Digitale Revolution im Consulting

Lukas Haider, BCG Österreich

Lukas Haider, neuer Büroleiter von BCG in Wien, verkörpert Strategieberatung in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

Lukas Haider, der neue Österreich-Chef von BCG, muss sich den Herausforderungen der Digitalisierung nicht nur in Projekten für seine Klienten, sondern auch in der Beratungsarbeit selbst stellen.

Als neuer Chef im Wiener Büro des globalen Strategieberaters BCG wird Lukas Haider noch mehr als Frontmann seines Unternehmens in Österreich agieren müssen als Vorgänger Hannes Pichler. Der machte zugleich mit Haiders Aufstieg ebenfalls Karriere und übernahm die Führung der Praxisgruppe Operations in Deutschland und Österreich. Das Gesicht von BCG in Medien und Öffentlichkeit war zu seiner Zeit aber ein weibliches: Antonella Mei-Pochtler, schillernde und bestens vernetzte Beraterpersönlichkeit, langjährige Senior-Partnerin und Mitglied in europäischen und globalen Führungsgremien des Consulters sowie Ehegattin des Wiener Unternehmers Christian Pochtler, der mit seiner iSi Group Weltmarktführer bei Druckgasbehältern ist.

Mei-Pochtler wechselte ja kürzlich ins Umfeld der Politik, wo sie nun im Auftrag von Bundeskanzler Sebastian Kurz - dessen Aufstieg sie als Wirtschaftsberaterin schon länger aktiv und kompetent unterstützt hat - die im Kanzleramt angesiedelten Denkfabrik "Think Austria" leitet. Der neu installierte Thinktank soll sich um für die Entwicklung Österreichs wichtige strategische Themen kümmern.

Strategisch relevante Veränderungen sind es auch, die Lukas Haider nun als BCG-Chef kommuniziert. Diese haben natürlich mit Digitalisierung zu tun. Als Banken-und Finanzexperte, der neue Strategien für europäische und amerikanische Bankhäuser entwickelt, mit denen sie gegen hungrige, junge Fintechs bestehen sollen, weiß er nur zu gut, wie sehr sich Rahmenbedingungen und Spielregeln vieler Branchen binnen kürzester Zeit verändert haben. Das trifft letztlich nicht nur die Klienten, sondern auch die Berater selbst.

Haider steht für die neue Beratergeneration: "Ein Strategieprojekt über zwölf Wochen mit einem Projektleiter, drei Beratern und als Ergebnis einem Foliensatz für den Vorstand, der dann entscheidet, das ist ein Bild von vor 20 Jahren." Consulting laufe heute anders, meint der Berater und skizziert: Kunden wollen Veränderung sehen und Ergebnisse in Form verbesserter Kennzahlen.

In den Projekten arbeiten integrierte Teams von Kunden und Berater zusammen. So kommt die Veränderung über die eigenen Leute sofort in die Organisation des Klienten. In "agilen Sprints" von ein bis zwei Wochen werden Lösungen erarbeitet, sofort getestet, bewertet, gegebenenfalls adaptiert oder auch verworfen und wieder neu gestartet.

Es gehe nicht darum, mit einem großen Wurf die perfekte Lösung zu liefern, sondern um Verbesserung und Annäherung in flexiblen Zwischenschritten. Diese Methode der Iteration kommt aus der Softwareentwicklung und wird nun auch bei Produkt- und Prozessentwicklung zum neuen Standard. "Voraussetzung ist eine enge Kooperation diverser Teams und eine crossfunktionale Verzahnung verschiedener Kompetenzen seitens des Kunden und des Beraters", erklärt Haider. Um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, hat etwa auch BCG sein Kompetenzportfolio in den letzten Jahren ergänzt.

BCG-Familie mit IT-Töchtern

Zwei junge spezialisierte Einheiten sind bei BCG Schlüssel für VERKNÜPFUNG von Strategieberatung mit Digitalkompetenz.

  • BCG Gamma: Kompetenzzentrum für Datennutzung: Das 2015 gegründete globale Kompetenzzentrum für die Datennutzung betreibt Hubs in den USA, Europa und Asien. Ziel ist, das Innovationspotenzial der Computerwissenschaften, KI, Statistik oder des Maschinenlernens mit Fach-und Industrieexpertise der klassischen Beratung zum Nutzen der Kunden zusammenzubringen.
    Bei BCG Gamma arbeiten interdisziplinäre Teams von Wissenschaftlern aus diesen Bereichen mit hochkarätigen Wirtschaftsberatern zusammen. Dabei wird die komplette Wertschöpfungskette der Datennutzung abgedeckt: von der Identifikation von Herausforderungen, der Entwicklung von innovativen Algorithmen bis zu Skalierungen mittels Visualisierungen und Apps. Konkretes Ergebnis sind etwa individualisierte Kunden-Newsletter auf Basis von Data Analytics. Dazu kommt das Training sowohl von Kunden als auch von BCG-Kollegen auf den neuen Lösungen.
  • BCG Platiniun: IT-Architektur und digitale Lösungen: Beratungsleistungen bei Entwicklung und Implementierung geschäftskritischer IT-Architektur und digitaler Lösungen bietet BCG Platinion als integrierter Teil des BCG-Netzwerks. Das Verständnis beider Seiten, nämlich Business und IT, sorgt dabei für die Verbindung von strategischer Perspektive mit digitalem Know-how bei allen konkreten Projekten mit Kunden -von Customer-Journey-Lösungen bis zu transformativen Geschäftsmodellen.

Junge Beratergarde

Um die klassische Strategieberatung damit zu verknüpfen, hat BCG neue Einheiten aufgebaut, wie BCG Platinion für die Entwicklung und Implementierung von IT-Architektur und BCG Gamma als Kompetenzzentrum für alle neuen Möglichkeiten der Datennutzung (siehe Kasten)."Wir sind in einer datengetriebenen Welt aktiv, ein Umfeld, das sich exponentiell entwickelt, nicht mehr linear", sagt Haider. Das Internet of Things oder das Surfverhalten auf Websites liefern enorme Datenmengen, die durch KI und Robotisierung nun auch technologisch und ökonomisch auswertbar werden. Weltweit 500 "Gamma Rays", so die inoffizielle, interne Bezeichnung der BCG-Gamma-Leute, destillieren aus dem Datenozean jene relevanten Informationen, auf deren Grundlage ihre klassischen Beraterkollegen Kunden zu strategischen Vorteilen verhelfen.

Mit ihrem häufig mathematischen, naturwissenschaftlichen und IT-Hintergrund verändern die "Gamma Rays" auch intern die Kultur und die typischen Karrierepfade. "Im Recruiting achten wir darauf, Talente mit unterschiedlicher Ausbildung zu begeistern und deren Skills in Beraterteams zu integrieren. Die Arbeit dieser vielfältigen Teams ist eine gewinnbringende Kombinationt", betont Haider. Die klassische Karriereplanung, aus der Beratung heraus eine Managementlaufbahn anzustreben, sei nicht mehr so ausgeprägt. "Ihre Ziele sind kurzfristiger, aber nicht weniger ambitioniert. Sie sind von Neugierde in ihrem Fachgebiet getrieben und haben den Wunsch, etwas zu bewegen", charakterisiert er die junge Beratergarde.

Permanente Kompetenzerweiterung im Bereich "Digital and Analytics" steht aber auch für gestandene Projektleiter, Berater klassischen Zuschnitts, auf der Agenda. Die Ausgaben dafür stiegen bei BCG 2017 um 20 Prozent -unter anderem wegen permanenter Weiterbildung der Berater zur Nutzung großer Datenmengen. Alleine in Österreich und Deutschland investierte BCG einen zweistelligen Millionenbetrag.

Die eigene Strategie geht auf: BCG wächst sowohl weltweit (16.000 Mitarbeiter, 6,3 Milliarden Dollar Umsatz) als auch in der gemeinsam ausgewiesenen Region Österreich und Deutschland - 2017 wurden hier 500 neue Mitarbeiter eingestellt -zweistellig. Haider: "Das Geschäft entwickelt sich breit gestreut über alle Branchen gut."


Zur Person

Lukas Haider (36) hat Anfang 2018 die Leitung des Wiener Büros der Strategieberatung The Boston Consulting Group (BCG) übernommen. Er ist seit 2005 im Wiener BCG-Büro tätig und wurde 2017 zum Partner ernannt. Die Rolle als Büroleiter übt Haider zusätzlich zu seiner Beratertätigkeit aus, deren Fokus auf der Finanzbranche liegt. In der Kundenarbeit ist er auf europäische und amerikanische Bankhäuser fokussiert. Dabei arbeitet er daran, die Effizienz im Vertrieb und Betrieb zu steigern und neue Strategien zu entwickeln. Die Strategiearbeit ist eng mit IT-Kompetenz, Transformationsbegleitung und Umsetzung verknüpft. Haider hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert und ein zweijähriges MBA-Studium an der MIT Sloan School of Management abgeschlossen.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 30+31/2018 vom 27. Juli 2018 entnommen.

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