Gender Pay Gap: Anstoß zur Gleichberechtigung

Über fast alle Branchen und Industrien verdienen Männer nach wie vor deutlich mehr als gleich qualifizierte Frauen. Die Kluft zwischen den Gehältern ist aber nirgendwo so sichtbar wie im Fußball. Gehaltsexpertin Martina Ernst und Fußball-Experte Jonas Puck analysieren.

Thema: Executive Education
Beißen am Platz: Sarah Puntigam beim Viertelfinalspiel der Women's EURO 2017 im Duell mit der Spanierin Maria Francesca Caldentey.

Beißen am Platz: Sarah Puntigam beim Viertelfinalspiel der Women's EURO 2017 im Duell mit der Spanierin Maria Francesca Caldentey.

In wenigen Wochen, am 11. Juni, beginnt die Fußball-Europameisterschaft 2021, die offiziell den Namen EURO 2020 trägt weil das Turnier COVID-bedingt um ein Jahr verschoben wurde. Angeführt wird das Turnier vom regierenden Europameister Portugal und seinem Superstar Christiano Ronaldo - seit einer gefühlten Ewigkeit eine Ikone des Sports. Und einer der bestbezahlten Fußballer aller Zeiten. Laut Wirtschaftsmagazin Forbes hat er bei Juventus Turin in der Saison 2020/21 98,61 Millionen Euro verdient - 59 Millionen Euro Gehalt und 39,61 Millionen Euro Werbeeinnahmen.

Damit war Ronaldo aber noch gar nicht der Bestverdiener. Lionel Messi hat in der gleichen Zeit beim FC Barcelona sogar 106,19 Millionen Euro - 77,54 Millionen Euro Gehalt und 28,66 Millionen Euro Werbeeinnahmen - verdient.

Derart exorbitante Summen sind zwar auch bei den männlichen Fußballstars sehr außergewöhnlich, zeigen aber die Kluft auf, die im Spitzensport - und besonders im Fußball - zwischen Männer und Frauen klafft. In einem interdisziplinären Forschungsprojekt hat Universitätsprofessor Jonas Puck, akademischer Leiter des MBA Energy Management der WU Executive Academy, weltweit Fußballvereine beider Geschlechter und deren Gehälter unter die Lupe genommen. Das bisherige Fazit der noch laufenden Studie: Männliche Fußballspieler verdienen 50 bis 200 Mal mehr als die Fußballspielerinnen derselben Liga – je höher die Liga, desto größer wird der Gender Pay Gap.

„An der absoluten Spitze finden sich einige wenige Frauen, die gut vom Profifußball leben können – sie verdienen derzeit wohl maximal 400.000 Euro im Jahr“, sagt Puck. Er schätzt, dass es weltweit nicht mehr als 50 Profifußballerinnen gibt, die mehr als 300.000 Euro brutto im Jahr verdienen. Während die Profi-Fußballer sich auf ihren Sport konzentrieren können, sind die weiblichen Profi-Fußballerinnen meist noch in Brotjobs verhaftet, weil der Fußballsport kaum zum Leben reichen würde.

Österreich: Peanuts statt Butter aufs Brot

Besonders schlecht bestellt ist es um die Fußballerinnen in Österreich. Puck, der als Vizepräsident des Wiener Fußballklubs First Vienna FC für den Frauenfußball in der zweiten Bundesliga zuständig ist, weiß: "Frauen können auch in der ersten Bundesliga nicht vom Fußball leben." Die große Mehrheit der Fußballerinnen bekommt auch in der Ersten Liga lediglich ein symbolisches Gehalt von 500 bis 600 Euro brutto. Bei den Männern liegt der Schnitt dagegen inklusive Prämien bei deutlich über 10.000 Euro.

In Deutschland verdienen die Frauen in der Ersten Bundesliga zwar 43.000 Euro im Jahresgehaltsschnitt (Anm.: Zahl aus 2018), die Männer dagegen ein Vielfaches: beim FC Paderborn etwa ist es mit 420.000 Euro im Schnitt das Zehnfache über alle Kaderspieler hinweg, beim FC Bayern München dagegen sind es 8,12 Millionen Euro Jahresgehalt – FC Bayern Star Robert Lewandowski verdient in der aktuellen Saison 19,5 Millionen Euro.

Einzementierte Gehaltslücke

Kein Wunder, dass der Frauenfußball in Österreich abgesehen von der kurzen Begeisterungswelle im Jahr 2017 als das Damen-Nationalteam bei der Europameisterschaft bis ins Halbfinale kam und dort erst im Elfmeterschießen ausschied ein absolutes Schattendasein fristet.

Doch nicht nur im Fußball - praktisch in allen Branchen und Wirtschaftsbereichen klafft eine gewaltige Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen. Laut Statistik Austria verdienen Frauen in Österreich über alle Branchen, Teilzeit- und Vollzeitjobs unbereinigt um 36,4 Prozent weniger als Männer.

Auch wenn man die Gehaltsunterschiede bereinigt und nur ganzjährig Vollzeitbeschäftigte betrachtet, bleibt der Statistik Austria zufolge eine Differenz von 14,3 Prozent zwischen Männer- und Frauengehältern. Dem EU-weiten Gender Pay Gap der Eurostat Datenbank zufolge, bei dem durchschnittliche Bruttostundenverdienste zum Vergleich herangezogen werden, liegt der Gehaltsunterschied in Österreich sogar bei 19,9 Prozent und damit weit über dem Durchschnitt der 27 EU-Mitgliedsstaaten von 14,1 Prozent. Österreich liegt damit mit Estland und Lettland am untersten Ende des EU-Rankings.

Weltweit wird des laut statista.com 268 Jahre dauern, bis Frauen und Männer weltweit gleich viel verdienen und der Gender Pay Gap geschlossen ist. In Österreich darf man in hundert Jahren damit rechnen.

Wege zur Gleichberechtigung

Weder sind die Vergleiche neu, noch die Vorschläge und Ideen um den Gender Pay Gap zu reduzieren. „Natürlich sollte man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, aber dass Frauen in Teilzeitjobs und in Geringverdiener-Branchen arbeiten, ist vor allem auch ein strukturelles Problem“, sagt die Gehaltsexpertin Martina Ernst, Gründerin von SalaryNegotiations. und Präsidentin des Female Leaders Network an der WU Executive Academy. Sie plädiert daher unter anderem für mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten – vor allem am Land. Nur so hätten Frauen echte Wahlmöglichkeiten, wie sie leben und arbeiten wollen. Genauso wichtig wäre es, ein gesetzlich verankertes Pensionssplitting einzuführen, das Frauen langfristig mehr finanzielle Unabhängigkeit gibt - und vielleicht auch mehr Männer in Teilzeitarbeit und Elternkarenz bringt.

Dabei sind die Unterschiede in den Bezügen zwischen Männern und Frauen der Gehaltsexpertin zufolge aber nur zu einem kleinen Teil etwa durch branchenspezifische Umstände erklärbar. "Von diesen 19,9 Prozent Gehaltsunterschied im Bruttostundenlohn zwischen den Geschlechtern in Österreich sind nur fünf Prozent durch externe Faktoren wie etwa Branche, Berufswahl oder Teilzeitquote erklärbar", sagt Ernst.

Gehaltsverhandlungen: Selbstbild zurechtrücken

Die verbleibenden knapp 15 Prozentpunkte erklärt die Gehaltsexpertin mit dem Gender Bias: "Unbewusste Bewertungen und Vorurteile Frauen gegenüber – spielen eine große Rolle. Etwa haben die gleichen Lebensläufe weniger Response und Jobchancen, wenn die Bewerberin eine Frau ist.“ Unbewusst würde Männern häufig mehr Kompetenz und Durchsetzungskraft zugeschrieben als Frauen. „Hinzu kommt, dass Frauen selbst einem Gender Bias erliegen und sich und andere Frauen nicht selten als weniger kompetent einstufen als Männer“, sagt Ernst und verweist auf eine Studie des Beratungsunternehmens Mercer aus dem Jahr 2020.

Das allzu kritische Selbstbild wirke sich auch auf Gehaltsverhandlungen aus. „Frauen tendieren dazu, sich selbst unter Wert zu verkaufen und bei Gehaltsverhandlungen zu wenig zu fordern“, weiß die Gehaltsexpertin, die sich auf Coaching für weibliche Führungskräfte spezialisiert hat und an der WU Executive Academy auch Workshops zum Thema Gehaltsverhandlungen leitet. Sie weiß: "70 Prozent der Frauen glauben immer noch, für ihre Extraleistung und ihren Fleiß von Vorgesetzten honoriert zu werden, ohne dass sie dies einfordern müssten. Das wird nicht passieren, sie müssen schon selbst aktiv werden.“ Die meisten Frauen hätten kein Problem, die Extrameile zu gehen: „Der Mehrwert sollte aber auch seinen Preis haben, sonst fragen die anderen, warum eine Frau sich mit so wenig Gehalt oder Honorar zufriedengibt.“

Anstoß im Fußball: Förderung und Sensibilisierung

Zurück zum Thema Fußball: Auch in der Fußballwelt ist der Gender Bias offensichtlich vorhanden, wenn es um individuelle Honorarverhandlungen geht. Das zeigt sich, wenn globale Marken und Unternehmen Werbeverträge mit bekannten Profifußballerinnen abschließen und diese – wenn überhaupt – oft nur einen lediglich vierstelligen Jahresbetrag erhalten – während die Stars unter ihren männlichen Pendants das Hunderte- bis Tausendfache lukrieren.

Fußball-Experte Jonas Puck sieht die Entwicklung dennoch positiv: „Die Sozialisierung wirkt noch stark – mehr als hundert Jahre war Fußball männlich konnotiert. Noch fehlen den Mädchen die Role Models, aber: Fußball wird bei den Mädchen durchaus interessanter. Je mehr Mädchen Fußballvereinen beitreten, desto mehr Talente wird es geben.“ Die Studie, an der Jonas Puck mitarbeitet, untersucht auch die Motive von Mädchen und Frauen, Fußball zu spielen. Während Buben einen Cristiano Ronaldo mit Luxusleben als Role Model haben, fehlt die Vorbilder den Mädchen – schlicht, weil es solche Bestverdienerinnen unter den Profifußballerinnen nicht gibt. „Die Untersuchung lässt vermuten, dass Mädchen und Frauen stärker intrinsisch über den Sport selbst motiviert sind und bei den Buben auch der Traum von viel Geld und sozialer Anerkennung eine Rolle spielt“, sagt Puck.

Ein Weg um Frauen zu unterstützen seien Förderungen. In den USA wird Mädchenfußball etwa deutlich stärker gefördert als in Österreich. „In Österreich spielen Leistungszentren eine wichtige Rolle: und hier ist es wichtig auch die Eltern und Mädchen für den Sport zu sensibilisieren und zu begeistern, damit mehr weibliche Talente nachrücken.“ Puck sieht dennoch positives Veränderungspotenzial: „Die Wertschätzung gegenüber dem Frauenfußball steigt. Und es ist eine Chance für Unternehmen, sich als Sponsoren im Bereich Corporate Social Responsibility und Gender Equality zu positionieren. Das ist mit Herrenfußball nicht möglich.“

Auch Vereine hätten durch die zusätzliche Frauensparte eine doppelte Chance, Spiele zu gewinnen. Sogar die UEFA und die FIFA würden zunehmend in den Frauenfußball investieren: „Auch die weiblichen Role Models werden immer sichtbarer. Über Sponsoren und mit dem steigenden Interesse der Öffentlichkeit wird es auch bei den Gehältern zu einer Aufwärtsspirale kommen.“


WU Executive Academy

Die WU Wien bündelt in ihrer Executive Academy ihr Programmportfolio im Bereich „Executive Education“. Dazu zählen MBA und Master of Laws Programme, das Universitätsstudium Diplom BetriebswirtIn, Universitätslehrgänge, Custom Programs und Kurzprogramme. Durchschnittlich 800 Graduate Students und ca. 1.200 Führungskräfte, Fachleute und High-Potentials aus über 75 Ländern werden jedes Jahr in den Programmen aus- und weitergebildet.

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