Führen mit Stimme: Tatjana Lackner über die Kunst der Rhetorik

Sprach- und Rhetorik-Expertin Tatjana Lackner gibt im Interview Einblick in die vielfältigen Facetten, die Leader in der Kommunikation berücksichtigen sollen. „Sprache ist die Kleidung unserer Gedanken“, meint sie. "Jeder sollte seine Stimmressourcen nutzen und die Artikulation schärfen".

Thema: Leadership
Führen mit Stimme: Tatjana Lackner über die Kunst der Rhetorik

Tatjana Lackner, mit ihrer 1994 in Wien gegründeten "Schule des Sprechens" eine Institution, gibt wertvolle Ratschläge für überzeugendes Sprechen.

In der Schule des Sprechens bei Tatjana Lackner wurden bereits unzählige Manager, Politiker, Sprecher und Journalisten von Funk und Fernsehen in der hohen Kunst der Sprache trainiert. Selbst andere Trainerkollegen aus Deutschland und der Schweiz tanken immer wieder moderne Kommunikations-Skills, wie etwa: Bridging, Nudging, Storytelling und andere hundertfach erprobte Übungen für mehr verbales Charisma.

Die Kunden lernen dort die hohen Lehren des "Verbalen Charismas, Storytellling, Selbstpräsentation, Interviewsituationen in Funk und Fernsehen. Sie bekommen dabei die Werkzeuge für Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein sowie das stimmige Sprechen vermittelt.


INTERVIEW

"Sprachlich bzw. stimmlich haben sich die wenigsten jemals Gedanken darüber gemacht, wie sie klingen", weiß Rhetorik-Expertin Tatjana Lackner. Im trend. Interview erklärt sie die Bedeutung der gewählten, ausdrucksstarken SPRACHE FÜR LEADER im Business-Umfeld

trend: Was macht einen guten Redner aus?
Tatjana Lackner: Ein perfekter Orator stört uns nicht durch beispielsweise falsche Atemtechnik, schräge Stimmlage oder Sprachmarotten, wenn wir seinem Vortrag zuhören.
Wer auch mit anderen Disziplinen und Themen Verknüpfungen herstellen kann, beweist Virtuosität. Das eigene Spezialgebiet zu beherrschen ist Pflicht – Analogien und andere Anwendungsgebiete zu finden ist die Kür!

Was macht eine gute Rede aus?
Stimmliche und sprachliche Wohlgeformtheit sind das A & O. Wer zu leise spricht ärgert, wer zu laut ist nervt! Das Zusammenspiel von gelungener Modulation, spannender Vortrags-Dramaturgie und richtiger Pausensetzung erzeugt gutes Rede-Design.

Welche Sprech- und Sprachtechniken gibt es – wie nutze ich sie?
„Gudn Daag“ – bei der Begrüßungsformel geht es schon los. Bereits in den ersten Worten hören wir Dialektfärbungen, Ursprungsland, Gehabe etc. Stimme verrät viel über unseren Charakter. Klingen wir weinerlich, unsicher oder zackig? Wie viel Raum nehmen wir uns durch Lautstärke, Tempo und Modulation? Die Aussprache entlarvt Herkunft, Milieu und Bildungsgrad. Jemand der auffällt durch grammatikalische Holprigkeiten, Slangworte und zerdehnte Vokale ist sprachlich wenig fit.
Tonhöhe ist stets verantwortlich für die Freundlichkeit. Die Tontiefe hingegen tut mehr für unsere Glaubwürdigkeit. Wer also bereits mit der Begrüßung in die Kopfstimme abzischt wird nicht überzeugen.

Sprach-Coach Tatjana Lackner

Was braucht es also?
Drei Dinge sind dabei ganz wesentlich: Erstens Atemtechnik - sie wirkt gegen Lampenfieber.
Zweitens Sprechtechnik, die unserer Verständlichkeit hilft. Und Drittens: die Stimm-Modulation - sie ist die Lehre von Tempo, Tonhöhe und Betonung.


Sprache ist die Kleidung unserer Gedanken.

Das ganze muss auch rhetorisch gut verpackt und vermittelt werden - wie kann man die Rhetorik verbessern?
Da gibt es drei wesentliche Aspekte zu beachten. Erstens: Hören Sie sich selbst beim Sprechen zu! Schwierige Besprechungen, heikle Verhandlungen oder einfach eine Streitargumentation für zuhause – nehmen Sie diese vorher kurz mit Ihrem Handy auf. Jetzt können Sie leicht feststellen, wo es noch hapert. Am Ton vielleicht? An der Brillanz Ihrer Begründung? Oft klingen die eigenen Sätze nicht mehr ganz so „logisch“ und viel unsüffiger als angenommen. Sprachaufnahmen sind ein gutes Korrektiv. Sofort erkennen wir selbst, ob wir Schachtelsätze verwenden oder unsere Sprache voll ist mit “rhetorischen Weichmachern” (irgendwie, ein bisschen, manchmal), welken Aufzählungen, Füllworten und „Variablen“ - dazu zählen etwa „Sag ich einmal“, „eigentlich“, „sozusagen“, „ähm“, „im Großen und Ganzen”. Aber Vorsicht: Leise formulieren lässt Sie Fehler überhören.

Und weiter?
Zunächst: Selbstgespräche im Auto sind unverdächtig! - Sprechen Sie im Auto ruhig laut und argumentieren Sie mit Ihrem imaginären Gegenüber. Das hat zwei Vorteile. Vorteil 1: Das ist definitiv weniger ablenkend als tatsächlich zu telefonieren – schließlich bestimmen Sie alleine, wann die Kommunikation fortgesetzt wird. Jeder wird annehmen, Sie unterhalten sich mit Ihrer Freisprechanlage. Vorteil 2: Auf diese Weise ordnen Sie Ihre Gedanken für ein Meeting und bereiten Ihre Formulierungen bereits vor. Wie beim Kartenspiel werden Argumente gereiht und sortiert. In der Echt-Situation profitieren Sie genau davon. Gelassen ziehen Sie Ihre Einwände Karte für Karte und kommen schneller zum Ergebnis.

Und Drittens?
Sollte der Redner immer daran denken: Die Rede ist keine Lesung! Wer stärker mit den eigenen Aufzeichnungen, Moderationskärtchen, … aus der Vorbereitung beschäftigt ist als mit dem Live-Publikum, der verliert! Das Brainskript des Vorabends ist weniger wichtig als die Touch-Points mit dem Publikum!


Viele halten die Stimme für unveränderbar, wie die Augenfarbe.

Manager sind in allem geschult, in Rhetorik und Argumentationstechnik – Was ist dann überhaupt noch der Job von Tatjana Lackner & Co?
Lackner: Fachlich stimmt das. Sprachlich bzw. stimmlich haben sich die wenigsten jemals Gedanken darüber gemacht, wie sie klingen. Ganz im Gegenteil. Viele halten beispielsweise die Stimme für unveränderbar, wie die Augenfarbe. Komisch, dass sich Menschen Fettpölsterchen absaugen und Nasen korrigieren lassen – chronisches „Überhörtwerden“ jedoch für einen Schicksalsschlag halten. „Sprache ist die Kleidung unserer Gedanken“ – und als solche wert, gut präsentiert zu werden. Authentizität ist wichtig, das heißt jedoch nicht, dass wir uns nicht optimieren können. WAS wir sagen bleibt immer wichtiger, als WIE wir uns mitteilen. Dennoch erleben wir: Im Vorteil ist, wer sich auch um gelungene Rhetorik kümmert. Sprechtraining ist schon lange nicht mehr nur für Schauspieler und TV-Moderatoren von Bedeutung. Jeder sollte seine Stimmressourcen nutzen und die Artikulation schärfen.

Tatjana Lackner zum Medienauftritt: "Profis kennen besser die 'Do’s und Don’ts' beim Medienauftritt und haben trainiert, Antworten auch in 20 Sekunden samt einer Botschaft auf den Punkt zu bringen."

Viel Manager und Leader wirken allzuoft perfekt - aber was sind denn ihre Marotten?
Lackner: Da gibt es eine ganze Fülle, eine reiche Auswahl. Manche arbeiten mit Witzchen, Stereotypen bzw. Rollenklischees in Bezug auf Beruf, Geschlecht, Funktion. Da heißt es dann: „Sie kennen das doch, wenn sie am Herd steht und der Mann fragt …"
Andere wissen hörbar nicht, dass gute Rhetorik bedeutet, den Buchstabenwald der Worte zu verlassen – und stattdessen sprachliche Bilder in die Köpfe der Menschen zu projizieren.

Es gibt auch das berüchtigte Bullshit-Bingo.
Sprachlich ausgebleichte Formulierungen, das Bullshit-Bingo, Versatzstücke oder No-Na-Aussagen lähmen. Da fällt dann das „man“, „es“, „das muss jeder selbst entscheiden“, „gemeinsam zusammen“, „nachhaltig“, „in Zeiten wie diesen“, …
Oder die Verwendung von zu vielen Substantiven und Substantivierungen - diese schaffen Distanz. An Hauptwortsilben sollten keine Verben angehängt werden, um diese zu „verhauptworten“ etwa mit -ung, -ismus, -ierung, -heit, -keit, -tion, und so weiter.
Aber auch Modalverben sind beliebt, aber zu häufig und falsch eingesetzt - können, mögen, dürfen, sollen, müssen, wollen. Sie gehören zum grauen Wortschatz und nicht zum bunten!

Was passiert, wenn die auf Stimme und Rhetorik getrimmten Manager dann doch von Tatjana Lackner aufgedeckt werden?
Viel Erstaunen und eine Reihe von Aha-Erlebnissen! Als erstes wird die Kundenstimme anhand eines kurzen Lesetextes aufgenommen. Jedes Sprachmuster wird durch die Tonanalyse präzise ausgewertet. Es wird damit schnell klar, was stimmlich noch "drin" ist. Die rhetorische Auswertung zeigt deutlich, wo wir im Reaktionsmuster arbeiten müssen.
Viele laufen beispielsweise ohne Not in das Messer der Rechtfertigung, wie “Ja schon, aber”, “Nein, weil”, “da bin ich aber nicht der einzige”. Gerade für junge Führungskräfte ist es deshalb empfehlenswert, sich schon zu Beginn der neuen Aufgabe mit den eigenen sprachlichen Lernfeldern und Leading Skills auseinander zu setzen. Denn der nächste Redeanlass kommt bestimmt.


Die Kamera ist ein gutes Korrektiv, um an den Sympathiefaktoren zu arbeiten.

Zum Thema Sprachfehler – manche Manager lispeln, hölzeln oder haben ein sonstiges, kapitales Defizit. Wie kann das korrigiert werden, zumal viele das ja nicht so sehen, weil die Eigenwahrnehmung zuweilen diametral zur Fremdwahrnehmung des Profis steht?
In den seltensten Fällen sind logopädische Themen das Problem. Vielmehr sind manche Menschen Silbenfresser oder sie sprechen durch die geschlossenen Zahnreihe und mit viel zu hohen Tempo. Das ist auch der Grund warum wir in der "Schule des Sprechens" ein Tonstudio haben und zudem jede Stunde in Studioqualität aufnehmen. Unsere Kunden hören den Unterschied und damit ihren Fortschritt bereits nach wenigen Stunden.
Die Kamera ist zudem ein gutes Korrektiv um an den Sympathiefaktoren zu arbeiten. Hier gibt es tatsächlich einen Gap zwischen Selbst- und Fremdbild. Im Kommunikations-Screening und in der Körpersprache werden auch Ganganalysen gemacht. Warum? Ein Redner wird bereits nach wenigen Sekunden beurteilt. Da hat er häufig noch keinen Ton gesagt. Zudem kann man manchmal den unökonomischen Stimmeinsatz bereits körperlich optisch erkennen.

Authentizität versus Sachlichkeit – was ist für den Leader bzw. Manager besser?
Die beiden sind keine Gegensätze. Oft werde ich von Kunden gefragt: „Wie lange dauert es, bis sich meine Sprache hörbar verbessert?“ Niemand will schließlich durch ein Sprechtraining an Authentizität verlieren, sondern lieber Spracheleganz gewinnen. Hohe Wirkung in kurzer Zeit erzielen wir mit der Arbeit an Konsonanten. Es ist eben ein Unterschied, ob Sie jemand mit „Gudn Daag, ich bin die Bedra Glein“ begrüßt oder ob „p“, „t“ und „k“ bei den Wörtern „Tag“ und „Petra Klein“ hart gesprochen werden.

Sprechen in der Krise – da bleibt dem/der einen oder anderen doch die Stimme weg, die Stimme bebt oder der Redner räuspert sich laufend ... Wie bekommt man das in Griff?
Lampenfieber ist häufig der Grund für Räusperzwang. Überhaupt vieles können Sie aus der Stimme Ihres Gegenübers – über den gesprochenen Inhalt der Worte hinweg – erkennen. Selten haben selbstbewusste Menschen Piepsstimmen. Töner hingegen sind nicht immer reflektiert, sie brauchen Aufmerksamkeit. Schnelltexter wollen nicht unterbrochen werden und können schlecht mit Pausen umgehen. Näsler raunzen und bewerten häufig. Dialektsprecher sind oft Wohlfühlrhetoriker, die sich nicht exponieren wollen. Gerade bei denen schaffen Sie mit Lokalkolorit schneller Vertrauen als mit distanzierender Hochsprache.

Der Leader will oder muss ins Fernsehen – Was gilt es zu beachten.
Man sollte das Sendungsformat und die diesbezügliche Zielgruppe kennen. Manchmal rufen Journalisten wenige Stunden vor der Fertigstellung eines Beitrages an – und dann muss es besonders rasch gehen. Bei aller Eile und dem Bedürfnis, seinen Namen im Bildinsert zu lesen, ist aber wichtig, dass die eigene Aussage Zusehernutzen und Weitererzählwert hat und unmissverständlich formuliert wird. Der Unterschied zwischen jemanden der unvorbereitet vor Journalisten tritt ist im Vergleich zum routinierten Redner enorm. Profis kennen besser die “Do’s und Don’ts beim Medienauftritt” und haben trainiert, Antworten auch in 20 Sekunden samt einer Botschaft auf den Punkt zu bringen.


Podcasts

Rhetorik: Tipps & Tools mit Tatjana Lackner

In "Tipps & Tools mit Tatjana Lackner" gibt die Sprach-Expertin Rhetorik-Tipps. Sie liefert Wissenswertes rund um Rede-Design und Gesprächsführung "auf die Ohren".

Den Podcast finden Sie hier auf Spotify und bei Apple Podcasts.

Schule des Sprechens: Talk mit Tatjana

In der "Schule des Sprechens" holt Lackner interessante Gäste aus Politik und Wirtschaft vor das Mikrofon. In den Experten-Talks kommen auch Trainer-Kollegen zu Wort und geben Insider-Infos.

Den Podcast finden Sie hier auf Spotify und bei Apple Podcasts.



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