Flexibles Arbeiten: In Österreichs Unternehmen ausbaufähig

Arbeitszeitflexibilisierung: Österreichs Unternehmen haben Aufholbedarf.

Arbeitszeitflexibilisierung: Österreichs Unternehmen haben Aufholbedarf.

Bei den Verhandlungen zur Arbeitszeitflexibilisierung konnten die Sozialpartner Ende Juni keine Einigung erzielen. Eine nun veröffentlichte Studie zeigt, dass flexibles Arbeiten in Österreichs Unternehmen auch im aktuellen gesetzlichen Rahmen ausbaufähig ist.

Das Thema Arbeitszeitflexibilisierung ist in Österreich ein heißes Eisen. Erst im Juni haben die Sozialpartner wieder darüber verhandelt und wieder einmal keine Einigung erzielt. Sehr zum Missfallen der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung, die den Gewerkschaften den Schwarzen Peter für das Scheitern der Verhandlungen zuschoben.

Kritik an den gescheiterten Verhandlungen kam auch von Christoph Badelt, dem Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO, der die gegenwärtige Arbeitszeitregelung in Österreich als "eine der größten Standortschwierigkeiten" bezeichnete. Die Arbeiterkammer hingegen befürchtet, dass es durch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten zu zusätzlichen Belastungen der Arbeitnehmer kommt. "Beschäftigte, deren Arbeitszeitflexibilität überwiegend durch ihren Arbeitgeber bestimmt wird, sind häufiger arbeitsbedingt körperlich erschöpft, weniger optimistisch in der Einschätzung ihrer beruflichen Zukunft und weniger zufrieden mit ihrer Arbeitszeit als Befragte, die die Flexibilität ihrer Arbeitszeit weitgehend selbst bestimmen können", heißt es in einer von Forba (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt) für die AK Wien erstellten Studie vom Mai 2016 (zum Download der Studie klicken Sie hier).

So sehr die Wirtschaftsvertreter auf eine Flexibilisierung des aktuellen gesetzlichen Rahmens - darunter auch die Ausdehnung der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden - drängen: Eine neue, vom Beratungsunternehmen Deloitte in Kooperation mit der Universität Wien und der FH Oberösterreich erstellte Studie zum Thema "Flexible Working" zeigt, dass die österreichischen Unternehmen die bestehenden Möglichkeiten zur Arbeitsflexibilisierung recht "konservativ" einsetzen und dass etwa Mobiles Arbeiten oder Home Office immer noch die Ausnahme sind. Für die Mitarbeiter ist eine physische Anwesenheit zumeist Pflicht. Zudem mangelt es in Unternehmen meist an entsprechenden Regelungen und der notwendigen Vertrauenskultur.

Standard-Modell Gleitzeit

Mehr als 400 österreichische Unternehmensvertreter wurden im Rahmen der diesjährigen Flexible Working Studie befragt. Der Erhebung zufolge sind flexible Arbeitsmodelle zwar heute grundsätzlich gängige Praxis, aber es gibt Defizite in der praktischen Umsetzung. Flexible Modelle gelten meist nur für bestimmte Personen, klare Spielregeln werden selten festgelegt.

Österreichische Unternehmen halten nach wie vor zum Großteil an Gleitzeit mit Kernzeit fest. 61 Prozent setzen bei mindestens der Hälfte ihrer Mitarbeiter auf dieses Modell, bei dem bestimmte Anwesenheitszeiten vorgegeben werden. Flexiblere Modelle wie Gleitzeit ohne Kernzeit oder Vertrauensarbeitszeit sind weitaus seltener. „Unternehmen haben beim Verzicht auf Kernzeiten oft noch Bedenken, da flexiblere Arbeitszeitmodelle nur als Vorteil für Mitarbeiter gesehen werden. Bei klaren Regelungen profitieren aber beide Seiten von der gesteigerten Flexibilität“, erklärt Barbara Kellner, Managerin bei Deloitte Österreich.

Gleitzeit mit Kernzeit - der Klassiker in Österreichs Unternehmen. Für eine vergrößerte Darstellung der Grafik klicken Sie bitte auf die Abbildung.

Gleitzeit mit Kernzeit - der Klassiker in Österreichs Unternehmen. Für eine vergrößerte Darstellung der Grafik klicken Sie bitte auf die Abbildung.

Vor allem Führungskräfte nehmen im Umgang mit flexibler Arbeitszeitgestaltung eine wichtige Vorbild- und Steuerfunktion ein. Dennoch wird gerade von ihnen in der Praxis oft uneingeschränkte Erreichbarkeit erwartet. Zwei Drittel der befragten Unternehmen wollen ihre Führungsetage auch außerhalb der Arbeitszeiten erreichen können. 22 Prozent erwarten diese Erreichbarkeit sogar von ihren Mitarbeitern ohne Führungsfunktion.

„Richtlinien in Bezug auf Verfügbarkeit sowie Anwesenheit gibt es selten und meist nur für die Nutzung von Home Office“, bestätigt Bettina Kubicek, Professorin für Organisationsentwicklung an der FH Oberösterreich. „Arbeitszeit und Freizeit müssen aber klar abgegrenzt werden. Das ist für Wohlbefinden und langfristige Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter wesentlich.“

Anwesenheit weiterhin wichtig

Mobiles Arbeiten ist noch immer ein Einzelfallphänomen: Die physische Anwesenheit im Büro wird von rund drei Viertel (77 %) der Befragten als wichtig erachtet. Fast jedes zweite Unternehmen bietet Home Office nur für wenige Personen an. Lediglich in jedem fünften Unternehmen wird diese Möglichkeit auch dem Großteil der Mitarbeiter offen gestellt. Doch selbst hier wird in der Hälfte der Fälle nur vereinzelt davon Gebrauch gemacht.

Mobiles Arbeiten ist Österreichs Unternehmen zumeist nicht geheuer. Für eine vergrößerte Darstellung der Grafik klicken Sie bitte auf die Abbildung.

Mobiles Arbeiten ist Österreichs Unternehmen zumeist nicht geheuer. Für eine vergrößerte Darstellung der Grafik klicken Sie bitte auf die Abbildung.

„Präsenz gilt immer noch als Indikator für gute Leistung. Deshalb wird Home Office oft nur eingeschränkt genutzt. Es braucht dringend die Etablierung einer Ergebnis- statt einer Anwesenheitskultur“, analysiert Barbara Kellner. Der Umgang mit mobilem Arbeiten ist je nach Branche und Unternehmensgröße unterschiedlich und es gibt durchaus positive Beispiele. So nimmt der Technologie- und Telekommunikationsbereich eine Vorreiterrolle bei diesem Thema ein. Auch große Unternehmen haben teilweise bereits klare Richtlinien für mobile Arbeitsmodelle definiert.

Mit steigendem Vertrauen erhöht sich laut Studie die flexible Handhabung von Arbeitszeit und -ort. Eine vertrauensorientierte Unternehmenskultur ist daher für den Umgang mit flexiblem Arbeiten erfolgskritisch. Der Wunsch nach Kontrolle erschwert dies aber in der Praxis. So wird in 40 Prozent der befragten Unternehmen noch nach dem Prinzip „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ gearbeitet. „Vertrauen ist immer eine Vorschussleistung. Die Studie belegt jedoch, dass sich diese lohnt: Die Attraktivität als Arbeitgeber steigt klar mit dem Grad der Flexibilität“, so Christian Korunka, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Wien abschließend.

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