Per Du oder Sie in den sozialen Medien?

Soll man sich in sozialen Medien „duzen“ oder „siezen“? Die Grenzen zwischen Privatem und Business verschwimmen auf diesen Plattformen leicht. Elisabeth Motsch, Expertin für stilvollen Auftritt im Business, gibt Aufschluss über die wichtigsten Fragen zum Thema „Du“ oder „Sie“ in den sozialen Medien.

Per Du oder Sie in den sozialen Medien?

Die adäquate Knigge in den sozialen Medien ist im Business ebenso wichtig, wie im persönlichen Kontakt.

Das Thema Duzen oder Siezen beschäftigt viele Menschen, vor allem im Umgang mit Kunden, Vorgesetzten und Bekannten in den sozialen Medien. Auf LinkedIn oder Xing scheint alles klar: Man tauscht keine Kochrezepte aus, man postet auch keine Katzenbilder, sondern knüpft geschäftliche Kontakte. Anders auf „privaten“ Kanälen wie Facebook oder Instagram, aber auch in vielen Foren: Der Ton ist meist ungezwungen und privat, die meisten User duzen einander. Die Grenzen zwischen Privatem und Business verschwimmen oft, und nicht selten taucht dann die Frage auf: Ist das „Du“ auch angebracht? Klingt das „Sie“ zu spießig? Und: Was, wenn ich jemanden, den ich auf Facebook oder einem Forum geduzt habe, dann im „echten Leben“ treffe?

Eine Frage von Nähe und Distanz

Sich zu duzen empfinden viele Menschen als eine Form der Vertraulichkeit und Vertrautheit. Im Geschäftsleben unter gleichaltrigen Kollegen ist das „Du“ meist üblich, weil der Umgang ungezwungener und einfacher ist. Richtig ist auch, dass manchen Branchen lockerer mit dem „Du“ umgehen als andere.

Doch einen möglichen zukünftigen Kunden würden wohl die wenigsten im analogen Leben beim Erstkontakt duzen. Ein „Sie“ schafft respektvolle Distanz und gewährt Diskretion. Das lockere „Du“ in den sozialen Medien kann so manchen Nachgeschmack hinterlassen.

Was hat die Anrede mit Respekt zu tun?

Auf LinkedIn lese ich bisweilen Kommentare wie „Ich duze konsequent jeden, außer die Sachbearbeiterin beim Finanzamt“ oder „Wer mit mir ein Geschäft machen will, der wird geduzt, ob es ihm passt oder nicht, sonst ist er nicht mein Kunde“ oder „Respekt vor dem Anderen habe ich auch mit einem „Du“.

Natürlich kann sich jeder das Recht herausnehmen und entscheiden, mit wem er/sie arbeitet, wenn das Duzen eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist. Wer das von vorneherein abklärt, hat die besseren Karten, weil gemeinsam entschieden wurde. Und es stimmt auch, dass ein „Du“ sehr respektvoll sein kann – ebenso wie ein „Sie“ respektlos wirken kann. Wer respektvoll sein möchte, drückt nie jemanden, den er nicht kennt, das „Du“ aufs Auge, auch wenn es heute gang und gäbe ist.

Fragen Sie sich: Würden Sie die betreffende Person auch Face to Face duzen? Die Antwort bringt meist Klarheit.

Vom Kommentar zur PN

Für viele ist es o.k., sich in den Kommentaren zu duzen, das kann auch Charme haben. Geht es jedoch etwa um Geschäftliches per persönlicher Nachricht (PN), dann werden die meisten Menschen empfindlich und empfinden eine allzu flapsige Du-Ansprache als grenzüberschreitend.

Neulich erhielt ich via LinkedIn folgende Nachricht: „Hallo Elisabeth, wie geht es Dir in diesen turbulenten Zeiten? Ich möchte Dir hier kurz etwas vorstellen, das wohl jede Krise überstehen wird und allen Beteiligten dauerhaft satte Gewinne beschert.“

Ich antwortete: „Sehr geehrter Herr ... kennen wir uns, weil Sie mich duzen?“.

Das mag für manche etwas zu streng wirken, aber wer mit mir ein Geschäft machen will, sollte die Grundregeln guten Benehmens kennen. Ich möchte gemeinsam entscheiden, wie wir einander begegnen und nicht, dass vom anderen darüber entschieden wird.

Vom „Du“ zum „Sie“, vom „Sie“ zum „Du“

Der feine Unterschied zwischen „Du“ und „Sie“ ist – bei aller vorgeblichen Lockerheit – heute immer noch von Bedeutung. Wer zum Beispiel auf Jobsuche ist und einen Headhunter oder einen Personalchef in der Direktnachricht duzt, kann seine Chancen auf den Job deutlich verringern. Was nicht heißt, dass es nicht auch lockere Headhunter und Personalchefs gibt. Aber: Sie kennen die Einstellung der Person, an die Sie sich wenden, nicht. Deshalb empfehle ich immer, mit dem „Sie“ zu starten und abzuwarten, wie es sich entwickelt.

Ein Marketer empfahl neulich auf LinkedIn den Satz „Ich gehe zum kooperativen „Du“ über!“ um vom „Sie" zum „Du" zu wechseln. Das ist keine kooperative Aussage, sondern eine einseitige Bevormundung. Kooperativ heißt: „Wir entscheiden beide“ Empfehlenswerter wäre: „Passt es für Sie, dass „wir“ das kooperative „Du“ verwenden?“

Wer bietet wem das „Du“ an?

Umgangsformen sind Teil des sozialen Spiels. Es mag altmodisch klingen, aber es gibt ungeschriebene Gesetze, die immer noch wirksam sind und regeln, wer wem das „Du“ anbietet. Vorab: Im Geschäftlichen ist es immer der Kunde und nie der Dienstleister oder Lieferant!
Generell gilt:

  • Der Ältere bietet es dem Jüngeren an.
  • Die Frau bietet es dem Mann an.
  • Der Ranghöhere bietet es dem Rangniederen an.
  • Der Kunde bietet es dem Mitarbeiter an.

Eine Möglichkeit, diese Regel zu brechen, ist zu signalisieren, dass Sie sie kennen. Etwa so: „Ich weiß, mir steht es nicht zu, aber ich würde mich freuen, zum „Du“ zu wechseln – aber es ist auch in Ordnung, wenn wir beim „Sie“ bleiben.“

Das „Du“ als Teil der Corporate Identity

Es ist vollkommen in Ordnung, seine Kunden auf der Homepage oder den sozialen Medien in den Beiträgen oder Artikeln zu duzen. Das kann Teil der Corporate Identity sein. In der direkten Anrede per PN oder Mail sollte das Du wohlüberlegt sein.

Das „Du“ im internationalen Kontext

Zwischen zwei oder mehreren Sprachen zu wechseln gehört heute zum Business-Alltag – und führt oft zu Unsicherheiten.

Auch wenn Sie sich im Unternehmen siezen – sobald Sie auf LinkedIn, Meetings oder Konferenzen ins Englische wechseln, sprechen Sie einander mit „You“ und dem Vornamen an, keinesfalls mit dem Nachnamen, wenn man sich kennt. Das wäre für Englischsprachige befremdlich. Sobald Sie ins Deutsche wechseln, gilt wieder die „Sie“-Form mit dem Nachnamen.

Das englische „You“ verleitet so manche deutschsprachige, es automatisch in ein „Du“ zu übersetzen. Trotz der „Du“-Form im Englischen gibt es sehr wohl formelle Unterschiede.

"Madam" oder "Sir" in der Ansprache signalisieren höfliche Distanz und Fremde mit dem Familiennamen anzusprechen gehört zum guten Ton. Die Ansprache mit dem Vornamen, wie sie auch beruflich oft üblich ist, ist nicht automatisch als Vertraulichkeit oder freundschaftliche Annäherung zu verstehen.

#gerneperdu

#gerneperdu steht für einen Kulturwandel und für ein lockeres Miteinander. #gerneperdu wurde im August 2018 von BMW-Mitarbeitern in München ins Leben gerufen – und hat große Kreise gezogen. Laut den Initiatoren hat sich durch konstruktive Rückmeldungen dann auch das englische Äquivalent #CallMeByMyFirstName ergeben.

Es bedeutet, dass man denjenigen einfach duzen darf. Sie finden #gerneperdu in E-Mail-Signaturen, auf Lanyards (Schlüsselbändern) und in den sozialen Medien. Damit signalisiert man, dass man die Hürde der „Sie“-Form schnell überwinden möchte und auf Augenhöhe ohne Hierarchie kommunizieren möchte. Man kann, muss jedoch nicht duzen. Das entscheidet jeder Einzelne. Es ist eine sehr angenehme Art und Weise das „Du“ anzubieten, ohne den anderen zu überrumpeln.

Überlegen Sie genau, wo das Duzen angebracht ist und wo nicht. In hierarchisch geführten Unternehmen ist davon abzuraten, besonders wenn man sich in den sozialen Medien begegnet. Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem CEO oder einem Kunden, mit dem Sie per Sie sind, auf LinkedIn verbunden und schreiben diesem #gerneperdu, das passt nicht und wirkt unprofessionell.

Fazit

Vieles ist lockerer geworden, das stimmt. Das verleitet dazu, Regeln der Höflichkeit und des respektvollen Umgangs außer Kraft zu setzen, ohne an die Werte des anderen zu denken. Tatsache ist: Viele ziehen es vor, sich zu duzen. Jedoch ebenso viele bevorzugen eine gewisse Distanz und möchten nicht mit jedem gleich per Du sein, egal wie alt jemand ist.


Zur Person

Elisabeth Motsch ist Image- und Stilexpertin, Vortragsrednerin, Trainerin und Coach. Sie ist Autorin mehrerer Bücher (u.a. "Profil mit Stil - Persönlichkeit als Marke, Kleidung als Statement" und "Karriere mit Stil - Top Umgangsformen im Business").

Sie ist außerdem Geschäftsführerin des Unternehmens "Motsch Stil. Profil . Wirkung" (www.motsch.at)

Executive Education - Schwung für Ihre Karriere

In Kooperation mit der WU Executive Academy liefert Ihnen der trend im …

Weitblick oder nur am Ruder? Was macht einen Leader aus, was unterscheidet Leadership und Management?

Malik on Management: Von Managern und Führern

Eine oft gestellte Frage lautet: Sollen in den Schlüsselpositionen einer …

Malik on Management: Das Management des Kopfarbeiters

Malik on Management: Das Management des Kopfarbeiters

Sechs Thesen von Management- und Leadership-Doyen Fredmund Malik über das …

Österreich auf der Biennale. Mit dem Wiener Traditionsunternehmen Kohlmaier hat Jakob Lena Knebl einen Fauteuil in Form einer mit überdimensionalen Ringen und Armreifen geschmückten Hand entwickelt. ("Hold me now", 2021.)

Kunst als Inspiration für Führungskräfte: Grüße aus Venedig

Diese Erkenntnis mag zunächst abstrus klingen, aber Kunst kann …