Kalifornien ist anders: entspanntes Umfeld, harte Arbeit

Robin Lumsden

Robin Lumsden, Rechtsanwalt und Jus-Student in Stanford

Der Wiener Rechtsanwalt Robin Lumsden ist für mehr als ein Jahr mit der Familie nach Stanford in Kalifornien übersiedelt - um zu studieren und eine Kanzlei zu eröffnen. Einmal im Monat schreibt er über seine Erlebnisse und Erfahrungen. Diesmal: Coole Professoren, Hillary am Campus und ein Treffen mit zwei Tennislegenden.

Spaß am Studieren. Seit ein paar Monaten lebe ich nun in Kalifornien und lerne an der Stanford-Universität im Herzen von Silicon Valley für mein zweites US-Studium (nach Jus in Berkeley). Diesmal ist es ein MBA an der Nummer-eins-Business-School der Welt.

Vorweg: Ein Klischee stimmt. In den meisten Blue-Chip-Unternehmen und speziell auf dem Uni-Campus von Stanford kleidet man sich entspannter, wenn auch nicht durchgängig in T-Shirts und Sneakers. Das bedeutet aber nicht, dass es auch im Arbeits- und Studienrhythmus so locker zugeht. Im Gegenteil: Viel Freizeit in unserem Sinn gibt es weder für Studenten noch für Unternehmer und Beschäftigte. Aber das wird durch einen anderen Faktor ausgeglichen: den meisten hier macht es ungeheuren Spaß, zu studieren und zu werken.

Das liegt schon an der Nähe zu den wirklichen Größen des Valley. Regelmäßig kreuzen Mark Zuckerberg (Facebook), Larry Page (Google) oder Phil Knight (Nike) im kleinen, aber feinen Studentencafé, dem "Cafe Coupa", auf. Entweder will eine Studentengruppe ihnen eine Idee präsentieren oder ein Professor hat ein Projekt entwickelt und lädt sie mit seinen Studenten zur Vorführung. Auch die global so erfolgreichen Manager und Unternehmer nehmen sich dafür immer wieder Zeit. Kaum vorstellbar, dass das in Österreich passieren würde, schon kaum vorstellbar, dass man so rasch und nah an die "Stars" herankommen könnte.

Eine Frage des Geldes

Auch im inneren Lehrbetrieb geht es viel offener, ungezwungener, weniger hierarchisch zu als in Europa. Nicht nur eine Frage der Kultur, auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Für die Studierenden stehen viel mehr Lehrende zur Verfügung. Jeder Professor kennt schon von Beginn der Veranstaltung an den Namen jedes einzelnen Studenten, einzelne Details aus ihrem Lebenslauf und bisherige Studien. Vom Start weg ist klar: Wir sind im kommenden Quartal ein Team. Dafür zahlen die Studierenden viel Geld, im Schnitt circa 140.000 Euro für ein Jahr, die Professoren "bezahlen" mit ihrer Arbeitszeit. Die meisten unterrichten nur ein Viertel des Jahres, während der Restzeit forschen sie. Für beide gilt das gleiche Prinzip: Es wird nicht auf die Uhr geschaut, wichtig ist nur, dass man sich ordentlich vorbereitet und möglichst begeistert mittut. Der Lerneffekt ist dann aber auch extrem hoch.

Von Beginn an wird von uns Studierenden aktive Teilnahme verlangt, die Präsentierung eigener Überlegungen und Thesen. Präsentationen stehen für uns an der Tagesordnung, gleich ob man Experte zu diesem Thema ist oder nicht, kritische Fragen werden gefordert und geradezu erwartet. Jeder wird hier an seine Grenzen gebracht, auch ich. Ich spüre Nervosität, aber keine ungesunde. Ich bin einer von ganz wenigen Europäern, die meisten Europäer investieren nicht mehr in solche internationalen Topprogramme, und falls doch, allenfalls in Europa.

Hillary Clinton am Campus

Der Campus ist eine Stätte gesellschaftlicher Auseinandersetzung, weit offen für Politik und Kultur. Vergangene Woche hat hier Hillary Clinton über den Wahlkampf und ihre Niederlage gegen Donald Trump diskutiert. Zu einem für sie heiklen Moment. Gerade wurden die langjährigen Verfehlungen des Hollywood-Tycoons Harvey Weinstein ungeheuer intensiv und breit diskutiert. Er hatte die Demokraten immer wieder gesponsert, zuletzt die Präsidentschaftskandidatin Clinton.

Was immer ihr eigener Beitrag zur Niederlage gewesen ist - ihr Buch "What Happened" ist in allen Bestsellerlisten. Ich habe selten eine so smarte Politikerin getroffen. Egal wie man zu ihr steht, intellektuell können ihr wenige das Wasser reichen. Da nicht alle Studenten in das Audimax gepasst haben, wurde ihr Vortrag in weitere Vortragsräume live übertragen.

Auch in Stanford hat der Sport einen besonderen Stellenwert, nicht als Hobby, sondern als integrierter Bestandteil der Identität. Gerade steht das "Big Game" an: ein American-Football-Match der Mannschaften von Stanford und der rivalisierenden Elite-Uni Berkeley. Die Rivalität ist ähnlich groß wie beim Ruderduell zwischen den Unis von Oxford und Cambridge.

Für mich eine heikle Frage: soll ich mehr zu meiner ehemaligen Jus-Uni Berkeley oder zu meiner jetzigen Business School Stanford halten? Es wird wohl eine typisch österreichische Antwort geben: Neutralität.

Ich betätige mich auch aktiv: Unsere Klasse hat eine Fußballmannschaft (europäischen Stils, also Soccer) gegründet. Deklariertes Ziel: alle sollen sich ausreichend bewegen. Für mich inzwischen ein wöchentlicher Fixtermin: wir spielen dann gegen die Law School oder die Med School - oft schon vor 500 Zusehern.

Treffen mit Tennis-Legenden

Noch näher liegt mir Tennis: Gleich neben der Business School fand vor Kurzem ein großes WTA-Tennisturnier statt, Maria Scharapova gab dabei eines ihrer ersten Comebackspiele. Die Professoren verlegen Unterrichtseinheiten kurzerhand, damit Studenten zu den entscheidenden Matches gehen können. In meinem Fall der berühmte Professor Baba Shiv, bei dem ich eine Klasse zu "Neuroeconomics" besuche. Der Professor erklärte das fachmännisch: die besten Verkäufer seien Menschen, die im Jugendalter Wettkampfsport gemacht haben. Begründung: beim Sport habe man Verlieren gelernt, ohne dauerhaft durch Frustration blockiert zu werden, eine Eigenschaft, die man auch beim wirtschaftlichen Verkaufen dringend benötige.

Zum Abschluss treffe ich noch Tennislegende und Wimbledon-Sieger Pat Cash, den ich vor 20 Jahren - als ich Junior-Wimbledon spielte - als Profi bewundern durfte. Angesteckt von der Stanford-Atmosphäre gesellt er sich zu uns Studenten und erkundigt sich nach Investments.

Tatsächlich gilt: Studium, Sport und Wirtschaft liegen in Stanford eng zusammen.


Der Autor

ROBIN LUMSDEN, 40, ist Rechtsanwalt in Wien und auch in New York zugelassen. Der ehemalige Vizepräsident des österreichischen Tennisverbandes ist auch Integrationsbotschafter von Sebastian Kurz und Generalkonsul von Jamaika in Österreich.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 43/2017 vom 27. Oktober 2017 entnommen.

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