Frauen in Führungspositionen: Es mangelt an Talent-Management

Frauen in Führungspositionen: Es mangelt an Talent-Management
Frauen in Führungspositionen: Es mangelt an Talent-Management

Frauen in Top-Positionen sind nach wie vor ein seltenes Bild, das wird sich laut Branchenführern auch kaum ändern.

Führende Unternehmen sehen Frauen in Führungspositionen nicht auf der Überholspur. Allerdings scheint das Interesse, das zu ändern, von Seiten der Unternehmen auch gering zu sein.

Top-Unternehmen weltweit unterschätzen weiterhin das Problem des immer noch geringen Frauenanteils in Chefetagen: Die deutliche Mehrheit (69 Prozent) der Branchenführer ist trotz der geringen Fortschritte überzeugt, dass sie in den kommenden 25 Jahren ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in ihren obersten Führungsgremien erreichen werden.

Damit unterscheidet sich die Einschätzung der Führungskräfte jedoch stark von der Prognose des World Economic Forum (WEF): Diese geht von 117 Jahren bis zum Erreichen von Geschlechterparität in der gesamten Arbeitnehmerschaft aus. Deutlich weniger optimistisch sind die Führungskräfte hingegen bei der Einschätzung der kurzfristigen Veränderungen: Lediglich 13 Prozent erwarten einen deutlichen Anstieg des Frauenanteils auf Führungsebene in den kommenden fünf Jahren.

Das sind die Ergebnisse des aktuellen Global Diversity Survey der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, für den 350 Führungskräfte auf Geschäftsleitungsstufe der größten Unternehmen aus sieben Branchen in 51 Ländern – darunter auch Österreich – befragt wurden.

Gute Chancen im Bankensektor

Glaubt man den Einschätzungen der Führungskräfte, sind die Aussichten auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in den Chefetagen im Bankensektor noch am besten: Dort gehen immerhin 27 Prozent der Befragten in den kommenden fünf Jahren von einer deutlichen Erhöhung des Frauenanteils auf Führungsebene aus. Am anderen Ende des Spektrums liegt die Versicherungsindustrie, wo nur sechs Prozent mit einem solchen Anstieg rechnen.

Elfriede Baumann, zuständige Partnerin für die Initiative „Women.Fast Forward“ bei EY: „Es ist leider keinesfalls ein neuer Befund, dass die Diskussion über ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen deutlich stärker von Optimismus als von Realismus geprägt ist. Auch wenn das Bewusstsein für die Wichtigkeit gemischter Führungsteams bei vielen Unternehmen deutlich gewachsen ist, bleiben die Fortschritte bei der Erhöhung des Frauenanteils quer durch alle Sektoren und Unternehmensgrößen sehr überschaubar. Einfach darauf zu hoffen, dass sich der Frauenanteil von selbst erhöht, ist jedenfalls zu wenig. Dafür braucht es klare Bekenntnisse und strukturierte, verbindliche Programme.“

Frauenanteil auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit

Aus Sicht von EY-Partnerin Baumann würden sich Unternehmen durch den Verzicht auf die Förderung von Geschlechterparität selbst schaden: „Es besteht erwiesenermaßen eine klar nachvollzieh- und messbare Verbindung zwischen einem ausgewogenen Verhältnis von männlichen und weiblichen Führungskräften und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Die Erhöhung des Frauenanteils ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Nicht zuletzt unsere Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Wer auf Frauen in der Chefetage verzichtet, verzichtet auch auf eine bessere wirtschaftliche Performance.“

Kaum konkrete Fördermaßnahmen

So ausgeprägt das Bewusstsein über die Wichtigkeit von Frauen in Führungsetagen ist, so wenig konkrete Maßnahmen gibt es in den Top-Unternehmen: Nicht einmal die Hälfte verfügt über Messgrößen, um die Fortschritte von Frauen auf ihrem Karriereweg zu verfolgen. Einerseits sagt zwar über die Hälfte der Umfrageteilnehmer (55 Prozent), dass sie mehr tun muss, um qualifizierte Frauen zu fördern und so ein Reservoir an potenziellen weiblichen Führungskräften aufzubauen. Andererseits verfügen aber nur 18 Prozent tatsächlich über strukturierte Programme, um talentierte Frauen in ihrem Unternehmen zu identifizieren und zu entwickeln.

Dazu Elfriede Baumann: „In vielen Führungsgremien herrscht immer noch eine verzerrte Wahrnehmung: Zwar glauben die Unternehmen, Fortschritte bei der Umsetzung ihrer Geschlechterdiversitätsziele zu machen. Allerdings planen sie nicht aktiv darauf hin, die Anzahl an Frauen in der obersten Führungsriege in naher Zukunft zu erhöhen und messen dies auch nicht. Es ist an der Zeit, dass sich jedes Unternehmen kritisch hinterfragt und für sich selbst konkrete, messbare Zielvorgaben festlegt.“

Am weitesten verbreitet sind Förderprogramme im Bankensektor mit 33 Prozent, gefolgt von der Automobilbranche mit 22 Prozent. Das Schlusslicht ist auch hier die Versicherungsbranche mit acht Prozent.

Große Geschlechterunterschiede bei der Erklärung von Ursachen

Bei der Frage, wie sich die geringen Fortschritte beim Ausbau des Frauenanteils in Chefetagen erklären lassen, sind sich männliche und weibliche Führungskräfte uneinig: 43 Prozent der befragten Männer machen den ihrer Meinung nach bestehenden Mangel an geeigneten Kandidatinnen dafür verantwortlich – bei den Frauen sehen das hingegen nur sieben Prozent so. Aus Sicht der weiblichen Führungskräfte sei das Ungleichgewicht vor allem auf einen unternehmenskulturell verfestigten Mangel an Unterstützung (28 Prozent), gleichauf mit einer tendenziellen Bevorzugung männlicher Kandidaten und Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Karriere und Kindern (24 Prozent) zurückzuführen.

Talent-Management

Um Frauen auf ihrem Weg in die oberste Unternehmensführung zu unterstützen, müsse diese Problematik aus Sicht von Elfriede Baumann auf allen Unternehmensebenen verstanden werden: „Wenn Frauen nicht zu Beginn und im weiteren Verlauf ihrer Karriere die richtigen Chancen und die geeignete Unterstützung erhalten, sinken ihre Aussichten auf einen Aufstieg bis ganz nach oben zusätzlich. Daher gilt es, weibliche Top-Talente zu identifizieren, formelle und informelle Programme zu schaffen, um sie zu fördern, und ihnen passende Karrieremöglichkeiten zu bieten.“

Zumindest die richtigen Voraussetzungen dafür sind gegeben, da sich Männer und Frauen darin einig sind, wie wichtig eine unterstützende Unternehmenskultur ist: Für 59 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen ist sie die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Karriere von Frauen. Auch Mentoring von ranghohen Führungskräften und starke weibliche Vorbilder wurden als wichtige Faktoren auf dem Weg zur Geschlechterparität angeführt.

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