zeit" nutzen, zum Beispiel, um eine schöne Tasse Tee zu trinken, Yoga zu machen oder einfach nur die erste ruhige Zeit des Tages für sich zu genießen.

Urlaubsreif

Mehrfachbelastungen verstärken und beschleunigen den Effekt. "Kinderlose arbeiten im Homeoffice noch viel mehr als früher. Aber auch zu viel familiärer Kontakt, etwa in Verbindung mit Homeschooling, verstärkt den Druck im Kessel, zumal auch der Perspektivenwechsel fehlt, der sonst in der Arbeit bei einem Kaffee mit Kollegen möglich war", analysiert Schneider. Genau einen solchen Perspektivenwechsel empfiehlt sie als wichtigen Punkt, um wieder mehr Motivation und Arbeitsfreude zu gewinnen (siehe auch Kasten "So steigern Sie Motivation und Arbeitszufriedenheit").

Dazu zählt sie, das negativ besetzte Corona-Thema in Gesprächen bewusst zu meiden, mit den Öffnungen nun wieder gemeinsame Unternehmungen mit Freunden und Kollegen einzuplanen, sich aber auch bewusst zum Tagesstart eine "Ich-Zeit" mit einer Tasse Tee oder Yoga zu genehmigen. Auf dieser Basis, so die Expertin, könnten dann wieder neue Teilziele im beruflichen Umfeld wie auch privat angesteuert werden.

Der Wunsch nach Entspannung ist jedenfalls riesig. Eine Umfrage des Jobportals karriere.at zeigte kürzlich, dass sich die Hälfte der Befragten dringend einen Urlaub als Auszeit vom Job wünscht. "Aufgrund von Lockdowns und Reisebeschränkungen haben viele kaum Urlaub konsumiert oder mussten ihn durch Kurzarbeitsvorgaben komplett aufbrauchen. Nun sollten Führungskräfte darauf achten, dass es trotzdem zu genügend Auszeit kommt", rät Georg Konjovic, CEO von karriere.at. Urlaub hatte auch Dominic Thiem in seiner Turnierpause gemacht. Sein Neustart aus dem Motivationsloch erwies sich danach, zumindest bisher, dennoch als schwieriger als erwartet.


Der Artikel ist dem trend.PREMIUM vom 28. Mai 2021 entnommen.

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