Robin Lumsden: Mozart, Tennis, 9/11 und Condoleezza Rice

Robin Lumsden: Mozart, Tennis, 9/11 und Condoleezza Rice

Die Professorin Condoleezza Rice und ihr Wiener MBA-Student Robin Lumsden.

Der Wiener Rechtsanwalt Robin Lumsden absolviert in Stanford gerade ein MBA-Studium. Einmal im Monat schreibt er an dieser Stelle über seine Erlebnisse und Erfahrungen. Diesmal: Die frühere US-Außenministerin Condoleezza Rice lehrt ihn Weltpolitik und fordert von den Studenten höchsten Einsatz und Disziplin.

DIE BUSINESS SCHOOL in Stanford verpflichtet uns zu bestimmten Standardfächern, etwa Finance, Economics, Operations, Artifical Intelligence, Blockchain. Dazu gibt es "optionale Fächer", für die man sich extra bewerben und vom jeweiligen Professor nach Sichtung der eigenen persönlichen Unterlagen dann auch extra aufgenommen werden muss.

Einer der anspruchsvollsten und überbuchtesten Kurse ist derzeit jener von Condoleezza Rice zu "politischen Dilemmata", angeboten als eigenes Zusatz-Curriculum. Die 63-jährige afroamerikanische Spitzendiplomatin hat unter Präsident George W. Bush die höchsten diplomatischen Stellen in den USA erreicht. Als Nationale Sicherheitsberaterin (2001 bis 2005) und schließlich als Außenministerin zwischen 2005 und 2009. Als Sicherheitsberaterin erlebte sie die Anschläge von 9/11, die nicht nur die USA erschütterten wie kein anderes Attentat nach 1945.

Dieser Tage wurde in den Staaten des 50. Jahrestages eines anderen Attentates gedacht, das die amerikanische Gesellschaft ebenfalls von Grund auf erschüttert hat: Am 4. April 1968 wurde in Memphis Martin Luther King erschossen, Symbol der friedlichen schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Ein halbes Jahr zuvor hatten weiße Rassisten des Ku-Klux-Klan im besonders rassistisch geprägten Alabama in einer Baptistenkirche in Birmingham eine Bombe explodieren lassen. Vier schwarze Mädchen starben, darunter eine enge Freundin von Ex-Außenministerin Condoleezza Rice, Tochter eines Pastors und einer Musiklehrerin.

Ihr Vorname leitete sich von "con dolcezza" ab (italienisch, "mit lieblichem Vortrag") , ein Hinweis auf ihre große Leidenschaft, das Klavierspiel, ihre zweite Lieblingsbeschäftigung neben dem Eiskunstlauf: sie hat früher Noten lesen gelernt als die Schrift. Mit zehn Jahren war sie eine der ersten afroamerikanischen Schülerinnen am Musikkonservatorium - in einer Zeit, als Schwarzen im Süden noch vielfach verboten war, auf einer "weißen" Parkbank zu sitzen. Dies erinnert mich ein wenig an die Historie der Tenniskarriere meines Vaters Lance, der als US-College-Spieler begann.


Sie vermittelte uns viel vertrauliches Hintergrundwissen, etewa wie 9/11 im innersten Führungskreis der USA ablief.

Mit ungeheurer Disziplin kämpfte sich Rice nach "oben", viel weniger Disziplin benötigen wir als ihre Schüler. Aber doch Disziplin, wie uns Condoleezza klarmacht. Ich hatte das Glück, als einer von zwölf Studenten im Winter-und Frühjahrssemester ausgewählt zu werden. Das bedeutet: zweimal die Woche vier Stunden Unterricht. Ziel: politische Analysen zu erstellen und Lösungen zu finden - wie überall in den USA müssen diese dann auch vor versammelter Klasse und Professor Rice verteidigt werden.

Bereits vor Beginn des Semesters hatten wir Geschichtsbücher zu lesen. Für jede Woche gab es eigene Readings von etwa 800 Seiten, in jeder arbeiteten wir ein anderes wesentliches Ereignis ab: von den Wurzeln des Kalten Krieges bis zur aktuellen Krise in Korea.

BEI WESENTLICHEN HISTORISCHEN Ereignissen war Condoleezza Rice live dabei. Sie erzählte uns etwa, wie sie und ihr Team sich auf Treffen mit Putin vorbereiteten, für die Verhandlungen, die sie mit ihm als Außenministerin auf Russisch führte. Sie hat auch in Russland studiert, war offenbar schon damals eine der amerikanischen Speerspitzen im Kalten Krieg gewesen. Die russische Seite war davon besonders beeindruckt - wir insgesamt von ihrer beeindruckenden Persönlichkeit und ihrem umfassenden Geschichtswissen. Auch über die Geschichte Österreichs ist sie top informiert.

Sie vermittelte uns viel vertrauliches Hintergrundwissen, und es ist in Stanford üblich, dass wir Studenten uns verpflichten, dieses auch vertraulich zu behandeln. Von dieser Verpflichtung ausdrücklich ausgenommen war die Schilderung einer ungewöhnlichen Aufgabenteilung: Nicht nur aus strategischen Gründen, sondern auch aus privatem Respekt überließ Bush es seinem globalen Partner Michail Gorbatschow, die weltpolitischen Lorbeeren für den Fall der Berliner Mauer einzuheimsen.

Besonders spannend waren Condis - wie sie in Kalifornien genannt wird - präzise Schilderungen der Tagesabläufe an 9/11, als sie als einzig verfügbare Führungspersönlichkeit der Administration in Washington weilte - Präsident Bush war in Florida. Sie musste sich gegen den Secret Service durchsetzen, um die USA in den kritischen Stunden nicht aus einem Bunker heraus führen zu lassen. Ihre Erfahrung aus diesen Tagen: Sie kann auch mit Stress auf allerhöchstem Level umgehen.

Kritisches Nachfragen ist bei ihren Lectures nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Als einziger Europäer habe ich davon auch ausreichend Gebrauch gemacht. Wenn in den Klassen mit ihr nicht genug Zeit blieb, um ein Thema ausführlich genug zu erörtern, war dies eine gute Gelegenheit, dies in einem der regelmäßigen persönlichen ("one on one") Termine zu besprechen. Auch gab sie mir in jedem dieser Meetings ein Feedback zu meinen wöchentlichen Papers. Sie respektierte auch meinen europäisch geprägten Zugang zu manchen Themen -und es war jedes Mal spannend, Einschätzungen zu Entwicklungen der EU und auch zu Österreich mit ihr zu besprechen.

RICE HAT ABER AUCH ANDERE SEITEN , nicht nur die politische. Sie ist auch Beraterin, auch von einem Mandanten von mir, und berät Konzerne vor dem Eintritt in neue Märkte bezüglich des jeweiligen politischen Umfeldes. Sie sitzt in mehreren Aufsichtsräten und leitet unter anderem eine Kommission, die Reformen im US-College-Sport (NCAA) erarbeiten soll.

Die Vielfältigkeit amerikanischer "Stars" wie Condi ist bemerkenswert. Man geht hier davon aus, dass Erfahrungen aus einem speziellen Bereich in einen anderen leicht übernommen werden können. Daher schätzte es Condoleezza Rice auch, dass ich neben meinem Kernbereich als Anwalt früher wertvolle Erfahrungen als Tennissportler und Offizier beim Jagdkommando sammeln durfte. Übrigens war Condi auch einmal eine Wettkampftennisspielerin -auf ein Training mit mir ließ sie sich aber nicht ein. Dennoch bin ich dankbar, von ihr in dieser Intensität ausgebildet worden zu sein.

Übrigens: Nach glaubwürdiger Aussage liebt sie Österreich. Warum? Weil sie speziell Mozart und seine Musikkultur bewundert. Auch das kompetent: Condoleezza Rice spielte bereits Cello für die britische Königin.

Zur Person

ROBIN LUMSDEN , 40, ist als Wirtschaftsanwalt in Wien, New York und Washington, D.C. zugelassen. Er ist auch Integrationsbotschafter von Sebastian Kurz und Konsul von Jamaika in Österreich. Hier mit Condoleezza Rice, die während der Administration von George W. Bush von 2001 bis 2005 Nationale Sicherheitsberaterin und danach bis 2009 Außenministerin war.

Der Gastbeitrag ist im trend 17/2018 am 27. April 2018 erschienen


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