Frauenquote in Aufsichtsräten: Klasse statt Masse

Frauenquote in Aufsichtsräten: Klasse statt Masse

Die seit dem 1. Jänner gültige Frauenquoten Aufsichtsräten bringt nicht allzu vielen Frauen neue Mandate. Dafür bietet das Gesetz zu viele Schlupflöcher. Einige wenige Frauen sind aber stark nachgefragt.

In der Telekom Austria hat man sich bestens gerüstet. Fünf Managerinnen aus diversen Bereichen durchliefen letztes Jahr ein viermoduliges Ausbildungsprogramm für Aufsichtsrätinnen: Corporate Governance, Jahresabschlüsse, Verhandlungstaktik, Funktionsweise des Kontrollgremiums. Schließlich stand ja die Frauenquote kurz bevor, und da wollte man auch mitmischen, berichtet Sonja Wallner, Finanzchefin von A1. Seit 1. Jänner gilt nun die 30-prozentige Frauenquote in Österreichs Aufsichtsräten, doch die Ausbeute ist mager. "Ich hatte ein Gespräch, habe aber abgelehnt", berichtet Wallner.

Die Damen in der Telekom Austria sind mit dieser Erfahrung nicht alleine. "Ursprünglich hatte man ja gedacht, die Unternehmen müssten nun händeringend nach Tausenden Frauen suchen. Unter männlichen Aufsichtsräten ging die Angst um, dass sie nun alle ihre Mandate verlieren würden", berichtet Michael Schaumann, Executive Searcher bei Stanton Chase, spezialisiert auf "Board Services"."Inzwischen ist die Realität eingekehrt, und es zeigt sich, dass höchstens ein paar Dutzend Aufsichtsrätinnen gesucht werden", sagt der Headhunter.

Schlupflöcher

Denn das Gleichstellungsgesetz von Männern und Frauen im Aufsichtsrat erlaubt -anders als in anderen EU-Staaten -letztlich zahlreiche Ausnahmen von der vorgeschriebenen Quote. Das bestätigt auch Rechtsanwältin Annika Wolf von der Kanzlei PHH: "Der Anwendungsbereich wurde stark eingeschränkt." Betroffen, so die bekannte Juristin Susanne Kalss in einem kürzlich erschienen Artikel, seien österreichweit lediglich 70 bis 80 Gesellschaften. Von den 68 börsennotierten Unternehmen hat die Quote nur auf 31 eine Auswirkung, hat die Arbeiterkammer jüngst ermittelt. Denn Unternehmen, die weniger als sechs Kapitalvertreter im Aufsichtsrat haben, sind ebenso nicht tangiert davon wie jene, die weniger als 20 Prozent Frauen in der Belegschaft haben.

Cattina Leitner

NEO-ÖBB-AUFSICHTSRÄTIN CATTINA LEITNER hält Frauenquoten bei privaten Unternehmen für entbehrlich. Bei öffentlichen Unternehmen wären sie aber gerechtfertigt, weil gesellschaftspolitisch sinnvoll.

Das betrifft etwa AMAG, Andritz, den Flughafen Wien oder Lenzing. Nicht börsennotierte Unternehmen wiederum haben nur dann Anpassungsbedarf, wenn sie über 1.000 Mitarbeiter in Österreich beschäftigen, wovon wiederum 200 weibliche Mitarbeiter sein müssen. Für Anette Klinger, Eigentümerin von Internorm und erklärte Gegnerin der Frauenquote, ist diese Regelung kontraproduktiv: "Das könnte sich sogar negativ auf Frauen auswirken." Denn manche Unternehmen könnten sich im Zweifelsfall eher für einen Mann als Mitarbeiter entscheiden, um unter der gesetzlichen Schwelle von 20 Prozent zu bleiben.

Wieder andere Unternehmen haben noch eine "Gnadenfrist" in Sachen Frauenquote. Denn das Gesetz sieht vor, dass nur auslaufende Mandate neu besetzt werden müssen. Bei der Agrana etwa hat man erst letzten Sommer die Mandate aller zwölf (männlichen) Aufsichtsräte auf weitere fünf Jahre verlängert. Das "Old Boys Network", wie man von Männern dominierte Kontrollgremien im angloamerikanischen Raum gerne bezeichnet, geht also in die Verlängerung. Erst 2022 oder bei vorzeitigem Ausscheiden eines Aufsichtsrats kommt beim Zuckerproduzenten eine Frau zum Zug.

Die vielen Ausnahmen der österreichischen Regelung sind umso bedauerlicher, als Österreich EU-weit ohnehin Nachzügler in Sachen Frauenquote ist (siehe Grafik).

In österreichischen Aufsichtsräten sind Frauen unterdurchschnittlich vertreten.

Während im EU-Schnitt 25,3 Prozent Frauen in Aufsichtsräten großer Unternehmen zu finden sind, sind es in Österreich aktuell 19 Prozent. Spitzenreiter ist Frankreich mit 43,3 Prozent, wo die 40-Prozent-Quote 2011 eingeführt wurde, Schlusslicht ist Estland mit 7,4 Prozent.

Golden Skirts

Allerdings zeigt sich auch in Ländern wie Frankreich oder Norwegen, wo man früh eine Quote eingeführt hat, dass der Pool an Frauen, die für die verantwortungsvollen Posten herangezogen wurden, sehr klein ist. Dafür sitzen diese wenigen Frauen - salopp auch "Golden Skirts" genannt - dann auch in mehreren Aufsichtsräten. Diese Tendenz zeigt sich auch in Deutschland. So ist Ann-Kristin Achleitner, Frau des Deutsche-Bank-Präsidenten Paul Achleitner, gleich in drei DAX-Unternehmen (Linde, Deutsche Börse, Münchner Rück) als Aufseherin zu finden.

Ähnlich wird es sich wohl auch in Österreich abspielen. "Zweifelsohne werden die, die schon sichtbar sind, auch am öftesten gefragt", ist sich Verlegerin Eva Dichand im trend-Interview (Siehe Interview: "Ich halte nichts von politisch besetzten Posten") sicher. Dichand selbst wurde soeben von der Regierung in den Unirat der MedUni Wien entsandt. In den letzten zehn Jahren wurde die gut vernetzte Herausgeberin von "Heute" nicht weniger als 20 Mal gefragt, ob sie in einen Aufsichtsrat einziehen will.

WÜSTENROT-CHEFIN SUSANNE RIESS bekommt zahlreiche Angebote für Aufsichtsratsposten. Viele davon aus dem Ausland. In der Finanzwirtschaft herrscht "Frauenknappheit", konstatiert sie.

Auch Rechtsanwältin Cattina Leitner, Frau des Andritz-Chefs, kann sich aktuell nicht über zu wenig Beachtung beklagen. Sie wurde von der ÖVP in den Unirat der Wirtschaftsuniversität Wien und den Aufsichtsrat der ÖBB geholt. Leitner sieht die neue Quote dennoch kritisch: "Auf der einen Seite macht die Quote kompetente Frauen sichtbarer, auf der anderen ist sie ein Eingriff in die Aktionärsrechte", findet sie. Bei privaten Unternehmen lehnt sie deshalb die Quote ab, bei öffentlichen wie den ÖBB ist sie aus ihrer Sicht jedoch aus gesellschaftspolitischen Gründen gerechtfertigt. Über ihre Bestellung in den ÖBB-Aufsichtsrat freut sich die Juristin, die einst den Bundespräsidentenwahlkampf von Irmgard Griss unterstützt hat, besonders. Schließlich wurde sie von Norbert Hofer, dem einstigen Gegner von Griss, bestellt. Dass andere Frauen wie Brigitte Ederer dafür aus dem Kontrollgremium weichen müssen, sieht Leitner eher unsentimental. Schließlich brauche jeder Aufsichtsrat das Vertrauen der Eigentümer.

Vor Anfragen kaum erwehren kann sich in den letzten Monaten auch Wüstenrot-Chefin Susanne Riess. Sie ortet vor allem in der Finanzwirtschaft eine "Knappheit " an Frauen. Denn Ruheständlerinnen gäbe es kaum, aktive Finanzmanagerinnen würden strikten Beschränkungen unterliegen. So könne sie als Chefin von Wüstenrot nur zwei Mandate zusätzlich annehmen. Mit dem Verbund-und dem Signa-Aufsichtsrat ist das Kontingent aber schon ausgeschöpft. "Ich musste also etliche Anfragen, vor allem aus dem Ausland, leider ablehnen", bedauert die frühere Politikerin.

ELISABETH STADLER, VIG-Chefin und Post-Aufsichtsrätin wünscht sich, dass Frauen öfter "Hier" schreien. Eine Freundin der Frauenquote ist sie aber nicht.

VIG-Chefin und Post-Aufsichtsrätin Elisabeth Stadler schließt neue Mandate nicht aus, aber: "Das eigene Unternehmen geht vor. Da muss man sehr genau selektieren." Sie wünscht sich, dass sich ihre Geschlechtsgenossinnen künftig stärker präsentieren und öfter "Hier" schreien. Dann, so glaubt sie, würde die Quote -trotz der vielen gesetzlichen Einschränkungen - automatisch ansteigen. Headhunter Schaumann ist ihrer Meinung. "Frauen sind bei der Auswahl der Mandate viel überlegter als Männer. Dennoch tue ich mir bei der Suche sehr leicht. Es gibt unsagbar viele kompetente Frauen."

Die Hoffnung bleibt also aufrecht, dass sie in absehbarer Zeit keine bloßen Quotenfrauen mehr sind.

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