Game of Thrones: Hat Westeros das Zeug zum Silicon Valley?

Prof. Nikolaus Franke analysiert die HBO-Serie "Game of Thrones": Westeros ist nicht das Silicon Valley

Prof. Nikolaus Franke analysiert die HBO-Serie "Game of Thrones": Westeros ist nicht das Silicon Valley

Die finale achte Staffel des Fantasy-Serie "Game of Thrones" bricht Rekorde und spaltet die Meinungen. Prof. Nikolaus Franke von der WU Executive Academy geht der Frage nach, welche Rollen Entrepreneurship und Innovation in Westeros, dem Schauplatz von Game of Thrones haben.

Für das Fantasy-Epos "Game of Thrones" hat sich Autor George R.R. Martin einen eigenen Kontinent als Schauplatz ausgedacht: Westeros, im äußersten Westen der bekannten Welt gelegen. Der fiktive Erdteil entspricht laut der Romanvorlage von seiner Größe her in etwa Südamerika und ähnelt in seiner Geographie und Geometrie stark den britischen und irischen Inseln. Der überwiegende Teil der Handlung von "Game of Thrones" findet dort statt.

Das Fantasie-Universum hat eigene Naturgesetze wie zum Beispiel unregelmäßige Winter, eine eigene Technologie, Kultur, Religionen und Sozialsysteme. Doch wie steht es um die Bereiche Entrepreneurship und Innovation in Westeros und bei den Bewohnern, den Westerosi?

Prof. Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation der WU Executive Academy, hat sich anstelle der 3D- die Innovations-Brille aufgesetzt untersucht, wie es in den ersten sieben Staffeln um diese kritischen Punkte steht. Sein Fazit: Beide sind unterentwickelt – mit eindeutig negativen Wohlfahrtseffekten für die Bevölkerung. Warum das so ist, lesen Sie in der folgenden Analyse.

Westerosi sind Innovationsmuffel


Innovation ist in Westeros eher ein Randphänomen. Fortschritt und Wohlstand sind entsprechend unterentwickelt. Nur in zwei Bereichen kommt es zu gewissen Neuentwicklungen:

1. Waffen und Militärtechnik

Der erste ist das weite Feld von Waffen und Militärtechnik, was in einer Welt von Kriegen und Schlachten nicht verwundern kann. Das dominante Entstehungsprinzip ist modern: Neuerungen werden durch die Nutzer selbst geschaffen, nicht durch spezialisierte Unternehmen, die von der Skalierung kommerziell profitieren. Der Einsatz von Seefeuer in der Schlacht am Schwarzwasser oder zur Sprengung der Septe (durch die Lead User Tyrion und Cersei), die Identifikation von Drachenglas als Mittel gegen die lebenden Toten, Qyburns Riesenarmbrust als Mittel der Drachenabwehr sind Beispiele für Open and User Innovation. Sie werden „by doing“ durch diejenigen erfunden, die durch die Nutzung der Innovation im Eigengebrauch motiviert sind. Am Ende der siebten Staffel gelingt dem Nachkönig die womöglich radikalste Service-Innovation: Die Zerstörung der Eismauer durch einen (gen-?) manipulierten Drachen.

Man darf jedoch nicht übersehen, dass auch im Bereich der Militärtechnik eine innovationsfeindliche Haltung deutlich wird. Der größte Teil der Waffensysteme ist offenbar Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alt. State-of-the-Art sind Schwerter aus Valyrischem Stahl, die vor Jahrhunderten geschmiedet wurden. Als neutraler Betrachter fragt man sich, warum die Akteure nicht mehr geistige Energie in die Entwicklung neuartiger Waffen investieren, wenn ihnen diese Produktkategorie schon so wichtig ist.

Es wäre beispielsweise naheliegend, die Drachen mit dem Seefeuer als eine Art Bombenflugzeug einzusetzen. Die Wirksamkeit von Feuer als Mittel gegen das Heer der Toten wurde – User Innovation – ja bereits entdeckt. Auch der Gebrauch von Drachenglas als Schrotgeschoß bietet sich an, immerhin scheint es eine hochwirksame Zerstörungskraft in Bezug auf den Hauptfeind zu besitzen. Und was machen die Waffenproduzenten? Statt auf den Distanzkampf zu setzen, schmieden sie Äxte aus Drachenglas.

Offenbar fehlt es an Phantasie zu solchen Schumpeter’schen Neukombinationen. Festzustellen ist natürlich außerdem, dass Waffeninnovationen allenfalls indirekt zum Wohlstand einer Gesellschaft beitragen können (etwa als Mittel der Friedenssicherung oder zur Abwehr einer externen Bedrohung, im Fall von Westeros der Invasion der lebenden Toten). Ihr primärer Zweck ist Zerstörung und Vernichtung – das Gegenteil von Fortschritt.

2. Sozialinnovationen

Roberts Rebellion stellt die dynastisch geprägte Herrschaftswelt fundamental in Frage und kann als Disruption gelten. Die Kräfte der Restauration scheinen jedoch spätestens seit seiner Ermordung in Staffel 1 zu überwiegen.

Nachhaltiger wirken die Sozialinnovationen von Daeneris Targayen. Sie schafft das Sklavensystem auf Essos erfolgreich ab und meldet als erste weibliche Herrscherin Ambitionen auf den Eisernen Thron an. Interessant ist, dass die letztgenannte Innovation der Emanzipation sofort diffundiert: Cersei ist als gegenwärtige Regentin auf dem Eisernen Thron „Fast Follower“ und in einem weiteren Sinne folgen auch Arya, Brienne, Sansa, Asha und die Martell’schen Vipern im Verlauf der Serie dem von ihr gesetzten Trend und brechen die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter in Westeros auf.

Aber die Innovationen sonst? Eher Kleinigkeiten. Interessanterweise sind auch der neuartige Sattel und der Rollstuhl für den querschnittgelähmten Bran User Innovationen. Der praktische Aufzug auf die Eismauer wurde möglicherweise ebenfalls durch die Nachtwache geschaffen. Man erfährt allerdings kaum etwas über die technologisch sicherlich interessanten Antriebsmotoren und deren Energiespeichersystem.

Official Trailer (HBO)

Am Kapital und den Entrepreneuren liegt es nicht

Nun stellt sich die Frage, was die Gründe für diese Innovationsarmut sind. Ein Mangel an Kapital ist es nicht. Die Eiserne Bank von Bravos hält das Finanzierungssystem in Westeros kühl und rational aufrecht. Es fehlt auch nicht an Entrepreneuren. Eine ganze Reihe der zentralen Charaktere hat große Stärken im Erkennen von neuen Möglichkeiten. Tyrion, Tyvin, Varis, Samwell, Missandei und Kleinfinger wirken klug und einfallsreich.

Unternehmerische Durchsetzungskraft ist ebenfalls vorhanden. Cersei, Daeneris, Stannis und viele andere sind nicht zimperlich, wenn es um Festigung und Ausbau der Machtpositionen geht. Ethische Erwägungen schränken sie dabei wenig ein. Die Gestaltung der sogenannten roten Hochzeit oder Ramsays Provokationen bei der Schlacht der Bastarde können als einfallsreiche Manöver gelten.

Durch alle Staffeln hindurch werden ungewöhnlichen Allianzen geschlossen. Die Kooperation der verschiedenen Stämme der Wildlinge untereinander zeigt Manke Rayders Fähigkeit zur Geschäftsmodellinnovation. Der Entrepreneur Jon Schnee übertrifft ihn mit dem organisatorischen Schachzug der Kooperation der Bewohner von Westeros mit den Wildlingen und zur Herbeiführung der bisher umfassendsten Allianz der gesamten Handlung, dem Pakt der Lebenden gegen den Nachtkönig und sein Heer, findet sogar eine Art Elevator Pitch statt: Die Vorführung des aufwendig festgesetzten prototypischen Toten scheint sogar die notorisch kooperationsunwillige Cersei kurzzeitig ins Wanken zu bringen.

Praktische Beispiele überzeugen eben immer. Der oft zitierte Wahlspruch „ein Lennisters bezahlt stets seine Schuld“ zeugt von einem intuitiven Verständnis für die so genannte Tit-for-Tat-Strategie, einem Klassiker der spieltheoretisch ausgerichteten Kooperationsforschung. Die Agilität der Kämpferin Arya wiederum steht stellvertretend für die flexiblen und unkonventionellen Start-Ups, die den „Großen“ zu schaffen macht.

Karger Boden in Westeros Innovationsökosystem

Wenn es also nicht die Personen und das Kapital sind, was ist es dann? Zwei Gründe erscheinen ausschlaggebend:

  • Erstens fehlt es an Institutionen zur Innovation. Universitäten, Forschung- und Bildungseinrichtungen, die Epizentren der Innovation, sind völlig unterentwickelt. Die häufigsten Schulungen beziehen sich auf den Waffengebrauch (immerhin mit einer sehr handfesten Anwendungsorientierung), die Fähigkeit zum Lesen erwirbt man anscheinend autodidaktisch bzw. selbstorganisiert (wie Davos Sewert und Goldie).

    Der einzige Ort von Forschung und Entwicklung scheint die Zitadelle zu sein. Dort arbeitet zwar eine große Zahl von Gelehrten und sie verfügen auch über viele Bücher. Aber sie ist anscheinend – so wie die wenig kundenorientierte Eiserne Bank auch – ein Monopolist. Ohne Wettbewerb wirkt sie sehr innenorientiert und mit sich selbst beschäftigt. Für die sehr bürokratisch organisierte Maesterausbildung hat sie hohe Eintrittsbarrieren errichtet. Den genialen, aber skrupellose Erfinder Qyburn schließt sie aus und auch der Pragmatiker Samwell kann die Grauschuppenerkrankung von Jorah Mormont nur heilen, indem er die konservativen Spielregeln bewusst verletzt.

    Eine Schlüsselrolle für die Innovationsarmut in Westeros spielt der Bereich von Information und Kommunikation. Der technologische Stand ist dürftig, es ist bezeichnend, dass noch nicht einmal der Buchdruck erfunden wurde. Kurznachrichten werden unverschlüsselt über Raben verschickt und die einzigen Bereiche, in denen es zu einer gewissen Blüte gekommen ist, scheinen Giftproduktion und Geheimdienste zu sein.

  • Womöglich kausal für das fehlende Innovations-Ökosystem in Westeros ist der zweite Grund: Die gesellschaftliche Struktur. Es überwiegt ein innovationsfeindliches Klassensystem. Statt Leistungsorientierung und Marktsystemen gibt es ein planwirtschaftliches Erbfolgeprinzip. Die Ziele der Herrschenden sind entsprechend nahezu vollständig auf die Erlangung von Macht ausgerichtet, nicht auf das Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern. Die häufigen Kriege zerstören Infrastruktur und damit auch Ansätze zu innovationsfördernden Institutionen.

    Unterstützt wird diese Orientierung durch ein wenig rationales Weltbild. Gottesurteile, Schicksalsgläubigkeit und Okkultismus zeigen, dass die Aufklärung in Westeros noch nicht angekommen ist. In gewisser Weise ist dies nachvollziehbar, denn in einer Welt mit mordenden Schatten, auferstehenden Toten und fliegenden Drachen hat es die Vernunft notorisch schwer.

Fazit:

Den Bewohnern von Westeros bleibt entsprechend zu wünschen, dass es Social Entrepreneurs wie Daeneris, Jon Schnee und Tyrion gelingt, die Voraussetzungen für mehr Innovation zu schaffen, um damit Fortschritt, Wohlstand und Frieden herbeizuführen. Die WU Executive Academy stellt die Innovationsideen von Brandbomben und Drachenglas-Schrot zu diesem Zweck lizenzfrei zur Verfügung und bietet den Bewohnern von Westeros zehn Prozent Rabatt auf ihre vielfältigen Angebote im Bereich Entrepreneurship & Innovation.


WU Executive Academy

Die WU Wien bündelt in ihrer Executive Academy ihr Programmportfolio im Bereich „Executive Education“. Dazu zählen MBA und Master of Laws Programme, das Universitätsstudium Diplom BetriebswirtIn, Universitätslehrgänge, Custom Programs und Kurzprogramme. Durchschnittlich 800 Graduate Students und ca. 1.200 Führungskräfte, Fachleute und High-Potentials aus über 75 Ländern werden jedes Jahr in den Programmen aus- und weitergebildet.

executiveacademy.at

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