Alter Schwede: IT-Experte in 12 Wochen

Alter Schwede: IT-Experte in 12 Wochen

Lebst Du noch oder programmierst Du schon? Wie das schwedische Unternehmen Academy mit einem Hybridmodell aus High-Speed-Training und Personalvermittlung den IT-Fachkräfte-Mangel lösen will.

12 Wochen zur IT-Fachkraft - und das ohne Vorbildung! Was wie ein zu vollmundiger Marketingschmäh klingt, funktioniert - und wird seit drei Jahren von einem schwedischen Unternehmen vorexerziert: Academy. Nach der gelungenen Premiere am Heimmarkt exportierten die Schweden ihr Konzept 2017 nach Finnland und sind seit Kurzem in Deutschland präsent und bearbeiten von München aus den Markt: "Um ganz ehrlich zu sein, sind wir 2015 nicht von null gestartet", erzählt Deutschland-Chef Philipp Leipold. "Academy ist eine Ausgründung vom größten schwedischen Personalberater für junge Akademiker, Academic Work. Den gibt es seit 20 Jahren, er beschäftigt 1.500 Mitarbeiter in Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen, der Schweiz und Deutschland."

Mit der Ausgründung adaptierte Micael Holmström, einer der Co-Gründer von Academy, das in den USA bekannte Konzept von IT-Bootcamps für europäische Verhältnisse. Die Idee war, Fachkräfte nah an Marktbedürfnissen auszubilden, also in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen, und das alles in beeindruckender Geschwindigkeit.

Alleine im vergangenen Jahr wurden 23.000 Fachleute in zwölfwöchigen Intensivlehrgängen ausgebildet und haben danach direkt zu arbeiten angefangen. "Weil Bildung für jedermann zugänglich sein sollte, wollten wir das Geschäftsmodell anpassen", so Leipold. Das Bootcamp ist kostenlos, vom Camp geht es direkt in den Job.

Die Jobgarantie

Was fast noch unglaublicher klingt, erklärt sich aus dem praktischen Hintergrund, dass sämtliche Absolventen mit dem erfolgreichen Abschluss einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen: Academy hat eine Lizenz als Personalvermittler. "Am Anfang ist das ein Arbeitsvertrag mit Academy. Wir bringen Absolventen und Unternehmen aber so gut zusammen, dass 98 Prozent spätestens nach zwölf Monaten von den Unternehmen übernommen werden", sagt Leipold.

Die Zusammenarbeit mit den Unternehmen ist sehr eng, und für größere Firmen bietet Academy spezifische Programme an: "Wenn eine Firma sagt, wir brauchten .NET-Experten oder Spezialisten für ein bestimmtes älteres Rechnersystem, suchen wir die passenden Kandidaten und bilden die gezielt aus", sagt Leipold.

PHILIPP LEIPOLD. "Im vergangenen Jahr haben wir 50 Prozent des Bootcamp Wyncode in Miami gekauft, damit sind wir auch ganz nah dran an den Entwicklungen in den USA."

In solchen Fällen bezahlt das Unternehmen marktübliche Vermittlungsgebühren fürs Recruiting, aber keine Kosten für die Ausbildung. "Das Konzept ist etwas völlig Neues. Wir haben in kurzer Zeit eine hohe Anzahl von IT-Consultants bekommen, die technisch und persönlich alles Notwendige mitbrachten", sagt Thomas Grundsten von Ericsson.

Die zweite Schiene sind offene Klassen zu bestimmten Themen wie etwa Java. In München startete das erste Bootcamp auf deutschem Boden ebenfalls mit dieser populären Programmiersprache. Mit dabei ist ein Österreicher: Tolga Sirma versuchte sich zwar schon als Kleinkind im Programmieren, brach die Schule ab und holte die Matura später nach. Nach Jobs in Gastronomie und Einzelhandel hat der 23-Jährige das Gefühl, "endlich das Richtige gefunden zu haben".

Die Aufnahme ins Bootcamp war ein erster wichtiger Schritt, denn aus 815 Bewerbern wurden nur 14 ausgewählt. Leipold beschreibt den harten Ausleseprozess: "Nach drei psychologischen Tests, die verbale, logische und numerische Fähigkeiten ausloten, werden die Kandidaten zu telefonischen und persönlichen Assessments eingeladen. Am Ende gibt es noch eine Motivations-und Persönlichkeitsmessung." Und wer kommt da am Ende heraus? Beim ersten Kurs Teilnehmer zwischen 19 und 52 Jahren, davon vier Frauen. "Das Durchschnittsalter ist knapp 30, und die meisten kündigen ihren Job dafür", erzählt Leipold.

Viele Kandidaten geben aber nicht nur ihren Job auf, sie brauchen viel Kraft, denn ausgebildet wird nach der sogenannten Accelerated-Learning- Methode, die im Kern eine schnelle Stoffaufnahme mit aktiven und passiven Aktivitäten kombiniert und nicht nur Folienpräsentation meint, sondern unmittelbar angewandt wird -es wird also programmiert.

"Ich musste meinen pädagogischen Ansatz ziemlich umstellen: keine langen Vorträge mehr, sondern maximal zwanzig Minuten Impulsvortrag und dann einfach machen", erklärt Oliver Hock, einer der beiden Münchner Trainer, "auch wenn das für alle Beteiligten sehr anspruchsvoll ist: Dieses Leuchten der Begeisterung in den Augen der angehenden IT-Consultants zu sehen, das ist einmalig."

In München bilden zwei Trainer die Kandidaten aus. Beide Trainer haben Unternehmen gegründet, kennen die IT-Anforderungen also aus erster Hand. Deutschland-Geschäftsführer Leipold weiß jetzt schon, wie sich die Java-Aspiranten im September fühlen werden: "Es ist nicht so, dass die Leute abgemagert und abgekämpft zu den Unternehmen kommen. Familienleben und Freundschaften haben in der Zeit aber definitiv Nachrang", sagt er. "Viele Absolventen bilanzieren die Bootcamp-Zeit als eine der intensivsten, aber auch erfüllendsten Erfahrungen."

Aktuelle Programme

  • Deutschland. Die nächste offene Java-Klasse startet im Oktober. Ein spezifisches Programm läuft für Netzwerktechniker auf HP Aruba. Informationen auf awacademy.de
  • Finnland. .NET/C#, Cobol, Java und Energiemanagement-Berater werden für Unternehmen ausgebildet.
  • Schweden. Aus der offenen Klasse kommen derzeit Java-Programmierer und technische Projektmanager. Spezifisch ausgebildet werden Projektmanager für Gebäudeautomatisierung und Glasfasernetzversorgung sowie Cloud-Experten für ServiceNow und natürlich Java und .NET/C#.

DER SOMMER SEINES LEBENS. Tolga Sirma (oben) hat es als einziger Österreicher ins erste deutsche Academy-Bootcamp geschafft. Er schildert dem trend seine ersten Eindrücke: "Das ganze Programm hat aus meiner Sicht in einem normalen Tempo angefangen. Anfangs wurden einem die Basics vermittelt. Man merkt jetzt in der zweiten Woche, wie es langsam intensiver wird. Täglich wird man vor neue Herausforderungen gestellt und versucht, mit dem Tempo mitzuhalten. Jeden Tag wird einem neues Wissen vermittelt, und das müssen wir am Ende des Tages draufhaben. Es kommt schon vor, dass man sich ein Thema noch einmal zuhause anschauen muss. Wir arbeiten oft in Gruppen zusammen und versuchen, einander zu helfen, dadurch wird auch die Zusammenarbeit gefördert, die später im beruflichen Leben des Programmierers wichtig ist."

PREMIERE IN MÜNCHEN. Beim ersten Kurs in Deutschland sind die Academy-Teilnehmer zwischen 19 und 52 Jahre alt, davon immerhin vier Frauen. Zu sehen sind hier die 14 Aspiranten mit vier Academy-Mitarbeitern und den Trainern.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 28-29/2018 vom 13. Juli 2018 entnommen.

Karrieren

So formulieren Sie Kritik und Verbesserungsvorschläge richtig


Christine Antlanger-Winter, Google Austria

Karrieren

Christine Antlanger-Winter wird Chefin von Google Austria

Günther Helm (re.) gibt die Führung des Lebensmitteldiskonters Hofer an Horst Leitner ab

Handel & Dienstleistung

Chefwechsel bei Hofer: Horst Leitner folgt Günther Helm