"Moderne Führungskräfte sind ein Servicecenter"

Wirtschaftspsychologe JÜRGEN PFEILER über die Herausforderungen der neuen Arbeitswelten, Angst vor Kontrollverlust und Führungsqualitäten von vorgestern.

Jürgen Pfeiler, Corporate Culture Consulting

Jürgen Pfeiler, Corporate Culture Consulting

trend: Sie sind Wirtschaftspsychologe und beraten Unternehmen bei ihrem Weg in eine neue Arbeitswelt. Wer ruft denn bei Ihnen so an?
Jürgen Pfeiler: Das Schöne ist, dass es mittlerweile keine großen Branchenunterschiede mehr gibt. New Work ist ein Riesenthema. Ich beschäftige mich vorwiegend mit New-Work-Mindset - die Grundvoraussetzung, dass Themen wie Agilität, Digitalisierung und Homeoffice überhaupt funktionieren können.

Und wie ist es ums Mindset der Führungsriegen aktuell bestellt?
Die Thematik und das Bewusstsein für das neue Arbeiten und Führen gibt es schon lange. Die Covid-Krise war ein richtiger Stresstest, in dem viele Unternehmen erkannten, dass New-Work-Kompetenzen wie virtuelle oder agile Führung noch nicht wirklich in der eigenen Firmenkultur verankert sind. Man hat zwar Seminare zum Thema besucht, aber das Mindset dafür nicht angepasst.

Was ist jetzt besonders gefragt?
Um und Auf ist die Kommunikation. Eine moderne Führungskraft muss richtig kommunizieren lernen und die Fähigkeit besitzen, Teams mit heterogenen und crossfunktionalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu motivieren, zu inspirieren und in Entscheidungsprozesse einzubinden.


Wer Homeoffice und virtuelles Arbeiten negiert, ist weltfremd.

Entscheidungsprozesse wie etwa Homeoffice-Regelungen?
Homeoffice und virtuelles Arbeiten sind gekommen, um zu bleiben. Wer das negiert, ist weltfremd. Aber ausschließliches Homeoffice ist natürlich keine Lösung. Vielmehr muss man Konzepte schaffen, in denen sich die Belegschaft wiederfindet. In vielen Unternehmen steht ja häufig die Idee, Büroflächen und Kosten einzusparen, als Motivation hinter Homeoffice. Die entscheidende Frage, wie Mitarbeiter am besten arbeiten können und optimal eingesetzt werden, ist oft von nachrangiger Bedeutung.

Hinter vorgehaltener Hand hört man oft, Mitarbeiter wären im Homeoffice träge, faul und bringen nichts weiter. Ist da was dran?
Ja und nein. Werden Mitarbeiter richtig geführt und erkennt man die jeweiligen Stärken und Schwächen, werden sie im Homeoffice genauso produktiv sein. Es gibt aber eben auch Mitarbeiter, die sind für Homeoffice nicht geeignet. Individuelle Führung ist der Schlüssel zum Erfolg. Jeder funktioniert anders - das ist meines Erachtens der Kern von New Work.

Sie beraten die Führungsriegen. Gibt es in Sachen Homeoffice Sorgen und Ängste?
Wollen Sie die offizielle oder die inoffizielle Version hören?


In vielen Fällen fehlt es Managern an den notwendigen Kompetenzen.

Beide, bitte.
Offiziell heißt es oft, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können mit virtuellem Arbeiten nicht umgehen und es ist deutlich schwieriger, sie zu führen. Wenn was nicht funktioniert, schiebt man die Schuld also auf die Belegschaft. Das ist nur die halbe Wahrheit. Als Führungsperson sollte man seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nämlich kennen und individuell und situationsspezifisch führen können.

Und die inoffizielle Version?
Ich erkenne in meinen Coachings, dass viele Führungskräfte Angst vorm Kontrollverlust haben und vor dem Führen auf Distanz. Denn hier muss man sich wirklich mit den Leuten auseinandersetzen und individuell führen. In vielen Fällen fehlt es Managern aber an den notwendigen Kompetenzen wie Kommunikation, Feedback oder Empathie. Ich möchte aber auch erwähnen, dass es genügend Führungskräfte gibt, die ihre Arbeit sehr gut machen und mit der Homeoffice-Situation bestens umgehen können. Nur habe ich diese eher selten in meinen Coachings.

Geht's nur um Kontrolle oder aber auch um Macht- und Statusverlust?
In der alten Arbeitswelt definierten sich viele Führungskräfte über ihr fachliches Wissen und man erwartete von ihnen, besser zu sein als ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. So musste die Führungskraft alles kontrollieren, freigeben und entscheiden. Aber diese Sichtweise ist wirklich eine von vorgestern. Die Herausforderungen, vor denen wir jetzt und in Zukunft stehen, kann man nämlich nur in Teams lösen. Eine moderne Führungskraft ist ein Servicecenter, das darauf schaut, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Kompetenzen entwickeln und bestmöglich einsetzen.

Wie wird New Work nun zum Erfolg?
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass das nicht ein Projekt oder eine Maßnahme ist, sondern ein Mindset - in dem der Mensch im Mittelpunkt steht, das geprägt ist von Beteiligung, Diversität und der Offenheit für Veränderung.


JÜRGEN PFEILER. Der Wirtschaftspsychologe und Uni-Lektor beschäftigt sich seit 2004 mit der sich wandelnden Arbeitskultur und begleitet als Berater mit seiner Firma Corporate Culture Consulting vor allem Konzerne bei der Umstellung.


Mehr zum Thema "New Work" finden Sie in der Covestory "Büproschluss" im trend. PREMIUM vom 27. August 2021.
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