Noch einmal durchstart-uppen

GASTKOMMENTAR. Durch die Zeit im Homeoffice ist auch arrivierten Managern klar geworden, dass sie keine klassische Karriere mehr machen wollen -sondern in Start-ups.

Noch einmal durchstart-uppen

Michael Schaumann, Managing Partner von Stanton Chase Personalberatung in Wien

Wir haben seit Kurzem neue Büronachbarn, und das sind sehr interessante Menschen: Alle sind jung, lässig, alle haben Bart. Oft haben sie Yogamatten über der Schulter (auch die Männer) und statt Aktentaschen tragen sie interessanterweise Thermoskannen. Wahrscheinlich ist grüner Tee darin, zumindest riecht es danach, wenn man mit ihnen Aufzug fährt. Oder ist das doch der Hund, den sie auch dabeihaben? Glücklicherweise treffen wir uns nur selten, unser Arbeitsrhythmus hat wenig Überschneidungen: Die Nachbarn starten nämlich etwas später in den Tag. Sie sind ein Start-up.

Was man sonst über sie sagen kann? Sie sehen sehr entspannt aus, erholt, es wirkt nie so, als hätten sie großen Druck, Geld dürfte nie ein Problem sein. Die Work-Life-Balance ist bei ihnen eindeutig in Richtung "Life" gekippt, und das ist es wahrscheinlich auch, was diese Branche für viele so interessant macht.

Im Recruiting merken wir das schon länger. High Potentials wollen heute für Startups arbeiten, für Uniabsolventen sind sie mittlerweile sogar attraktiver als die großen Berater McKinsey oder BCG, an Investmentbanken wird ja ohnehin nicht mehr gedacht.

Für viele klingt das zu sehr nach einem klassischen Job mit langen, anstrengenden Arbeitstagen, an denen man vielleicht sogar Stress mit irgendeinem Chef bekommen könnte, wenn man am Donnerstag um 14 Uhr zur Yogastunde oder zum Töpfern abdüst. Wie, es gibt keine 30-Stunden-Stellen und auch keine Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten? Sorry, nein, das ist nichts für mich.

Für jemand, der sich sogar im Homeoffice eine Krawatte umbindet, ist das irritierend. Aber andererseits haben während des Lockdowns viele - auch ältere - erfahren, dass dieses Arbeiten, wann und wo man will, nicht nur schlecht ist. Eine Jogginghose ist gemütlich, und wenn man sich drei Tage nicht rasiert, dann fühlt sich alles wild und spontan und wie Urlaub an, sogar der Jour fixe mit den nervigsten Kunden. Start-ups mit ihren flachen Hierarchien und dem gemeinsamen Kochen, bei dem jeder seine Lieblingsgewürze mitnimmt, bekommen einen ganz speziellen Reiz - selbst für den gewissenhaftesten Leiter des Konzernrechnungswesens.

Aus dem fünf Quadratmeter großen Einzelbüro mit Zutrittskarte wirken sie nämlich wie der sechsmonatige Rucksacktrip nach Südamerika, den man nach dem Studium leider nicht gemacht hat, oder wie das Sabbatical mit dem Sprachkurs in Melbourne, aus dem leider auch nichts wurde, weil: die Kinder.

Dass man heutzutage als Topverdiener gleich an mehreren Start-ups beteiligt ist - als modisches Accessoire zur Pensionsvorsorge, und vielleicht hat man Glück und hatte das Geld jemand gegeben, der damit ein neues Runtastic entwickelt -, das ist das eine. Doch anders als der Porsche zur Bekämpfung der Midlife-Crisis, kann es für viele sogar funktionieren, selbst in ein Start-up zu wechseln. Es ist nämlich so: Spätestens nach der dritten Finanzierungsrunde brauchen sie dort Manager aus großen Konzernen, egal wie abschreckend sie diese früher gefunden haben.

Trial and Error sind dann vorbei, und egal ob in Vertrieb oder Finance: Die 40-, 45-Jährigen aus dem Konzern bringen alles mit, was man für den nächsten Expansionsschritt braucht. Der ehemals spießige Anzugträger wird ein bisschen zum Kindermädchen für den im Tagesgeschäft sehr unerfahrenen Gründer und darf dafür auch selbst in Turnschuhen ins Büro kommen. Er verdient zwar weniger als davor, dafür gibt es einen bunten Obstkorb und er bekommt ein paar Anteile, also einen personalisierten Lottoschein.

Aber genauso wie die Rucksackreise durch Bolivien, die manchen schon am vierten Tag auf die Nerven ging, weil sie den Handtuchservice doch dringender brauchen, als sie zugeben wollten, passt auch nicht jeder zu einem Start-up. Es sieht vielleicht nicht immer danach aus - aber man braucht dafür Unternehmergeist. Man muss bereit sein, etwas zu riskieren, und dafür ist es sicher kein Fehler, wenn man vielleicht sogar eine gewisse familiäre Prägung hat. Sonst wird man sich verloren fühlen, wenn man plötzlich kein Formular mit doppeltem Durchschlag mehr ausfüllen muss, bevor man eine Dienstreise antritt, obwohl das die vergangenen 20 Jahre so, und zwar nur so war.

Ein Start-up ist auch ein Risiko. Das ist gut so. Aber jemand, der heute schon den 14-tägigen Familienurlaub in Lanzarote für 2025 gebucht hat, der ist vielleicht nicht ganz der Richtige. Der sollte sich vielleicht doch lieber weiter eine Krawatte umbinden. Egal, wie nett es im Homeoffice auch war.


Zur Person

Michael Schaumann ist Managing Partner bei dem Personalberatungsunternehmen Stanton Chase und einer der führenden Headhunter Österreichs. Sein Fokus liegt auf den Topführungsetagen und der digitalen Transformation.



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