Mit einer Torte kalkulieren

Mit einer Torte kalkulieren

Doris Wendler, Wiener Landesdirektorin der Wiener Städtischen, mit den Schülerinnen und Schülern der Vienna Business School Schönborngasse.

Serie "Schule macht Wirtschaft". Die Junior Company VBSCHOKO der Vienna Business School Schönborngasse erwirtschaftete mit ihren handgemachten Pralinen einen satten Gewinn. Das war nicht zuletzt deshalb möglich, weil ihre Lehrerin selbst ein Patisserie-und Torten- Business betreibt.

Wenn andere abends den Fernseher einschalten, beginnt Andrea Klee, zu verzieren, zu dekorieren, aus Zuckermasse Blumen, Herzen und Figuren zu formen. Die Lehrerin, die an der Vienna Business School Schönborngasse kaufmännische Fächer unterrichtet, hat aus ihrer Leidenschaft einen Zweitjob gemacht. Sie meldete das Konditorgewerbe an und gründete 2018 ihre Firma Backstage. Neben dem Teilzeitjob an der Schule und der Familie mit zwei kleinen Kindern stellt sie Auftragspralinen und -torten her und bietet Patisserie- und Tortenkurse an, in denen sie ihr "süßes" Know-how weitergibt.

So viel Leidenschaft ist ansteckend. Klee hatte mit der 2. Klasse, in der sie auch Klassenvorstand ist, im Juni 2018 einen Tortenkurs gemacht. Im neuen Schuljahr sollte das Ganze auf professionelle Füße gestellt werden: "Ich habe sie gefragt: Wie schaut's aus, machen wir eine Junior Company daraus? Die Schüler waren gleich mit Feuereifer dabei." So startete die 22-köpfige Klasse ihre Junior Company VBSchoko und bot handgemachte Pralinen, Trinkschokolade am Stiel und Schokoladeschlecker an.

Die Produktion fand im Klassenzimmer statt. Klee half mit einem Mikrowellengerät, Pralinenformen und anderem Werkzeug aus. Sie wusste auch, wo man gute und günstige Zutaten bekommt. All das schonte die Kasse: Die VBSchoko konnte das Startkapital von 600 Euro, das sie durch Anteilsscheine eingesammelt hatten, fast verdoppeln und erzielten einen Gewinn von 500 Euro, der an die Anteilseigner ausbezahlt wurde. 150 Pralinen-Packungen, 200 Schlecker und 40 Trinkschokoladen gingen zu Weihnachten und Ostern über den Ladentisch.

Zu Beginn musste die Klasse, wie in der Lebensmittelproduktion üblich, eine Hygieneschulung machen. Andrea Klee durfte aufgrund des Gewerbescheins die Schulung selbst durchführen. Bei der Produktion wurden Vorlieben deutlich: Manche Schüler verzierten voll Inbrunst die Pralinen, andere kümmerten sich lieber um das Verpacken. "Einige hatten zum ersten Mal einen Schneebesen in der Hand und wussten nicht, wie sie damit umgehen sollen", erzählt Klee. Auch beim Putzen gab es zum Teil den "Mein erstes Mal"-Effekt. Dass Andrea Klee selbst Unternehmerin ist, half der Junior Company enorm, weil sie immer wieder von ihren eigenen Erfahrungen berichtet -etwa, wie es wirklich ist, ein Gewerbe anzumelden oder wie man Preise kalkuliert. Klee: "Im Unterricht kalkuliere ich mit den Schülern bei der Kostenrechnung nicht mehr mit einem Tisch, sondern mit einer Torte." Und immer wieder fragen die Schüler: "Wie machen Sie das?"

Eine selbst durchgeführte anonyme Umfrage ergab, dass nach der Erfahrung mit der Junior Company zwei Drittel des Teams wieder eine solche gründen würden. Die Umfrage ergab auch, dass sie vor allem in Bezug auf Teamarbeit, Eigenverantwortung, praktisches Arbeiten und Verlässlichkeit sehr viel gelernt haben.

Die Geschäftsführer Atakan Yigit, Zoe Handler und Oliver Wolfsberger wissen jetzt, "wie viel Geduld und Ehrgeiz man in der Führungsrolle besitzen muss, dass Qualifikationen wie Team-und Kommunikationsfähigkeit stark sein müssen und man das Ziel niemals von den Augen verlieren darf." Daniel Fazakas aus der Finanzabteilung sagt: "Das Spannendste war das ganze Jahr, weil ich nie wusste, was als nächstes kommen würde." Unsicherheit gehört zum Business wie die Schokolade zur Praline. Einmal kam man drauf, dass man nicht alle Einnahmen mitnotiert hatte. Ein anderes Mal brachen viele Pralinen aufgrund der Außentemperatur auseinander -doch das Team hatte gerade noch genug Material für die Produktion.

Für Yaren Sultan Gazi aus der Marketingabteilung war das Spannendste, die Schule auf die Junior Company aufmerksam zu machen, und das Schönste, "dass meine Klasse und ich es geschafft haben, so ein großes Projekt zu vollenden und das mit Erfolg". Der Anfang sei für alle schwierig gewesen, betont Antonia Stevic, die Leiterin der Einkaufsabteilung: "Es war klar, dass es am Anfang ein bisschen schwer und stressig sein wird, weil wir die Theorie in die Praxis umsetzen mussten. Die meisten wussten nicht, wie man ein Unternehmen am besten führt, deswegen brauchten wir längere Zeit, um alles in den Griff zu bekommen." Yaren Sultan Gazi fügt hinzu: "Eine Junior Company zu gründen und zu führen, ist sehr aufwändig. Aber mit der Zeit sind wir besser und professioneller geworden. Zurückzuschauen und zu sehen, was man erreicht hat, ist ein sehr gutes Gefühl."

Doris Wendler, Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen Versicherung, besuchte die Klasse und war von den Leistungen, welche die VBSchoko erbracht hat, beeindruckt. Die Förderung des Nachwuchses, betont Wendler, sei der Wiener Städtischen ein großes Anliegen: "Es freut uns sehr, das Projekt ,Schule macht Wirtschaft' zu unterstützen und Schulklassen auf ihrem Weg der Unternehmensgründung zu begleiten."

Das Besondere an diesem Projekt sei, dass die Unternehmensgründung kein theoretisches Beispiel bleibt, sondern getreu dem Motto "Learning by doing" in die Praxis umgesetzt wird: "Einerseits können wir als eines der führenden Versicherungsunternehmen des Landes den Schülern mit Expertise und Know-how zur Seite stehen, andererseits profitieren wir von der Zusammenarbeit und dem Austausch mit jungen, kreativen Köpfen."


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