Robin Lumsden: Mein Kalifornien - Attentate und das Uni-Leben

Robin Lumsden: Mein Kalifornien - Attentate und das Uni-Leben

Robin Lumsden, 40, ist Rechtsanwalt in Wien und auch in New York zugelassen. Der ehemalige Vizepräsident des österreichischen Tennisverbandes ist auch Integrationsbotschafter von Sebastian Kurz und Generalkonsul von Jamaika in Österreich.

Der Wiener Rechtsanwalt Robin Lumsden ist für mehr als ein Jahr mit der Familie nach Stanford in Kalifornien übersiedelt - um zu studieren (MBA) und eine Kanzlei zu eröffnen. Einmal im Monat schreibt er über seine Erlebnisse und Erfahrungen. Diesmal: (Un)sicherheit in der friedlichen "Blase" und was der global einflussreichste Österreicher damit zu tun hat.

Die Stanford University gilt als friedliche "Blase", noch friedlicher als der Rest von Silicon Valley, der reichsten Region der USA. Aber auch hier erschüttern immer wieder Meldungen über terroristische Anschläge oder "private" Amokläufe ganz unterschiedlicher Art, quer durch die USA.

Wieder einmal in den vergangenen Wochen:

  • In Las Vegas erschoss am 1. Oktober ein Waffennarr mit noch immer unklarem Motiv 58 Menschen, indem er von einem Hochhaus auf die Besucher eines Country-Konzerts mehrere Minuten lang das Feuer eröffnete. Danach tötete sich Stephen Paddock, ein wohlhabender Rentner, selbst in seinem Hotelzimmer.
  • In New York tötete am 31. Oktober der nach eigenen Angaben islamistisch gesinnte Usbeke Sayfullo Saipov acht Menschen, indem er mit einem Kleinlaster Fußgänger und Radfahrer niedermähte. Über den Verlauf seiner Radikalisierung seit seiner legalen Einwanderung 2010 wird man hoffentlich beim Prozess mehr erfahren, er wurde nach dem Anschlag - dem schwersten in New York seit 9/11 - lebend überwältigt.
  • Und am 5. November erschoss ein ehemaliger Angehöriger der Luftwaffe vor und in einer Baptistenkirche im texanischen Sutherland Springs 26 Personen, vermutlich aus familiären Motiven. Die genauen wird man kaum noch erforschen können, der 28-jährige Patrick Kelley tötete sich nach Feuergefechten auf der Flucht angeblich selbst.

So unterschiedlich Tatorte, Täter und Motive waren, es gibt ähnliche gesellschaftliche Reaktionen, auch jetzt wieder: in der ersten Phase heftige Kritik an den für uns Europäer überaus laxen Waffengesetzen, in der zweiten mindestens ebenso emotional die Verteidigung des Grundrechts auf Waffenbesitz durch die mächtigen NRA (National Rifle Association) unter Hinweis auf den zweiten Verfassungszusatz (Second Amendment) aus dem Jahr 1791, der den Besitz und das Tragen von Schusswaffen auf Bundesebene garantiert (bescheidene Restriktionen gelten nur auf Regionalebene, insbesondere hier in Kalifornien).

In der dritten Phase geschieht dann - fast - nichts. Barack Obama ist auch nach mehreren Amokläufen an Schulen mit Vorschlägen, Verbreitung und Gebrauch von Waffen besser kontrollieren zu können, gescheitert. "Der achtjährige Angriff auf dieses Verfassungsrecht ist vorbei", brüstete sich Donald Trump im letzten Wahlkampf vor der NRA. Die Statistiken sprechen für sich - und bleiben seit Jahren fast unverändert: 43 Prozent aller Amerikaner leben in einem Haushalt mit mindestens einer Schusswaffe, es gibt insgesamt 300 Millionen Waffen, Pistolen und halbautomatische Sturmgewehre.

Die Reaktion des Präsidenten

Der Präsident hat auf die drei Anschläge erwartungsgemäß reagiert: Beim ersten und dritten machte Trump einfach - und nicht ganz falsch - bei den Tätern "geistige Krankheiten" verantwortlich und wies Kritik an den liberalen Waffengesetzen zurück. Mehr noch: Die Tatsache, dass Kelley in Texas von Nachbarn mit Waffengewalt vertrieben werden konnte, sei der Beleg für die Notwendigkeit allgemeiner Bewaffnung.

Und für Sapov forderte er anfangs die Todesstrafe, dann die Verschickung in das auf Kuba gelegene Straflager Guantanamo. Zog diesen getwitterten Vorschlag aber rasch zurück, nachdem auch hier in Stanford Vortragende die Rechtmäßigkeit einer solchen Maßnahme bezweifelt hatten und die "New York Times" dokumentierte, dass noch nie jemand nach Guantanamo geschickt worden war, der auf US-amerikanischem Boden festgenommen wurde (seit 2008 wurde gar kein Gefangener mehr in das umstrittene Lager geschickt).



Alte Muster also in der jüngsten Waffendebatte. Neu für mich sind aber die konkreten Auswirkungen der Sicherheitsdebatte auf das konkrete Uni-Leben. In Stanford werden die Studenten alle paar Tage per Mail über sämtliche am Campus stattgefundenen Verbrechen mit einer "Warning E-Mail" informiert. Meist über Körperverletzungen bei Raufereien oder über sexuelle Übergriffe (etwa mit dem Hinweis "a sexual assault took place in Buiding 234 arround 3 am, the suspect is in custody"). Oft werden die Rechte vermeintlicher Täter komplett negiert und Details, welche zu einer raschen Vorverurteilung führen können, rasch preisgegeben.

Die NRA und die Universität

Überraschend für mich ist, dass sich der Einfluss der NRA auch direkt auf den Studienbetrieb auswirkt: Die Waffenlobby erreichte ein Gesetz, das es verbietet, "Federal Funds" (gemeinsame Bundesgelder) in Forschungs- und Studienprojekte zu investieren, welche als mögliches Ergebnis einen Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Waffenfreiheiten nachweisen könnten. Eine private Organisation hat es also geschafft, mittels legaler Lobbyingunternehmen eine gesetzliche Absicherung gegen gegnerische Forschungsaktivitäten einzuführen.

Lobbying mittels hoher Finanzbeträge ist hier überhaupt selbstverständlich, überall zu bemerken, überall merkbar. Und zumindest hier überall transparent: Online ist jederzeit nachzulesen, welche Organisationen und Unternehmen welcher Partei beziehungsweise welchem Abgeordneten einer der beiden Kammern des Kongresses (Repräsentantenhaus oder Senat) Geld zur Verfügung gestellt haben. Wenigstens das ist ein Pluspunkt.

Inzwischen habe ich auch den nach Meinung meiner meisten Gesprächspartner wichtigsten "Austrian/American" kennen gelernt, den derzeit global wohl einflussreichsten Mann aus Österreich: den Vizepräsidenten von Google, Head of Security and Privacy, Gerhard Eschelbeck. Er lädt die wenigen Österreicher hier immer wieder privat ein.

Mittlerweile ist seine Bedeutung auch in Europa klar: Seit Kurzem ist er Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Mit ihm unterhielt ich mich über die Herausforderungen seiner Branche in Sachen Datensicherheit und regelmäßig abzuwehrender Angriffe von außen. Er rekrutiert am liebsten aus Stanford, aber immer wieder auch aus Österreich. Ein Detail zur Veranschaulichung seiner Bedeutung: Wenn er entscheidet, gewisse Daten nicht mehr zu speichern, entspricht diese Tagesentscheidung dem Umfang der gesamten Daten, die jährlich in Österreich anfallen.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 47/2017 vom 24.11.2017 entnommen.

Werner H. Hoffmann (li.) und Alfred Taudes

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