Design Thinking: Können wir remote kreativ sein?

Noch immer arbeiten viele Menschen ganz oder teilweise im Homeoffice. Wie können Unternehmen und Teams trotzdem kreativ und innovativ sein? Design-Thinking-Expertin Ingrid Gerstbach erklärt, wie die Methode auch virtuell funktioniert, für welche Fragestellungen sie geeignet ist und was beachtet werden sollte.

Design Thinking: Können wir remote kreativ sein?

Über Nacht hat sich die Welt verändert. Statt persönlich vor Ort in den Teams wurde plötzlich der virtuelle Raum zum Ort der Begegnung. Die Menschen mussten sich an eine andere Arbeitsweise in einer neuen Umgebung anpassen. Eines hat sich allerdings nicht geändert: Die komplexen Probleme, die gelöst werden müssen, sind die gleichen geblieben. Sie sind nicht weniger, sondern sogar mehr geworden. Zum Glück können auch in der virtuellen Welt Lösungen gefunden werden – gemeinsam und kreativ.

Design Thinking funktioniert auch virtuell

Generell eignet sich für die Lösung von komplexen Problemen die Innovationsmethode Design Thinking. Dabei handelt es sich um einen kreativen Prozess, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. Sprich: der Nutzer oder Kunde. Die verschiedenen Methoden von Design Thinking helfen vor allem, seine Bedürfnisse und Herausforderungen zu entdecken, selbst wenn die Menschen selbst sich ihrer nicht bewusst sind und sie nicht artikulieren können. Danach werden auf kreative Weise Lösungen gefunden, die abseits des bekannten Trampelpfades liegen. Unternehmen wie Apple, Nike oder SAP haben Design Thinking eingesetzt, um Produkte zu innovieren. In der virtuellen Anwendung können die Tools vor allem dabei helfen, Dienstleistungen und interne Prozesse zu entwickeln und zu verbessern.

Ingrid Gerstbach

Die meisten Menschen assoziieren mit Design Thinking bunte Haftnotizzettel, die an Wänden kleben, sowie ein Team, das vor diesen Zetteln steht und eifrig diskutiert. Da ist durchaus was dran: Ich persönlich liebe es, während des Prozesses viele Klebezettel zu verwenden, weil es Spaß macht mit ihnen zu arbeiten, sie flexibel sind und Farbe in den Raum bringen. Allerdings geht Design Thinking weit darüber hinaus. Die Methode funktioniert auch wunderbar in unserer stetig wachsenden Remote-Welt. Es braucht allerdings mehr Zeit für die Vorbereitung, damit in der virtuellen Umgebung wirklich alles funktioniert. Und jemanden mit viel Remote-Erfahrung, der den Workshop moderiert. Denn virtuell zu arbeiten ist eine andere Art der Herausforderung. Es geht nicht darum, die Teilnehmer zu beschäftigen, sondern darum, kollaborativ zusammenzuarbeiten, um mittels Design Thinking das Wünschenswerte mit dem technisch und finanziell Machbaren sowie dem ethisch Vertretbaren in Einklang zu bringen.

Design Thinking ist ein nicht-linearer Prozess, der die folgenden Phasen durchläuft:

  1. Einfühlen: In dieser Phase geht es darum, den (späteren) Nutzer kennenzulernen und dessen Herausforderungen und Umfeld besser zu verstehen.
  2. Definieren: Anhand der Informationen über den Nutzer werden die wichtigsten Herausforderungen geklärt, die in der Folge gelöst werden sollen.
  3. Ideen generieren: Ausgehend von der in der vorherigen Phase definierten Fragestellung werden mittels verschiedener Kreativtechniken neue Lösungen erarbeitet.
  4. Experimentieren: Diese Ideen werden so umgewandelt, dass sie direkt mit den späteren Nutzern getestet werden. Prototypen können von digitalen Mockups oder handgezeichneten Skizzen alles sein, was den Nutzern hilft, eine Vorstellung von der Lösung zu bekommen, um darauf aufbauend Feedback zu geben.

Empathie als wichtigster Baustein

Das Wichtigste im gesamten Prozess – ob analog oder virtuell – ist der Mensch. Aufgabe des Design Thinkers ist es, zu verstehen, vor welchen Problemen der Nutzer steht und wie ihm oder ihr geholfen werden kann. Dazu gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die durchführbar sind, ohne zu reisen oder von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Notwendig sind dafür lediglich ein geeignetes Kollaborationstool wie Zoom oder MS Teams und eine Webcam, um sicherzustellen, dass der Moderator die Personen und deren Körpersprache sieht und so die menschliche Verbindung herstellen kann. Der Aufbau von Empathie besteht zu 90 Prozent aus Zuhören und zu 10 Prozent aus offenen Fragen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, das Team vorab zu bitten, Erkenntnisse über die Zielgruppe zu sammeln und diese Ergebnisse direkt in den virtuellen Workshop mitzubringen.

Der virtuelle Ansatz stellt Design- und Innovationsteams, die es gewohnt sind, eng mit anderen zusammenzuarbeiten, vor eine Vielzahl von Herausforderungen. Vor allem die Fragestellungen, die virtuell bearbeitet werden wollen, sollten vorab gut bedacht sein. Nicht jedes Problem lässt sich remote genauso gut lösen wie vor Ort in der Gruppe. Gerade die direkte Interaktion mit dem Kunden, die beim Innovieren neuer Produkte das A und O ist, fällt in der virtuellen Welt fast gänzlich weg, da die persönliche Erfahrung virtuell nicht replizierbar ist. Daher eignen sich Fragestellungen wie das Optimieren bestehender Prozesse wesentlich besser für die Anwendung der Design-Thinking-Methodik.


Best-Practice-Tipps

  • Gute Vorbereitung: Für einen virtuellen Design-Thinking-Workshop braucht es vor allem eine gute Vorbereitung. Neben der Agenda, die der Moderator/in vorab detailliert ausgearbeitet haben sollte, die Teilnehmenden unbedingt bitten, dass sie sich bereits im Voraus mit den digitalen Tools auseinandersetzen.
  • Vorab-Aussendung: Die Teilnehmenden erhalten im Voraus die ausgewählten Tools. So ist sichergestellt, dass sie keine Zeit mit der Erklärung wie dem Anmeldeprozedere der Tools verbringen müssen, sondern sich alle auf den Workshop konzentrieren können.
  • Dauer: Gerade im digitalen Bereich ist die Energie sehr endlich. Deswegen darauf achten, möglichst kurzweilige Methoden zu nutzen und die Energie der Gruppe aufrechtzuerhalten.
  • Methoden: Lieber solche auswählen, bei denen die Teilnehmenden vor allem schreiben und weniger diskutieren. Statt Brainstorming lieber auf Brainwriting setzen. Es bietet sich an, mit Vorlagen wie Personas und der Customer Journey Map zu arbeiten.
  • Icebreaker und Energizer: Es ist normal, dass das Energieniveau der Menschen während des Workshops sinkt. Wichtig sind daher gute Energizer und Icebreaker – am besten solche, bei denen sich die Menschen bewegen müssen. Das sorgt automatisch für einen neuen Energieschub.

Zugegeben, wir durchleben gerade turbulente Zeiten. Aber in Wahrheit sind die Volatilität und die komplexen Umgebungen, die wir erleben, unsere neue Normalität: Veränderung findet immer statt und ist Teil des Lebens. Remote zu arbeiten, sollte niemanden daran hindern, komplexe Probleme zu lösen. Die Vorteile von Design Thinking sorgen auch virtuell dafür, dass es nach der aktuellen Krise ein wichtiges Mittel zur Problemlösung bleibt.


Zur Person:

Ingrid Gerstbach ist Innovationsexpertin und gilt als die deutschsprachige Koryphäe der aus den USA stammenden Innovationsmethode Design Thinking. Die studierte Betriebswirtin, Wirtschaftspsychologin und Erwachsenenbildnerin berät internationale Unternehmen und Universitäten und schreibt Kolumnen und Bücher und Kolumnen. Ihr Buch „77 Tools für Design Thinker - Insider-Tipps aus der Design-Thinking Praxis“ ist eben in vollständig überarbeiteter Ausgabe bei GABAL erschienen. Gerstbach lebt und arbeitet in Klosterneuburg bei Wien.

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