Alter als Asset: Hansaton setzt auf Mitarbeiter über 40

Alter als Asset: Hansaton setzt auf Mitarbeiter über 40

Lebenserfahrung - ein wichtiger Faktor für eine Beratung auf Augenhöhe.

Menschen, die mitten im Leben stehen, aber in einer Mid-Career-Crisis stecken, haben es nicht leicht, einen beruflichen Neuanfang zu wagen. Der Hörgeräte-Spezialist Hansaton setzt dagegen bewusst auf Quereinsteiger und Wiedereinsteiger über 40, die noch einmal etwas Neues anfangen wollen.

Noch einmal neu durchstarten mit Mitte 40 oder gar über 50? Für viele Arbeitnehmer ist es nur schwer vorstellbar beruflich in fortgeschrittenerem Alter eine völlig neue Richtung einzuschlagen. Ohne finanzielle Einbußen ist das in Österreich praktisch gar nicht möglich. So verharren viele in dem Job, den sie einmal gelernt haben, obwohl sie diesen lieber schon gestern als erst irgendwann an den Nagel gehängt hätten.

Auch die Signale aus der Wirtschaft sind tendenziell nicht sonderlich motivierend, um als "Golden Ager" noch einmal den Sprung ins kalte Wasser zu wagen: Älteren Arbeitnehmern eilt der Ruf voraus, dass sie mehr kosten, gleichzeitig aber auch weniger Leistung bringen als ihre jüngeren Kollegen. Vom Altersstarrsinn und der jugendlichen Dynamik - der so gefragten Flexibilität - ganz zu schweigen.


„Wer mit Mitte 40 nochmal etwas Neues beginnt ist noch 20 Jahre im Berufsleben. Da ist alles an Karriere möglich“

Doch nicht jeder Unternehmer denkt so. „Alter ist für uns ein Asset“, sagt etwa Oliver Lux, Geschäftsführer des Hörgeräte-und Hörsysteme-Herstellers Hansaton. Lux setzt daher gezielt auf ältere Mitarbeiter, um den Fachkräfte-Mangel unter den Hörgeräteakustikern auszugleichen.

Das Unternehmen, das seit 2001 zum Schweizer Pharmakonzern Sanova gehört und in Österreich 87 Standorte betreut, beschäftigt aktuell 290 Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 39 Jahren. Aktuell befinden sich 21 davon in Ausbildung. 40 Prozent der Mitarbeiter sind über 45, jeder sechste Mitarbeiter ist über 55 Jahre alt. In den letzten fünf Jahren wurden knapp 90 Mitarbeiter im zweiten Bildungsweg ausgebildet. Rund 80 Prozent davon sind noch im Unternehmen, erzählt Lux.

Branche streitet um Fachpersonal

Auslöser der der Initiative, auch Älteren noch den den Beruf des Hörgeräteakustikers zu lernen, war ein eklatanter Fachkräftemangel. Wie in etlichen vergleichbaren Gewerbebetrieben dürfen nur echte Fachkräfte Beratungen für Hörgeräte anbieten, diese anfertigen und anpassen. Und obwohl die Nachfrage nach Hörgeräten stetig zunimmt bremst der Mangel sogar den Expansionsdrang von Hansaton: Es gibt einfach kein Personal für weitere Standorte.

"Momentan sind insgesamt etwa 1.000 Fachkräfte in Österreich in der Hörakustik beschäftigt und es gibt eine tiefgegriffene Fluktuation von 10 Prozent, so kann ein Unternehmen gerade einmal den den Status quo halten", beschreibt Lux die Lage. Es gibt hierzulande nur zwei Ausbildungsstätten mit circa 80 Absolventen pro Jahr, die ins Berufsleben einsteigen. "Die Wirtschaftskammer bietet die Ausbildung auch im zweiten Bildungsweg an und die Klassen sind voll", weiß Lux. Über zwei Jahre können hier Ein- und Umsteiger berufsbegleitend die Lehrabschlussprüfung ohne allzu große Einkommenseinbußen ablegen. Die Folge: Die Unternehmen am Markt werben einander ununterbrochen Leute ab, nehmen sich die Mitarbeiter gegenseitig weg.

Für die Branche schlecht, mit der Nachfrage steigen auch die Lohnkosten. Der Beruf des Hörgeräteakustikers ist zudem ein Mangelberuf, der sich in einer Nische versteckt und bei Berufsberatungen selten am Radar ist. Das Berufsbild schlichtweg zu wenig bekannt.

Ginge es nach Lux, dann wäre alles anders und Österreich ein EU-weites Role-Model "Österreich ist aber wiedermal sehr zaudernd und nicht willens, als Land und als Branche Vorreiter in der EU zu werden, um hier Standards zu setzen“ kritistiert er.

Lücken beim Lebenslangen Lernen

Generell liegt das Potenzial älterer Arbeitskräfte sowohl im österreichischen Bildungssystem wie auch in der Arbeitswelt weitgehend brach. Das Arbeitsmarktservice (AMS) fördert Unternehmen bei der Integrierung von vorgemerkten Arbeitslosen über 45 und gezielt ab 55 plus mit einem Zuschuss bei den Lohnkosten. Auch das WAFF (Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds) fördert Arbeitnehmer, setzt aber den Schwerpunkt auf das Nachholen von Ausbildungsabschlüssen und Weiterbildung. Für Menschen, die gut ausgebildet sind, mitten in einem Beruf stehen, diesen aber wechseln wollen, greifen die Förderungen vom AMS nicht und beim WAFF werden Ausbildungskosten nur für Arbeitnehmer gefördert, die nicht mehr als 1.800 Euro netto verdienen.

Die Folge: Das berufliche Bildungssystem ist wenig durchlässig. Hat man einmal eine Ausbildung oder ein Studium absolviert, gibt es außerhalb dieses Fachbereichs kaum Karrierechancen. Das System ist darauf ausgelegt, in einem Beruf zu bleiben. Auch die Förderungen sind auf Dran- und Drinbleiben, sprich die eindimensionale Weiterbildung fokussiert.

Sprünge oder Neustarts in der Lebensmitte sind nicht vorgesehen, passen nicht ins System. Und das, obwohl die Dauer der Erwerbstätigkeit immer weiter steigt. Im fortgeschrittenen Alter gibt es auch keine Stipendien für Aus- und Weiterbildungen, die etwa in Schweden üblich sind. Hier werden Arbeitnehmer bis 50 Jahre nicht nur mit der Übernahme der Ausbildungskosten, sondern auch bei den Lebenshaltungskosten unterstützt.

Altersbeschäftigung gut für die Volkswirtschaft

Dabei fördern solche Angebote die Weiter- und teils auch Wiederbeschäftigung älterer Arbeitnehmer. Davon profitieren Unternehmen und Staatskassen. Das belegen zahlreiche Studien, etwa auch der "Golden Age Index" des Beraters PwC zur Beschäftigung älterer Arbeitskräfte. Unter 34 OECD-Ländern belegen dabei Island, Neuseeland und Schweden die Toppositionen, Österreich liegt weit zurück auf Platz 28. Der Studie zufolge würden Maßnahmen zur Steigerung der Beschäftigung älterer Arbeitskräfte die Pensions- und Gesundheitssysteme deutlich entlasten und das Bruttoinlandsprodukt steigen lassen.


Jugend ist kein Garant für Innovation und Alter kein Garant für Weisheit, aber eine gewisse Lebenserfahrung schadet nicht

Das Thema "Alter" in der Arbeitswelt gewinnt aufgrund der demografischen Veränderungen, also geringere Geburtenraten und höhere Lebenserwartung, in den nächsten Jahren auch auf wirtschaftlicher Ebene stark an Bedeutung. Allgemein herrscht am Arbeitsmarkt jedoch nach wie vor ein regelrechter Jugendwahn.

Andererseits spielt die Demografie der medizinischen Branche in die Hände: Das zunehmende Alter, verbunden mit einem aktiven Lebensstil und der stärkeren Geräuschbelastung wird auch in der Hörgeräteakustik für weiteren Fachkräftebedarf sorgen.

Beratung auf Augenhöhe

Umsattler wie Wiedereinsteiger sind für Hansaton keine Notlösung aufgrund des Fachkräftemangels sondern erste Wahl: „Das ist grundsätzlich eine gute Sache, denn dadurch kommen Leute in die Branche hinein, mit denen man anders arbeiten kann als mit einem 16-jährigen Lehrling“, sagt Lux. Umsteiger hätten sich vielfach auch bewusster für den neuen Beruf entschieden und bringen eine starke Motivation, Lebenserfahrung und Reife mit - was bei dem ebenfalls älteren Zielpublikum auch gut ankommt.

"Ein junger Kunde bei uns ist in seinen 50ern. Da geht es auch um Augenhöhe, um die Kundenperspektive", sagt Lux zur wichtigen Vertrauensbasis in seiner Branche. "Deshalb haben wir auch ein großes Interesse, langfristig mit unseren Mitarbeitern zusammenzuarbeiten".

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