"Gehälter am Jobmarkt um zehn Prozent niedriger als vor Corona"

Armand Kaáli-Nagy, Chef des Weiterbildungsinstitutes ÖPWZ, über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Stellenmarkt und Stellenausschreibungen und warum sich durch die Pandemie dennoch manches zum Positiven gewendet hat.

"Gehälter am Jobmarkt um zehn Prozent niedriger als vor Corona"

trend: Herr Kaáli-Nagy, die Corona-Pandemie hat den Arbeitsmarkt massiv getroffen. Hatte die Krise auch Auswirkungen auf die Gehälter, die Unternehmen nun bei Stellenausschreibungen anbieten?
Armand Kaáli-Nagy: Unternehmen haben in der Pandemie das angebotene Grundgehalt in Stelleninseraten deutlich heruntergefahren und sind vorsichtiger. Im Schnitt liegen die angebotenen Gehälter um zehn Prozent unter den Werten vor Ausbruch der Pandemie. Den höchsten Rückgang bemerken bei Gehaltsangaben in Jobinseraten für höhere Positionen. Welches Verhandlungsergebnis tatsächlich erzielt wird, wissen wir natürlich nicht, aber es weißt darauf hin, dass Unternehmen weniger bereit sind zu zahlen als vor der Krise.

Das ist eine Trendumkehr?
In den letzten Jahren haben sich die Gehaltsangaben in Stellenausschreibungen immer stärker dem Ist-Gehalt angenähert, also dem Betrag, den Unternehmen tatsächlich bereit sind, auch zu zahlen. Jetzt bemerken wir, dass in den Stellenangeboten vielfach wieder der Mindestgehalt angegeben wird.

Das bedeutet Gehaltsverhandlungen für einen neuen Job werden schwieriger?
Davon ist auszugehen. Wenn es für Bewerber auch stark davon von der Branche und dem Unternehmen abhängt. Je stärker die Branche von der Krise betroffen ist, umso schwieriger wird es natürlich.


Viele Mitarbeiter sind jetzt wechselwillig.

Wagen sich in der Pandemie weniger um einen neuen Job umzusehen als vorher?
Das Gegenteil ist der Fall. Vor allem jene, die befürchten, der Arbeitgeber könnte die Pandemie wirtschaftlich nicht überleben, sind wechselwillig.

Welche Firmen sind, was Mitarbeiter-Recruiting anbelangt, die Gewinner?
Unternehmen die Sicherheit ausstrahlen. Da sind solche, die vermitteln können, auf einem soliden wirtschaftlichen Fundament zu stehen und daher etwa auch einen sicheren Firmenstandort und damit auch Arbeitsplatz bieten. Das sind oft große Unternehmen, aber auch kleine Eigentümer-geführte Firmen, wo die Mitarbeiter spüren, dass der Eigentümer voll und ganz dahinter steht. Viele Gewerbebetriebe verzeichnen auch eine sehr gute Auftragslage, wie etwa Fahrradhändler, wo man mit der Abwicklung der Bestellungen nicht nachkommt.

Was hat sich seit Corona in den Strukturen der Unternehmen verändert?
Corona hat bei vielen Unternehmen zum Umdenken geführt. Es hat sich bei Unternehmen viel zum Positiven gewendet. Es ist toll zu beobachten, wie flexibel die Unternehmen geworden sein. Sie haben gelernt, flexibel zu agieren - selbst solche, die vor der Krise keinen Bedarf sahen, haben sich seither umgestellt. So etwa auch der öffentliche Dienst. In diesem Bereich war die Digitalisierung schon vor der Krise weit fortgeschritten, aber erst nach Ausbruch der Pandemie wurde beispielsweise das Homeoffice in vielen Bereichen erst möglich gemacht.


Den eigenen Mehrwert für ein Unternehmen ergründen.

Woran erkennen Bewerber bei Gehaltsverhandlungen, wie gut ihre Chancen sind?
Zunächst sollte man die persönliche Konkurrenzsituation einschätzen. Ist meine Ausbildung stark nachgefragt oder gibt es viele mit ähnlicher Qualifikation? So sind derzeit Mitarbeiter in den Bereichen eMobilität, Digitalisierung und Immobilienwirtschaft derzeit stark gesucht. Bewerber sollten den eigenen Mehrwert für ein Unternehmen ergründen. Und sie sollte sich fragen, welche zusätzliche Kompetenz sie während der Krise aufbauen konnten, die für den künftigen Arbeitgeber interessant sind.

Aus welchem Grund sollte Jobsuchende Abstriche beim Gehalt machen?
Bewerber sollten sich im Klaren sein, was ihnen wichtig ist. Wer Privatleben und Beruf gut unter einen Hut bekommen möchte oder neben dem Job noch eine Ausbildung machen möchte, sollte überlegen, ein geringeres Gehalt zu akzeptieren.


Zuschüsse werden mehr geschätzt als Dienstwägen.

Haben sich die Wünsche der Bewerber und auch Angebote der Unternehmen bei den zusätzlichen Gehaltsbestandteilen geändert?
Ein Dienstwagen, vor der Pandemie noch ein wichtiger Gehaltsbestandteil, stellt nun einen geringeren finanziellen Anreiz dar als vor der Pandemie, stattdessen gewinnt die Kostenübernahme des Internet-Anschlusses im Homeoffice durch den Arbeitnehmer beispielsweise an Bedeutung. Andere wiederum schätzen beispielsweise Zuschüsse zum Essen von Lieferdiensten.

Verschärft die Krise die Situation bei prekären Arbeitsverhältnissen?
Es wird für die betroffenen Mitarbeiter bestimmt nicht leichter, aber in einigen Bereichen gibt es neue Chancen durch die Digitalisierung oder die Nachfrage nach regionalen Angeboten.

Wie hilft Ihr Zentrum Unternehmen in der Krise?
Wir stehen seit März 2020 in besonders intensivem Austausch mit Unternehmen und hatten Telefonkonferenzen mit mehreren Hundert Betrieben. Wir unterstützen sie, in der Pandemie Veränderungen zu meistern. Wir geben Tipps, wie mit dem Homeoffice umgangen werden soll, welche Regelungen es beispielsweise dazu gibt, Oder wie der Einkaufsprozess neu aufgesetzt werden kann und Lieferungen wirklich ankommen. Was Firmen tun können, um finanziell gut durch die Krise zu kommen. In unseren Managementforen können sich Unternehmen zudem branchenübergreifend austauschen.

Zur Person

Mag. Armand Kaáli-Nagy ist Personalmanagement-Spezialist und Geschäftsführer des Erwachsenen-Bildungsinstitutes ÖPWZ (Österreichisches Produktivitäts- und Wirtschaftlichkeits-Zentrum). Er leitet in dieser Funktion unter anderem den Ausbildungsbereich „Personalmanagement“. Er ist zudem Studienautor und Vortragender.

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