Raus aus Krisenmodus, rein in den Innovationsraum

Wie gelingt es uns in Organisationen einen geschützten Innovationsraum zu schaffen, um mitten im Chaos auch an die Zukunft zu denken? Sabine Hoffmann, Gründerin von ambuzzador, zeigt Wege und Möglichkeiten auf.

Raus aus Krisenmodus, rein in den Innovationsraum

Unsere intuitive Reaktion lässt uns in Krisensituationen auf bewährte Muster zurückgreifen. In der Führung von Unternehmen bedeutet das: einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen und nach einer genauen Analyse die Gegenwart auf eine daraus antizipierte Zukunft auszurichten.

In der aktuell turbulenten, unsicheren, neuartigen und unklaren Lage (TUNA) können wir nicht auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückgreifen. Jetzt gilt es die Gegenwart aus der Zukunft zu betrachten. Und dafür muss Raum geschaffen werden, in einem Alltag voll von Troubleshooting.

Mit alten Mustern brechen

"Jetzt an die Zukunft denken? Es geht ums Überleben!"

Das ist die intuitive Reaktion von uns Menschen. In Krisensituationen greifen wir auf altbewährte Muster in unserem Handeln und Denken zurück. Weil uns das Sicherheit gibt. Im Corona Zeitalter, bedeutet das für viele Branchen konsolidieren, Einsparungspotenziale realisieren, Stakeholders besänftigen oder auch neue Angebote in Rekordzeit zu entwickeln.

Ganz entgegen unserer Intuition muss es uns jetzt gelingen, die Gegenwart aus der Zukunft zu betrachten. Denn nur aus der Perspektive konkreter Zukunftsszenarien (positiv wie negativ) ist eine Einschätzung und Bewertung aktueller Maßnahmen möglich. Die Transformation in dieses Denken erfordert alle Ebenen einer Organisation: vom Einzelnen, über Führungsstil und Erfolgskennzahlen (KPIs) bis hin zu den Maßstäben von Stakeholders.

Die Herausforderungen liegen dabei

  1. im Mindset Change: Wie gelingt es an der Türe die Effizienzbrille abzulegen und in den Kreationsmodus zu finden?
  2. in der Komplexität des neuen Zusammenarbeitens: Wie gelingt es digitale Tools zur Zusammenarbeit, Methoden wie Design Thinking und Prototyping möglichst barrierefrei nutzbar zu machen? Für Menschen mit Fachexpertise, ohne tiefe methodische und technische Vorkenntnisse.
  3. in der Entwicklung plausibler, aber dramatisch differenzierter Zukunftsszenarien: auf Basis vorhandener Annahmen, Treiber und Unsicherheiten. Designt als persönliche Erlebnisse für Teams, um kraftvolle Strategien entwickeln zu können.

Wie gelingt es uns also in Organisationen einen geschützten Innovationsraum zu schaffen, um spontan, in Mini-Innovationsprozessen, methodisch-barrierefrei, auf Basis von Marktresonanz an der Zukunft zu arbeiten? Die folgenden fünf Punkte können dahin führen.

1. Szenario-Denken


Szenarien zu denken möchte und kann trainiert werden. Szenarien malen und erleben, möglichst konkret, als Erlebnis. Um die AHA-Erlebnisse in Strategien für die Gegenwart reverse zu engineeren.

Beispiel: Gerade in der aktuellen Jahreszeit machen viele von uns Budgets. Was so viel bedeutet wie, einen klaren finanziellen Rahmen für eine nächste Phase (mindestens ein Jahr) abzustecken. Als Sicherheit für Stakeholders, die Führungsebene, Teams und Projekte.

Problem: Worauf genau wollen Sie das aktuell bauen? Wir sind aktuell von zumindest zwei Bedrohungen konfrontiert, die vom Menschen nur mittel- bis langfristig beeinflussbar sind: weltweite Pandemien und der Klimanotstand. Wie soll etwa eine Reisebranche budgetieren?

Lösungsansatz: Entscheidend anders ist dabei, dass wir nicht mehr vorhersagen können WAS genau die Zukunft bringen wird, sondern auf Basis der Indikationen unterschiedliche Szenarien entwickeln können, WIE die Zukunft aussehen könnte. Und uns auf wesentliche Gemeinsamkeiten dieser Szenarien vorbereiten. Denn Wahrscheinlichkeiten bringen uns nicht weiter, wenn das Szenario eintritt.

2. Tools und Prozesse für barrierefreies, kreatives Zusammenarbeiten:


Selfservice Playbooks und spielerische Interventionen, um mit neuen Möglichkeiten vertraut zu werden und Barrieren abzubauen.

Zum Glück haben wir alle die letzten Jahre das schrittweise Vorgehen trainiert – agiles Arbeiten haben wir das genannt. Genau das brauchen wir jetzt, um konkrete Szenarien möglichst risikoarm und ressourcenschonend zu üben und in aktuelle Entscheidungen umzusetzen. In diesem schrittweisen Vorgehen stecken zwei Facetten: die sehr wichtige kreative Facette zum Out-of-the-Box-Denken und die operative Facette des effizienten Abarbeitens des Geschaffenen.

Dafür gibt es bewährte Tools und Methoden wie Design Thinking, Experience Design, Design Sprints, Scrum – für die einen selbstverständlich, für die anderen Fachchinesisch. Diese Methoden sollen Enabler und nicht Barriere sein, dafür braucht es zum Beispiel solide, selbsterklärende Playbooks, einfache Methodenkarten und idealerweise eine Art Innovationsbotschafterprogramm mit Facilitators, die als Train the Trainers agieren.

3. Orte mit gemeinsamen Arbeitsflächen:


analoge und virtuelle Räume für CoKreation gestalten

Um den Routinen des Alltags zu entfliehen und in den richtigen Flow zu kommen, braucht´s einen gemeinsamen Ort der Kreation, einen dedizierten Raum, sowohl physisch als auch virtuell, samt entsprechender Ausstattung (technisch und inhaltlich) und Ritualen.

4. Mindset Change:


den Weg zum unbekannten Ziel als transformative Erlebnisse entlang einer Lernlandkarte gestalten, um daran zu wachsen und den Blick aus der Zukunft zur Gewohnheit zu machen.

Das Thema Mindset ist viel strapaziert: da ist die Rede von Growth Mindset, vom Explore Modus, der Neues ermöglicht und idealerweise parallel zum Exploit (Effizienz) Modus betrieben wird - das kennen wir alle seit Jahren. Bis März dieses Jahres war das auch mehr die Kür für die Vorbereitung auf eine irgendwann stattfindende Transformation.

Mittlerweile ist das ernst und wir haben uns ehrlicherweise zu wenig drauf vorbereitet: Sind verhaftet in dem im Industriezeitalter geforderten Bürokratismus der Optimierung und tun uns schwer, die Überraschungen des aktuell turbulenten Alltags als Lernchance und Herausforderung anzunehmen. Mit Unternehmergeist, der sich mit Freude überlegt, was man aus der neuen Situation machen kann.

5. Kooperation im Ökosystem:


Stakeholders einbinden und zu Mitstreitern machen, zum Beispiel die eigene Linienorganisation.


Haben wir erstmal die Aspekte des eigenen Systems im Blick, die Szenarien, die Tools des Zusammenarbeitens, den Ort und das Mindset, gilt es auch noch die Bedürfnisse des Ökosystems zu berücksichtigen. Schließlich findet die Bewertung der Ergebnisse als Erfolg oder eben Misserfolg im Außen statt: durch Kunden, Investoren, Stakeholders. Drum empfiehlt es sich, die oben beschriebene Transformation aus der Zukunfts-Perspektive in Kooperation mit bestehenden und potenziellen neuen Partnern anzugehen. Um von den Impulsen zu profitieren, aber auch um das Buy-In für zukunftsorientierte Maßnahmen zu haben.

Die Zeit ist mehr als reif, den ersten Schritt zu gehen, um die nächsten Wellen der Corona und Klimakrisen erfolgreich zu surfen. Let´s get this started!


Zur Person

Sabine Hoffmann

Sabine Hoffmann

Sabine Hoffmann ist Unternehmerin und Transformatorin. Mit ambuzzador führt sie ein Team von 15 Pratikerinnen mit 16 Jahren Erfahrung und großer Freude an (Digitaler) Produktentwicklung, neuem Führen und Arbeiten und Digitalem Agenda Setting – als Mitdenker, operative Begleiter und Erlebnisdesigner für Unternehmen und ihre Zukunftsprojekte. Mit dem Ziel, stets den nächsten konkreten Schritt zu identifizieren, um mit minimalem Risiko maximal effektiv in die Umsetzung zu gehen.

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