Digitale Erschöpfung: Raus aus dem Hamsterrad

Markus Albers ist Autor, Berater und Unternehmer in Berlin.

Abschalten: Als Markus Albers immer öfter von seiner Tochter ermahnt wurde, doch endlich das Handy wegzulegen, begann der Autor, umzudenken.

Flexibilität und Mobilität machen die neue Arbeitswelt aus. Auf Dauer geht das an die Substanz. Markus Albers beleuchtet in "Digitale Erschöpfung" die Schattenseiten und sucht nach Lösungen. trend-Redakteurin Ulrike Moser sprach mit dem Autor.

Markus Albers, geboren 1969, lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Gründer der Beratungsplattform Neuwork. Er hat als Journalist für Monocle und brand eins geschrieben und ist Autor der Kolumne "Flight Mode" für Lufthansa Exclusive. 2008 erschien sein Wirtschafts-Bestseller Morgen komm ich später rein und 2010 Meconomy. Zu den Buchthemen hält er Vorträge, moderiert Panels und Workshops. trend-Redakteurin Ulrike Moser sprach mit dem Autor über sein Buch "Digitale Erschöpfung"

trend: Als ich Ihnen Sonntag Vormittag ein Mail geschickt habe, haben Sie prompt darauf reagiert. Die digitale Auszeit ist also auch für Sie illusorisch. Warum stehen wir ständig unter dem Druck, selbst an unserem freien Tag noch an die Arbeit zu denken und Mails zu beantworten?
Markus Albers: Obwohl ich mich mit dem Thema "Neues Arbeiten" beschäftige, habe ich im Bezug auf die dauernde Erreichbarkeit auch noch keine Lösung parat. Bis wir so weit sind, wird es also vermutlich noch Jahre dauern. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass es suchterzeugend ist, zu reagieren, wenn man nicht weiß, ob der gesetzte Reiz positiv oder negativ ist. In der Hoffnung, dass es interessante und positive neue Nachrichten gibt, schauen wir immer wieder auf das Smartphone, unterbrechen dadurch Arbeitsabläufe oder die Beschäftigung mit unseren Kindern. In Folge können wir das Reagieren auf diese Reize einfach nicht mehr abstellen, weil wir auf Belohnung hoffen.

trend: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen dadurch zusehends. Aber so neu ist diese Entwicklung doch eigentlich nicht. Bis zur Industriellen Revolution gab es weder für Wissensarbeiter noch für Handwerker oder Bauern eine Trennung dieser Sphären.
Markus Albers: Den klassischen Nine-to-five-Job gibt es in der Tat erst seit der Industriellen Revolution. Da musste man in der Früh aus dem Haus gehen und sein Tagwerk in der Fabrik erledigen. Das mobile Arbeiten verspricht eine Befreiung von dieser Monotonie und ein ausgeglicheneres Leben. Der Haken: Dieses Versprechen wird nicht eingelöst. Zwar werden die Ketten an den Schreibtisch gelöst, dafür werden uns durch die Technologie neue und viel stärkere Ketten angelegt. Das ist nicht im Sinne des Erfinders, denn eigentlich sollte man dort und dann arbeiten, wo und wann man selbst am leistungsfähigsten ist. Aber wir schalten die Arbeit gar nicht mehr ab.

trend: Wer profitiert denn überhaupt vom flexiblen Arbeiten?
Markus Albers: Frauen, auf denen oft die Hauptlast in puncto Familienarbeit lastet, haben anfangs sehr durch Flexibilität und Teleworking profitiert. Nun können dem vor allem Jüngere ohne familiäre Verpflichtungen Vorteile abgewinnen. Aber selbst für sie ist es oft illusorisch, am nächsten Tag erst mittags ins Büro zu kommen, nachdem man vielleicht bis Mitternacht noch eine Telefonkonferenz mit Kollegen aus den USA hatte. Spätestens mit Kindern hat ein definierter Feierabend dann wieder etwas für sich.


Unternehmen dürfen Flexibilität nicht nur von den Mitarbeitern erwarten, sondern müssen selbst auch flexibel sein.

trend: Unternehmen wie BMW versuchen, die Mailflut und den Zwang zur Kommunikation einzudämmen, und schalten abends zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach die Server ab. Wie beurteilen Sie diese Versuche, wieder geregeltere Arbeitszeiten einzuführen?
Markus Albers: Sie funktionieren oft nicht - wird etwas nicht fertig, dann wird eben vom Privataccount weitergemailt. Das neue Arbeiten wurde lange als Spleen aus dem Silicon Valley abgetan, mittlerweile ist es für mehr als die Hälfte der Beschäftigten aber Normalität. Die Unternehmen dürfen Flexibilität aber nicht nur von den Mitarbeitern erwarten, sondern müssen selbst auch flexibel sein. Wer bis spät abends noch von Zuhause aus arbeitet, von dem sollte nicht erwartet werden, dass er um neun Uhr morgens schon wieder im Büro sitzt.

trend: Der laufende Austausch mit Kollegen und Kunden ist aber mitunter unabdingbar. Kollaboration lautet das derzeitige Credo der neuen Arbeitswelt.
Markus Albers: Die Idee, enger zusammenzuarbeiten, ist an sich eine gute. Statt dass ein Kollege Wissen hortet, teilt er es mit anderen. Eigene Tools wie Slack sorgen dafür, dass alle stets auf dem gleichen Stand sind. Mehr Austausch erhöht zwar die Innovationskraft und verhindert unnötig doppelte Arbeit. Allerdings ist Kollaboration ein Konzentrationskiller. Die Universität von Kalifornien bestätigte in einer Studie, was wir alle längst geahnt haben: Schon kurze Unterbrechungen verlängern die gesamte Zeit, die wir für eine Aufgabe benötigen, deutlich. Multitasking führt dazu, dass wir nicht nur langsamer werden, sondern auch die Qualität schlechter. Das Problem ist aber nicht die Technik, sondern die Art und Weise, wie sie genutzt wird. Aber nicht nur die digitale, auch die physische Kollaboration nimmt zu, weil diese angeblich in Großraumbüros gefördert wird. Dabei wird vergessen, dass Konzentration und Kontemplation ebenso wichtig für kreative Prozesse sind. Brainstormen in der Gruppe führt Studien zufolge zu schlechteren Ergebnissen, als alleine nachzudenken. Das sind Faktoren, die auf dem Altar der Kollaboration geopfert werden.

trend: Wie lässt sich das verhindern?
Markus Albers: Beim Blick in den Outlook-Kalender unterscheidet man zwischen "Maker" und "Manager". Während Manager einen Termin-Flickenteppich vorfinden, weil sich Thema und Art der Tätigkeit im Stundenrhythmus abwechseln, brauchen "Maker" wie Programmierer oder Texter längere Zeitspannen, um konzentriert arbeiten zu können. Der Manager verfügt aber auch über die Termine der Maker, deren Terminkalender dann plötzlich ähnlich aussieht. Vielen wird erst dann klar, warum sich ihr Tag so zerrissen anfühlt und sie zu gar nichts mehr kommen. Ist man sich dessen einmal bewusst, müssen neue Regeln der Zusammenarbeit aufgesetzt werden - etwa, dass es auch erlaubt ist, größere Zeitfenster zu blockieren, in denen eben keine Meetings angesetzt werden, auf Zurufe nicht sofort reagiert werden muss. Wir sind ein hochdigitales Unternehmen, haben aber mittlerweile Regeln dazu eingeführt.


Die Zeit, die man in Kursen verbringt, fehlt hinterher für die eigentlichen Aufgaben.

trend: Großkonzerne bieten bereits eigene Achtsamkeitstrainings für ihre Mitarbeiter an. SAP beschäftigt dazu einen eigenen Beauftragten, Google bietet jede Menge Workshops in diese Richtung an.
Markus Albers: Ich habe das ausprobiert und fand es hilfreich. Bloß, wo im Büro kann man das praktizieren, wenn man nicht mal eine Tür hinter sich zuziehen kann? Und die Zeit, die man in einem solchen Kurs verbringt, fehlt hinterher für die eigentlichen Aufgaben.

trend: Ist denn die neue Arbeitswelt, die uns mehr denn je in ein Hamsterrad zwängt, nicht eigentlich eine Fehlentwirklung?
Markus Albers: Nein, wenn wir einen vernünftigen Umgang damit finden. Die Hälfte der Deutschen -und in Österreich ist es ebenso - arbeitet bereits zeitweise flexibel und mobil. Der Großteil der Unternehmen, selbst in konservativen Branchen, steht kurz vor der Einführung. Jetzt ist der Zeitpunkt, darauf zu achten, dass man es von Anfang an richtig macht. Denn gibt es schon das neue Kollaborationstool und wurden die Bürowände schon abgerissen, ist das schwer rückgängig zu machen. Bei aller Begeisterung: Wir sollten die Schattenseiten nicht aus den Augen verlieren.

Wie Österreicher und Deutsche arbeiten

Der stete Blick in den E-Mail- Eingang, ständiges Reagieren auf Nachrichten und dauerndes Multitasking: Nach einem Acht-Stunden-Tag die Arbeit mal sein zu lassen und Feierabend zu machen, kommt für immer weniger Beschäftigte in Frage. Eine repräsentative Umfrage des deutschen Digitalverbandes Bitkom ergab, dass 84 Prozent aller Arbeitnehmer auch nach Dienstschluss erreichbar sind, 46 Prozent haben keine Fünf-Tage-Woche, sondern arbeiten oft auch am Abend und am Wochenende, 67 Prozent antworten auch im Urlaub auf dienstliche Nachrichten, und 20 Prozent arbeiten selbst vor dem Schlafengehen noch schnell etwas ab.

Gesund ist das nicht: Über 50 Prozent der Befragten klagen über Schlafprobleme, 13 Prozent wälzen sich jede Nacht unruhig im Bett. Dass wir heute bereits mehr Zeit mit Technologien als schlafend im Bett verbringen, sollte uns zu denken geben. Psychische Erkrankungen wie Burnout sind seit 1994 um 120 Prozent gestiegen.


Buchtipp

  • MARKUS ALBERS, DIGITALE ERSCHÖPFUNG
  • Die digitale Arbeitswelt trat mit einem großen Versprechen an: kreativere und zufriedenere Mitarbeiter, produktivere Unternehmen. Tatsächlich sind flexible Arbeitszeiten und Home Office heute oft Standard. Trotzdem sind viele Menschen durch die digitale Lebensverdichtung stärker belastet als je zuvor. Markus Albers, selbst Unternehmer und ursprünglich Verfechter des Neuen Arbeitens, experimentierte deshalb mit Nichterreichbarkeit und Not-to-do-Listen. Mit Führungskräften aus der Wirtschaft entwarf er Wege aus der digitalen Erschöpfung – und das zur rechten Zeit. Denn im Moment wird in den Unternehmen der Rahmen für digitales Arbeiten festgelegt. Ein smarter Wegweiser in Zeiten von Burn-out und Dauerstress.
  • 285 Seiten, Hanser Verlag, 22,70 € (E-Book: 16,99 €)
  • Hanser Online-Shop

Das Interview ist ursprünglich in der trend-Ausgabe 35/2017 vom 1. September 2017 erschienen.

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