Der Brite im Silicon Valley

Der Brite im Silicon Valley

Robin Lumsden, Rechtsanwalt und derzeit MBA-Student an der Stanford University in Kalifornien.

Der Wiener Rechtsanwalt Robin Lumsden absolviert in Stanford gerade ein MBA-Studium. Einmal im Monat schreibt er an dieser Stelle über seine Erlebnisse und Erfahrungen. Diesmal: Der frühere britische Finanzminister George Osborne lehrt "Politische Dilemmata" und äußerst sich lobend über einen österreichischen Ex-Kollegen: Hans Jörg Schelling.

George Osborne war die Nummer zwei von Premierminister David Cameron. Er war von 2010 bis 2016 sein Finanzminister und wurde immer wieder auch als möglicher Nachfolger genannt. Dann kam die Brexit-Abstimmung und danach Theresa May. Sie warf den EU-Befürworter aus der Regierung. Gut für mich: Er hat mich eben ein Semester lang an der Stanford University im Rahmen meines MBAs betreut und mir weitere Skills beigebracht und mich ordentlich gechallenged.

Osborne, gerade 47 geworden, unterrichtete mich in der aus 15 Teilnehmern bestehenden Klasse im Fach "Politische Dilemmata". Unsere Gruppe bestand aus einigen Beratern von McKinsey, zwei ehemaligen Kabinettsmitgliedern David Camerons, zwei angehenden US-Politikern sowie Absolventen der amerikanischen Militärkaderschmiede Westpoint.

Als Professor wirkte Osborne extrem belesen. Es ist leicht nachvollziehbar, warum er Großbritannien in den schwierigen Jahren nach Ausbruch der Finanzkrise wirtschaftlich wieder auf solide Beine stellen konnte. Er kannte jedes Detail seiner Budgets und hat nicht nur auf Vorschläge seines Kabinetts reagiert oder Experten zu Rate gezogen -er wäre vom Wissen her selbst einer dieser Experten gewesen. Als Schatzkanzler betrieb Osborne eine konsequente Sanierungs- und Sparpolitik, um die Wettbewerbsfähigkeit Großbritanniens, das sich 2008/09 in einer tiefen Rezession befunden hatte, erfolgreich wiederherzustellen. Die "Times" wählte ihn daher zum "Briten des Jahres 2013".

Aktuell berät er in strategischen Fragen neben seiner Tätigkeit in Stanford die US-Investmentgesellschaft BlackRock, die sechs Billionen Dollar verwaltet. Diese Tätigkeit sei für ihn nur ein Sprungbrett für eine Rückkehr in die Politik, wird in immer wieder vermutet. Er dementierte das mir gegenüber - für den jetzigen Zeitpunkt. Wenn eine Rückkehr, dann nur als Nummer eins: "Nummer zwei bin ich schon gewesen." Für mich ist es extrem lehrreich, von solchen Persönlichkeiten, die auf globaler Ebene erfolgreich waren, zu lernen, deren Erfahrungen aufzusaugen und die eigenen Fähigkeiten zu testen.

Ich arbeitete ein Semester lang mit ihm an einem Konzept, welche Maßnahmen bei Staaten in künftigen Finanzkrisen angewendet werden sollten. Ein komplexes Thema: selbst Nobelpreisträger-Ökonomen hier in Stanford sind sich da nicht einig, natürlich auch unsere Klasse nicht. Dennoch gilt auch da das Erfolgsprinzip von Stanford: Solch detaillierte Auseinandersetzungen erweitern den Horizont, besonders wenn man seine abgeleiteten Theorien dann wie bei einer Doktorarbeit vor einem Komitee "defenden", also verteidigen muss.

Ich musste mich nicht nur vor George rechtfertigen, sondern auch vor den vielen Gästen, die er aus der britischen und US-Politik und Wirtschaft einlud. Diese hier in Stanford üblichen Auftritte - nämlich in Präsentationen und Argumentationen vor George, Eric Schmidt oder Condoleezza Rice zu bestehen - führen mit der Zeit zu einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit und Sicherheit in der inhaltlichen Auseinandersetzung. Auch wenn ich immer wieder auf meine rechtliche Ausbildung zurückgreife, dominieren wirtschaftliche und politische Argumente und eben das hier übliche vernetzte und nicht isolierte Denken.

Das andere Lernen

Hier in Stanford gibt es ein völlig anderes Lernen als in vielen europäischen Universitäten: Es geht nicht um Noten. Die Studenten sind hoch motiviert, sie wollen den Stoff nicht nur rein inhaltlich verstehen, sondern auch intuitiv, sollen in der Lage sein, ihre Position zu gestellten Aufgaben auch argumentativ gefestigt und selbstbewusst diskutieren zu können. Wenn ich eines in Stanford gelernt habe: die Fähigkeit, verschiedene Argumentationslinien klar zu vertreten und relativ rasch beurteilen zu können, welchen Grad an Vorbereitung mein Gegenüber für ein Thema aufgewendet hat.

Der Autor Robin Lumsden mit GEORGE OSBORNE (l.): "Der frühere Schatzkanzler ist ein extrem belesener Professor."

Mit George konnte ich mich nicht nur in der Lehrveranstaltung, sondern auch bei zahlreichen privaten Gesprächen und Essen über die Erfahrungen aus seiner fünfjährigen Zeit als Finanzminister sowie über die vorigen sechs Jahre als "Schattenfinanzminister" der konservativen Opposition unterhalten, auch über seine Erfahrungen mit österreichischen Politikern. Ohne aufgrund einer Stanford-Regel Details zu verraten: Sehr lobend äußerte er sich jedenfalls über Ex-Finanzminister Hans Jörg Schelling.


Wir hier in Stanford diskutieren, ob die Flüchtlingskrise wirklich das europäische Hauptthema sein kann.

Eine enorme Chance sieht er für Österreich mittel-und langfristig außenpolitisch. Es wäre schade, dass wir in der Vergangenheit nicht ähnlich wie Schweden oder die Niederlande Themen vorgegeben hätten, das sei wohl unserem Koalitionssystem geschuldet: Außenpolitik werde dann eher lästig, wenn das innenpolitische Ringen mit einem Koalitionspartner Vorrang haben müsse.



Diskutiert haben wir natürlich auch über Europa insgesamt, vor allem, welche Probleme aufgrund unserer kleinteiligen europäischen Struktur komplett unterschätzt werden. Hier im Silicon Valley liegen die diskutierten Hauptthemen in Asien, vor allem bei der nicht nur wirtschaftlich zunehmend dominierenden Rolle Chinas und der derzeit als besonders brandgefährlich eingeschätzten Krise im Mittleren Osten.

Frage aus Stanford: Die Flüchtlingskrise in Europa beschäftigt uns derzeit sehr, aber ist sie wirklich so zukunftsprägend wie etwa der tiefgreifende technologische Wandel, den wir hier in Kalifornien viel früher als in Europa spüren? Sind wir darauf genügend vorbereitet? Digitalisierung wird in Österreich immer wieder als Modewort verwendet, aber rechnen wir konkret mit einem Prozess, der unsere gesamte Gesellschaft, vor allem die Arbeitswelt, stärker verändern wird als jeder andere seit dem Zusammenbruch des Kommunismus?

Ich stelle meine Kanzlei und Umgebung jedoch bereits auf die künftigen Veränderungen ein, spezialisiere mich auf Blockchain-Technologien und deren Anwendungsmöglichkeiten. Auch als Land sollten wir uns konkret das Ziel setzen, Digitalisierungsvorreiter in Europa zu werden, statt bloß selbstzufrieden im europäischen Mittelfeld zu liegen.

Zur Person

ROBIN LUMSDEN , 40, ist als Wirtschaftsanwalt in Wien, New York und Washington, D.C. zugelassen. Er ist auch Integrationsbotschafter von Sebastian Kurz und Konsul von Jamaika in Österreich.


Der Gastbeitrag ist im trend Ausgabe 26/2018 am 29. Juni 2018 erschienen.

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