Das neue Jahr und die guten Vorsätze - ein ewiges Dilemma

Das neue Jahr und die guten Vorsätze - ein ewiges Dilemma

Vorsätze zu haben und sich Ziele zu setzen ist leicht. Die Umsetzung schwer.

Jeder Jahreswechsel nährt die Hoffnung, dass wir entscheidende Dinge in unserem Leben ändern können: Ein neuer Job, eine neue Beziehung. Doch die Komfortzone zu verlassen gelingt selten. Andreas Salcher beschreibt in seinem Essay, wie wir unsere Persönlichkeit weiterentwickeln können.


"Herz und Kopf: die beiden Pole der Sonne unserer Fähigkeiten: eines ohne das andere, halbes Glück. Verstand reicht nicht hin; Gemüt ist erfordert."

Baltasar Gracián in "Handorakel und Kunst der Weltklugheit"


Kennen Sie den am dichtesten besiedelten Ort der Welt? Nein, nicht Mumbai, Shanghai oder Facebook sind gemeint. Es ist die Komfortzone. Jeder von uns lebt dort, kaum jemand kommt freiwillig raus, selbst wenn er sich in ihr nicht besonders wohl fühlt. Doch jeder Jahreswechsel nährt die Hoffnung, dass wir - diesmal aber wirklich - entscheidende Dinge in unserem Leben verändern könnten. Wie schon Mark Twain erkannte, ist dies kein einfaches Vorhaben: "Man kann die Welt oder sich selbst ändern. Das Zweite ist schwieriger."

Vor allem der Versuch, endlich privat oder beruflich die lange hinausgeschobene Trennung durchzuziehen und den Neuanfang zu wagen, konfrontiert uns schnell mit dem Dilemma von Sehnsucht und Realität: "Soll ich meinem Verstand oder meinem Herz folgen?" So einleuchtend diese Frage auf den ersten Blick erscheint, so wenig hilfreich ist sie. Wir sehen die Welt mit zwei Organen. Das sind nicht die Augen. Wir erfassen die Welt mit unserem Herz und unserem Gehirn. Unsere inneren Konflikte zwischen Vernunft und Gefühl entstehen immer dann, wenn wir das Ganze nicht mehr sehen können. Es ist eine Selbsttäuschung, zu glauben, wir könnten den "Weg unseres Herzens" oder den "Weg der Vernunft" gehen. Denn unabhängig davon, für welche Richtung wir uns entscheiden, die Stimme, die wir übergangen haben, wird sich umso lauter zu Wort melden und für kräftige Dissonanzen sorgen.

Dann eben doch nicht

Den Zeiten, in denen wir unsere Sehnsüchte nach einem glücklicheren Privatleben genau artikulieren können, folgen unweigerlich Momente, in denen wir von den faktischen Umständen blockiert werden. Kommt das Monatsende, werden die Zahlungen für die Miete oder die Rückzahlung der gemeinsam unterschriebenen Schulden auf einmal ganz konkret. Die Sorge, diese allein tragen zu müssen, macht sich breit. Wir beginnen, eine mögliche Trennung mit allen rechtlichen und finanziellen Folgen durchzudenken. Wir akzeptieren die Unabdingbarkeit und sagen uns: "Jetzt geht es eben nicht." Und wenn im gemeinsamen Urlaub zwar keine romantischen Augenblicke mehr entstehen, dieser aber angenehmer als befürchtet verläuft, kommen schnell Bilder hoch, wie es wäre, ganz allein unter lauter Paaren beim Abendessen beobachtet zu werden. Diese kleinen Gedankenspielereien verdichten sich dann zu dem Gefühl: "So schlecht ist das alles auch wieder nicht."

Auch im Beruf kann jeder, der schon einmal täglich den Demütigungen eines narzisstischen Chefs ausgesetzt war, nachvollziehen, wie viel Wut über die eigene Hilflosigkeit sich aufstaut. Der Wunsch nach dem Ausbruch wird immer mächtiger, um dann von der Erkenntnis niedergeschmettert zu werden, dass der Mut dafür nicht ausreicht. Die Angst vor den ungewissen Konsequenzen einer Kündigung ist letztlich doch zu groß


"Lösen lässt sich der Konflikt zwischen Sehnsucht und Realität nur dann, wenn wir unsere Gefühle und unseren Verstand in Einklang bringen."


An körperliche Schmerzen kann man sich nicht gewöhnen. Seelische Qualen in der Beziehung oder im Beruf lassen sich dagegen erstaunlich lange aushalten. Die Gehirnforschung zeigt sogar, dass diese irgendwann zur Sucht werden können. Vor allem Männer sind oft noch immer von einem archaischen Trieb gesteuert: die ständige Jagd nach Trophäen, die sie aber nicht glücklich machen. Das raubt ihnen so viel Energie, dass ihnen die Kraft fehlt, einmal innezuhalten und sich die Frage zu stellen: "Warum mache ich das eigentlich?"

Es bedarf meist Scheidungen, Krankheiten, Unfälle oder Kündigungen, damit Männer gezwungen werden, sich dieser Frage zu stellen. Erst diese dramatischen Brüche reißen sie aus dem ständigen Lärm von Plänen, Aktivitäten, Kämpfen, Triumphen und bitteren Niederlagen. Plötzlich finden sie sich allein in der Stille eines Krankenbetts oder Hotelzimmers.

Lösen lässt sich das Dilemma von Sehnsucht und Realität nur dann, wenn wir unsere Gefühle und unseren Verstand in Einklang bringen, nicht, wenn wir uns von einem Teil in uns abschneiden. Das gilt nicht nur für unsere kleine persönliche Welt, sondern auch für die großen Fragen wie dem Klimawandel oder der Migration.


"Richten wir das gesamte Leben auf Absicherung aus, blockieren wir das Grundbedürfnis nach Weiterentwicklung."


Warum wir Veränderung hassen und uns dennoch danach sehnen: Das zweite Dilemma, das uns daran hindert, unseren Kreis der Gewohnheit zu verlassen, ist das zwischen Sicherheit und Entwicklung. Sicherheit ist ein zentrales Grundbedürfnis des Menschen. Wir wollen auch morgen zu essen, einen Platz zum Wohnen und ein fixes Einkommen haben. Je mehr wir besitzen, desto größer wird das Bedürfnis, es gegen Verlust abzusichern.

Auch in der Partnerschaft legen die meisten Menschen Wert auf eine gewisse Stabilität. Wir möchten nicht ständig fürchten müssen, betrogen oder gar verlassen zu werden, nur weil unser Partner jemanden kennenlernt, von dem er sich spontan angezogen fühlt. Wer sich aber von seinem Sicherheitsbedürfnis versklaven lässt, dessen persönliche Entwicklung wird im Stillstand enden. Statt Möglichkeiten zu sehen, wird er immer das Schlimmste befürchten und anderen mit Argwohn begegnen. Im Privatleben wird er seinen Partner überwachen und der Untreue verdächtigen, was irgendwann dazu führen könnte, ihn tatsächlich zu verlieren.

Pläne, Verbindlichkeiten und Konsequenzen

Richten wir unser gesamtes Leben nur noch auf die Absicherung aus, blockieren wir das zweite Grundbedürfnis, den Wunsch nach Weiterentwicklung. Fühlen wir uns in unserem Job unterfordert, dann sehnen wir uns nach einem interessanteren. Vielleicht verlangt der bessere Job auch, dass wir an einen anderen Ort wechseln müssen, wo wir uns in einem neuen Umfeld bewähren müssen. Das kann aber einen Konflikt mit dem Sicherheitsbedürfnis unseres Partners auslösen. Wir wollen uns beruflich weiterentwickeln, der andere sieht das als Bedrohung für die Beziehung. Leben wir das Bedürfnis nach Veränderung ungebremst aus, dann wird unser Leben rastlos und ohne Halt. Sich ständig alle Optionen offenzuhalten, macht es schwer, verbindliche Vereinbarungen zu treffen. Dinge werden zwar geplant, aber nicht umgesetzt, weil es an Konsequenz mangelt.

Menschen sind Gewohnheitstiere, die Veränderung hassen und sich doch immer wieder danach sehnen. Wir wünschen uns, dass alles bleibt, wie es ist, und trotzdem ständig besser wird. Auf diese paradoxe Erwartungshaltung trifft man auch in Unternehmen, ja, sie lähmt ganze Staaten. Dieses Hin- und Hergerissenwerden ist keine Verschwörung des Schicksals gegen den Menschen. Im Gegenteil, erst indem wir lernen, die Spannungen zwischen unserem Sicherheits- und unserem Entwicklungsbedürfnis auszuhalten, können wir unsere Persönlichkeit weiterentwickeln.


"Der Fundamentalist kennt kein Dilemma."


Es geht darum, die Balance zwischen den beiden Polen Stillstand und Chaos zu finden. Das Pendel darf manchmal mehr, manchmal weniger ausschlagen, aber nie auf einer Seite hängen bleiben. Leider haben wir nie gelernt, mit Ambivalenz, Unsicherheit und offenen Wahlmöglichkeiten gezielt umzugehen, obwohl das eine der größten Herausforderungen für den Menschen im 21. Jahrhundert ist. In der Schule wird uns zwar - mit immer geringerem Erfolg - Mathematik, Deutsch, Geschichte und Physik eingetrichtert, mit der Frage, wie wir an unser Leben herangehen sollen, lässt man uns allein.

Nur unreife Menschen hängen ständig ihren inneren Bedürfnissen nach, ohne sich auf die Auseinandersetzung mit der Realität einzulassen. Sie fürchten die Enttäuschungen und flüchten sich lieber in eine Scheinwelt. Umgekehrt gibt es Menschen, die sich nur von ihrem sozialen Umfeld treiben lassen und ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken.

Sie gelangen irgendwann an den Punkt, an dem sie erkennen, dass das nicht das Leben ist, das sie führen wollen. Am schlimmsten sind die "Null-Dilemma- Menschen". Sie blenden alle Widersprüche in ihrem Leben aus. Sie reduzieren das Leben auf einen Punkt. Das kann Geld, Macht, Religion, Esoterik, Vergnügen oder Ruhm sein. Wenn sie sich an diesem Punkt nicht nur selbst festklammern, sondern auch andere dazu zwingen wollen, dann landen sie im Fundamentalismus. Der Fundamentalist kennt kein Dilemma, weil er alles weiß, statt zu denken.

Die Kunst des Lebens besteht in der Verbindung von zwei Welten. Der Welt, in der wir leben, mit jener, nach der wir uns sehnen. Deshalb sind wir von der Natur mit Herz und Kopf ausgestattet. Beide zu verbinden, ist harte Arbeit, dafür mit einem lohnenden Ziel, das Goethe im "Faust II" so schön formuliert hat: "Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen."


Bildungsexperte, Bestsellerautor und Unternehmensberater Andreas Salcher ist regelmäßiger trend-Autor.

Der Essay ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 51-52/2019 vom 20. Dezember 2019 entnommen.
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