Britischem Wissenschaftssystem droht Absturz ins Mittelmaß

"Großen Schaden" für das britische Wissenschaftssystem befürchten in Großbritannien tätige österreichische Forscher bei einem Austritt des Landes aus der Europäischen Union (Brexit). Nach Ansicht von Helga Nowotny, ehemaliger Präsidentin des Europäischen Forschungsrats ERC, droht das britische Wissenschaftssystem bei einem Brexit "in die Mittelmäßigkeit abzustürzen".

Cambridge University
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Wie stark die britische Wissenschaft mit der EU vernetzt ist, zeigt eine Auswertung von "Nature Index", einer Datenbank des Fachmagazins, in der wissenschaftliche Publikationen in Top-Journalen, ihre Autoren und deren Herkunft erfasst sind. Demnach stammen zwar die meisten Koautoren von Publikationen britischer Forscher (2012-2015) aus den USA, dann folgen aber mit Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und den Niederlanden gleich fünf EU-Länder.

Aus den EU-Forschungsprogrammen fließen auch erhebliche Mittel auf die Insel: Laut "Nature" haben britische Forscher seit 2014 rund 1,4 Mrd. Euro aus EU-Töpfen erhalten, etwa 16 Prozent des britischen Uni-Budgets.

Viel zu verlieren

"Die scientific community in Großbritannien weiß genau, was sie zu verlieren hat: nicht nur eine große Menge an kompetitiv eingeworbener EU-Forschungsförderung, sondern auch ihre Vorrangstellung in der europäischen Forschungslandschaft", sagte Nowotny angesichts dieser Zahlen. Daher würden sich die britischen Forscher mit enormem Engagement für den Verbleib in der EU einsetzen.

Auch der Informatiker Georg Gottlob von der Universität Oxford ist überzeugt, dass ein Austritt aus der EU das Wissenschaftsbudget "eines der größten Profiteure der EU-Wissenschaftsförderung signifikant senken" würde. Dies würde vor allem die forschungsintensiveren Universitäten im Vereinigten Königreich treffen, die derzeit die meisten EU-Projekte heranzögen. Generell befürchtet Gottlob durch einen Wegfall der EU-Mittel "eine starke Verringerung der Forschung in Großbritannien". Weitere Konsequenzen könnten eine noch stärkere Konzentration der nationalen Forschungsförderung auf Spitzenuniversitäten wie Oxford oder Cambridge und eine "Degradierung" von guten Mittelklasseunis zu reinen Lehranstalten sein.

Rückschritt

Ein "Rückschritt für alle, mit unabsehbaren gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Folgen" wäre ein EU-Austritt Großbritanniens auch für den Mathematiker Peter Markowich von der Universität Cambridge. Das wäre ein Präzedenzfall, der viel von dem, was Europa erreicht hat, wieder völlig infrage stellen würde. Speziell die "Wissenschaft basiert auf Grenzenlosigkeit und das Wiederaufbauen von Grenzen ist der wissenschaftlichen Entwicklung völlig gegenläufig".

Der an der University of Nottingham tätige Wirtschaftswissenschafter Simon Gächter ortet "die große Gefahr, dass Brexit eine Re-Nationalisierungswelle auslöst, welche die EU zerstören könnte, mit potenziell katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Folgen für unseren Kontinent". Die britische Wissenschaft würde "ohne Zweifel großen Schaden nehmen, die Attraktivität des "besten europäischen Wissenschaftsstandorts würde ungemein leiden". Wie stark der Schaden wäre, hinge von den Details des Austritts ab, vor allem in welchem Ausmaß die Personenfreizügigkeit eingeschränkt würde, meinte Gächter, der hofft, dass "die Vernunft in dieser Ära der grassierenden Unvernunft zum Schluss doch noch siegt".

Geförderte Universitäten

Die britischen Universitäten profitierten nicht nur überdurchschnittlich von EU-Fördertöpfen, sondern auch "enorm von den besten Studenten und Wissenschaftern aus der EU", weil viele britische Institute als Magnete für die besten Köpfe Europas wirken, betonte der Chemiker Erwin Reisner, der seit 2012 an der Universität Cambridge das Christian-Doppler-Labor für "Erneuerbare Synthesegas-Chemie" leitet. Angesichts der engen Verflechtung von Wissenschaftern in europäischen Netzwerken würde er deshalb bei einem Brexit mit "einem erheblichen Schaden für die britische Wissenschaft" rechnen, man würde damit "die Zukunft der Forschung, Innovation und akademischen Exzellenz in Großbritannien riskieren", so Reisner, der aber "sehr optimistisch ist, dass es keinen Austritt geben wird - da vertraue ich dieses Mal den Buchmachern".

Rechenspiele sind dem Mathematiker Martin Hairer von der University of Warwick nicht fremd - hat er doch als erster Österreicher 2014 den "Nobelpreis" für Mathematik erhalten, die Fields-Medaille. Seiner Einschätzung nach hingen die Auswirkungen eines Austritts davon ab, wie die britische Regierung und die EU darauf reagieren. Würde der Geldfluss vonseiten der EU versiegen, "wäre es natürlich katastrophal für die britische Wissenschaft. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein, da die Regierung diese Forschungsgelder im Prinzip relativ einfach aus den ersparten EU-Beitragsgeldern ersetzen könnte." Signale in diese Richtung gebe es aber noch nicht. Einen Austritt fände der Mathematiker, der zwar einige Argumente der Austritts-Befürworter nachvollziehen kann, das Thema allerdings vor allem "von Ausländerfeindlichkeit vorangetrieben" sieht, jedenfalls "sehr traurig".

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