Flexibles Arbeiten für Top-Manager

Flexibles Arbeiten für Top-Manager

Besteht das Büro der Zukunft tatsächlich nur mehr aus Handy und Laptop Wie wichtig Büros als Repräsentationsraum und Rückzugsort heute noch sind.

Dorothee Ritz, die Microsoft-Österreich-Chefin, verbindet mit dem Begriff "Büro" keinen konkreten Raum. Ihr Arbeitsplatz? Einen fixen Schreibtisch hat die Juristin nicht. Ihr Büro ist allein ihr Smartphone und ihr Notebook. Für Termine im Haus bucht sie einen Meetingraum. Manche Besucher, die das offene Bürokonzept von Microsoft noch nicht kennen, "zucken erst einmal zusammen, wenn man ihnen sagt, dass man kein Büro mehr hat.“

Die Österreich-Niederlassung am Wienerberg wurde 2011 komplett umgebaut, und bei der Gelegenheit wurden fixe, einzelnen Mitarbeitern zugewiesene Schreibtische verbannt. Nur im Bereich Finanzen und im Personalbüro gibt es die noch. Stattdessen gibt es 60 Themen-Räume, die sich Mitarbeiter buchen können: Das "Work“ ist ein kleines Zimmer, größere heißen "Meeting“ oder "Think“. In die kleinste Einheit, eine schallisolierte Glaszelle, zieht man sich zurück, wenn man telefoniert.

Dorothee Ritz, General Managerin Microsoft Österreich

Jeder Mitarbeiter - auch die Geschäftsführerin - hat einen Spind für die persönlichen Dinge, eben das, was man gemeinhin auf Schreibtischen so versammelt. Microsoft fungiert so gesehen als eine Art Showroom für das digitale, kollaborative Arbeiten.

An das offene Bürokonzept mussten sich die Microsoft-Mitarbeiter aber auch erst gewöhnen. Der größte Vorteil liegt in neuer Kommunikation: "Leute, die nicht so viel miteinander zu tun hatten, reden plötzlich miteinander,“ sagt sie. Und man sieht, wie wenig Persönlich-Privates der Mensch am Arbeitsplatz braucht: eine Blume und ein Foto. Wenn Ritz kreativ-konzeptionell arbeitet, geht sie eine Runde Joggen, bevor sie sich zuhause oder im Kaffeehaus niederlässt. "Die besten Ideen habe ich oft nicht im Meeting, sondern unter der Dusche oder draußen.“

Arbeitswelt im Wandel

Für Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin, steht die bei Microsoft Form des Arbeitens für eine tiefgreifenden Wandel. Bauer-Jelinek beschäftigt sich seit Jahren mit Macht-Kompetenz und weiß: "Die klassischen Insignien der Macht kann man nicht mehr als allgemeingültig betrachten. In manchen Branchen haben Automarke, Größe des Schreibtischs und Büroausstattung immer noch Symbolwert. Es gibt aber definitiv keine allgemeingültigen Statussymbole mehr.“ Die Start-ups in der IT Branche etwa kommen ohne traditionelle Statussymbole aus. "Alles ist mobil, partnerschaftlich aufgeteilt, keiner trägt Krawatte, da kann man mit Statussymbolen schwer punkten“, analysiert die Expertin.

Trendforscher Harry Gatterer geht noch einen Schritt weiter. Er meint, dass in der neuen Arbeitswelt jegliche Leitsätze in ihrer Totalität überholt sind. Der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts hat sich auf die Zukunft von Leben und Arbeit spezialisiert und führt die Veränderung des Büro-Begriffes vor allem auf unsere deutlich komplexere Arbeitswelt zurück. "Die Tendenz, dass heute Menschen mehrere Rollen in unterschiedlichen Konstellationen ausüben müssen, verlangt, dass auch die Räume der Arbeit dieser Komplexität gerecht werden.“

Flexible Raumkonzepte

Demgemäß entwickelt die moderne Büroarchitektur Zonen und flexible Raumkonzepte, die von Mitarbeitern je nach Aufgabe variabel genutzt werden können. "Was aber für ein Unternehmen wie Microsoft passend ist“, so der Experte, "kann andernorts zu Absurditäten führen. Oftmals sind neue Konzepte wie Desksharing nicht Ergebnis durchdachter Analyse, sondern nur getrieben von kaufmännischen Überlegungen.“ Solche Fragen richten sich, so Gatterer, immer nach Branche und Aufgabenstellung. "Es gibt Branchen, die sehr hierarchisch strukturiert sind, etwa Banken oder die öffentliche Verwaltung. Durch ein modernes Büro bekommt man hier noch keine moderne Organisation.“

Neue Strukturen und Denkpfade stellen auch neue Fragen an Führung und Leadership. Denn, so Gatterer: "Höchstleistung von Mitarbeitern geht auch mit deren Wohlbefinden einher. Es nutzt nichts, wenn irgendwo im Unternehmen eine Couch aufgestellt wird, und wenn einer dann drauf sitzt, wird er blöd angeschaut. Veränderte Denkweisen müssen etabliert werden.“

Geänderte Erwartungen

Eine neue Generation legt Wert auf ihre Work-Life-Balance. So wie das Auto und der Führerschein als Statussymbol bei der Jugend deutlich zurückgehen, hört man in Einstellungsgesprächen immer seltener die Frage nach einem Einzelbüro. Wichtiger ist, welches Smartphone und welcher PC im Package sind. "Vom Gedanken, mit dem Büro Macht zu repräsentieren, muss man sich verabschieden“, ist auch Andreas Bierwirth, CEO von T-Mobile Austria überzeugt. Bierwirth sitzt inmitten seiner Mitarbeiter. "Das hilft gegen die Vereinsamung des Topmanagments, ist fast schon ein gruppentherapeutischer Ansatz“, ist er sich sicher.

Bei Germanwings logierte Bierwirth jahrelang in einem übriggebliebenem Baucontainer am Flughafen. Bei der AUA in der Sanierungsphase gelandet, schaffte er als erstes die Kellner in der Vorstandsetage ab. "Vom Gedanken, mit dem Büro Macht zu repräsentieren, muss man sich verabschieden“, sagt er, "da muss man uneitel sein.“ Bei T-Mobile teilt er sich mit dem Topmanagement ein Vier-Mann-Büro. "Wir vier senden uns keine unnötigen Mails mehr, kommunizieren direkt, und das kreative Arbeiten findet im Team statt,“ sagt er.

Andreas Bierwirth, CEO T-Mobile Austria

Das Management sitzt im Wortsinne inmitten der Mitarbeiter und residiert nicht mehr abgeschottet-exklusiv. Das kommt bei den Leuten gut an. "Wir sind die Speerspitze der digitalen Transformation, in der das Miteinander wichtiger geworden ist.“ Was ist der Preis für soviel Nähe? "Man bekommt mehr voneinander mit, kann die Nähe aber auch nicht vermeiden.“ Für private Telefonate zieht man sich in einen der Meetingräume zurück. "Es gibt sicher Szenarien, wo der Chef mehr Distanz zu seinen Mitarbeitern braucht. Wir haben aber nicht den Anspruch, dass unser Modell auch für andere das richtige ist.“

Dennoch überfordern die Flexibilität und die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit der neuen Arbeitswelt manche Menschen. Aus gutem Grund, wie Christine Bauer-Jelinek erklärt. Sie verweist pragmatisch auf Vergleichsstudien aus dem Zoo: "Wenn Tiere ununterbrochen beobachtet werden, werden sie verhaltensgestört. So etwas passiert auch in der Arbeitswelt, wenn es keine Rückzugsmöglichkeit gibt.“

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