Digitale Revolution: "Was zählt, ist die Gruppe"

Professor Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam

Ulrich Weinberg, Leiter der "School of Design Thinking"

Professor Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, über die Folgen der Digitalen Revolution für die Arbeitswelt und die Notwendigkeit eines Kulturwandels in Richtung Kollaboration.

trend: Viel zitiert: die Digitale Revolution. Welchen Phänomenen müssen wir uns aktuell als Unternehmen stellen

Ulrich Weinberg: Wir leben in Zeiten eines anwachsenden Veränderungsdrucks und zwar eines eher exponentiell anwachsenden Veränderungsdrucks. Der ist sehr stark geprägt durch Digitalisierung von Prozessen und durch Digitalisierung von nahezu allen Produkten die wir bisher kennen. Das ist ein Prozess, der lief vor 30 Jahren langsam an. Erst wurden analoge Punkte digitalisiert, dann haben digitale Punkte angefangen sich zu vernetzen und sind vernetzt worden. Dann hatten wir die Zeit der Netze, mit denen wir uns als Personen auch assoziiert haben. Daraus sind soziale Netzwerke entstanden.

Was wir jetzt gerade erleben - und das gibt den nochmaligen Schub in Richtung Exponentialität - ist, dass sich die digitalen Netze miteinander vernetzen. Dass Netze sich mit Netzen vernetzen. Anfangs passierte das noch händisch, aber mittlerweile nahezu vollautomatisch, dass sich vernetzte Informationsstrukturen andere vernetze Informationsstrukturen suchen und daraus weitere Informationen extrahieren und diese miteinander verknüpfen - es entsteht eine völlig neue Art von Wissensstrukturen. Auf der einen Seite ist das positiv. Es eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Auf der anderen Seite ist es für viele beängstigend.

In diesen Zeiten bewegen wir uns gerade, und zwar als Einzelne, als Individuen aber natürlich auch als Unternehmen, als Gesellschaft und als politische Konstrukte. Wir sind leider nicht trainiert, mit dieser Geschwindigkeit umzugehen und das ist hier aus unserer Perspektive des Design-Thinking eines der großen Hemmnisse: Dass wir modernste Technologie bauen und nutzen, allerdings mit einem Mind-Set aus dem letzten Jahrhundert. Mit einem Mind-Set, das Digitalisierung überhaupt nicht verinnerlicht hat und auch Vernetzung nicht verinnerlicht hat.

Es ist eher das Gegenteil der Fall. Eher die trennende Denke sozusagen, die ich in meinem Buch das „Brockhaus-Denken“ nenne. Also das lineare Auflisten von Dingen und nicht das miteinander verknüpfen, sondern eher das in Konkurrenz zueinander stehende. So sind wir trainiert worden.

trend: „Digitale Revolution“ klingt so technisch und abstrakt. Wir sprechen oft von „Usern“ – Welche Rolle spielt der Mensch in diesem Zeitalter?

Weinberg: Die Welt in der wir leben fragt nach ganz neuen Fähigkeiten. Sie fragt nach Vernetzungskompetenzen, die wir uns jetzt mühsam antrainieren müssen. Denn unser traditioneller Bildungsapparat bringt Menschen eher in eine kompetitive Grundhaltung.

Wir messen die Intelligenz eines einzelnen Menschen und heraus kommt dann eine Zahl. Das ist der IQ-Modus. Aber das neue, was ich da beschreibe, das ist der WeQ-Modus: Raus aus der Bewertung des Einzelnen, hin zu neuen, Wir-orientierten Qualitäten sozusagen.

Das ist auch das Problem der Unternehmen: Sie benötigen diese Kollaborationsfähigkeit immer mehr, befinden sich aber selbst auch noch im IQ-Modus. Mit alten Belohnungmodellen, zum Beispiel Einzel-Incentives, die genau das Gegenteil von Kollaborationsfähigkeit fördern.

trend: Von der Competition zur Kooperation also. Wie geht der Mensch damit um? Ist nicht Wettbewerb ein wesentlicher Treiber für Innovation?

Weinberg: Es gibt zwei Arten von Motivation: Die extrinsische Motivation, die momentan in Unternehmen genutzt wird und die intrinsische Motivation, die wir versuchen sollten freizusetzen. Denn intrinsische Motivation ist diese um ein vielfaches stärker als die extrinsische Motivation. Am besten setzt man diese in einem kollaborativen Kontext frei, indem man gemeinsam unterwegs ist. Das Messen von Einzelkompetenzen oder von Einzelleistungen ist hier eher hinderlich, denn es macht die Qualität von dem, was wir erreichen wollen nicht besser, sondern schlechter.

Der wichtigste Hebel, den wir verändern müssen, ist der Hebel der Incentivierung. Also wie gehe ich mit einzelnen Menschen um, und zwar im Bildungsbereich und im Business. In beiden Fällen ist meine klare Erkenntnis hier aus neun Jahren Umgang mit Studierenden und auch mit vielen Professionals: Das Allerwichtigste ist, neue Belohnungsmodelle zu finden, die weggehen von dieser Einzelbewertung. Der Wettbewerb verlagert sich dann von den Schultern des Einzelnen auf die Schultern eines Teams.

trend: Was braucht es für Leader, um von heute (Brockhaus Denken) ins Morgen (Netzwerk Denken) zu kommen? Haben Sie da konkrete Tipps und Tricks, vielleicht auch aus Ihrer eigenen Erfahrung?

Weinberg: Wir brauchen iterative Prozesse. In Zeiten des exponentiellen Wandels kann man sich nicht mehr mit linearen Prozessen abgeben, die so tun als könnte ich definieren, was in vier Jahren rauskommen wird. Da es sich um einen kulturellen Wandlungsprozess handelt, muss man sich überlegen, wie man die Unternehmenskultur und das Verhalten verändert. Wir setzen auf zwei Dinge: Selbstorganisation und Potentialentfaltung. Das sind beides Dinge, die in der tradierten Führungskultur, im Brockhaus-Modus, behindert werden.

Wir müssen Räume und zeitliche Freiräume zu schaffen, in denen die Menschen genau das erleben können. Dazu braucht man geschützte Räume des Scheiterns. Experimentierlabore, in denen Fehler erlaubt sind und man neue Erfahrungen machen kann, ohne bestraft zu werden aber auch ohne Incentives. Und auch das Management selbst muss den Mut haben, sich in diese neuen Räume zu wagen. Sich auf Erlebnisse einlassen, die komplett „Out-of-the-box“ sein können, die mit dem Kerngeschäft, von dem wir denken, dass das eigentlich das Wichtigste ist, eine Zeitlang nichts zu tun haben.

trend: Was würden Sie jungen Menschen als Leitlinie mitgeben, um die Zukunftsfitness und Attraktivität eines potenziellen Arbeitgebers einzuschätzen?

Weinberg: Einfach persönlich hingehen und sich diese Unternehmen anschauen. Eben nicht nur im Internet mal stöbern - da kann man auch schon einiges sehen – sondern einfach mal da hingehen und schauen: Wie gehen die miteinander um? Was tun die? Und wie sehen die Arbeitsplätze aus?


Das Interview mit Prof. Weinberg für den trend führte Sabine Hoffmann, Gründerin der ambuzzador GmbH und Initiatorin des Executive Digital Future Circles #EDFC16

Ulrich Weinberg ist Impulsgeber beim drittten Modul des #EDFC am Fr., 20.5., und Sa., 21.5., im A1 Start Up Campus in Wien.

Der #EDFC16 findet in drei voneinnander unabhängigen Modulen statt. Das dritte Modul "Nie wieder lost in translation: Grundbegriffe, übersetzt in Management Sprache." wird am 20. und 21. Mai 2016 im A1 StartUp Campus abgehalten.
Sichern Sie sie jetzt Ihren Platz unter www.digitalfuturecircle.com – zum Vorzugspreis für trend Abonnenten: € 1.200,- exkl. USt. (statt € 1.600,-), als Curriculum € 3.000,- exkl. USt. (statt € 4.000,-).

trend ist Kooperationspartner des #EDFC16

Executive Digital Future Circle

Start der Tour de France 2019 in Brüssel: Belgiens Polizei im Team-Work.

Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft

Digitale Transformation: Technologie ist nicht alles

Karrieren

Unternehmerinnen: Gründen Frauen anders?

Karrieren

2020: Die Trends im Recruiting und bei Gehältern

Karrieren

Im Tsunami der Disruption: Echte Transformation statt Change