Alois Czipin: Eine Zerstörung, die nicht stattfand

Alois Czipin, Unternehmensberater mit Schwerpunkt Produktivität, teilt in der trend-Serie "BusinessCLASS" seine Erfahrungen. Aktuell: Warum das Festhalten an unrettbaren Strukturen die Sanierung eines ganzen Unternehmens verhindern kann.

Alois Czipin

ALOIS CZIPIN, Consulter.

SCHWACHSTELLEN. "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam": So lautete der berühmte Ausspruch von Cato am Ende jeder seiner Reden im römischen Senat ("Im Übrigen meine ich, dass Karthago zerstört werden muss!"). Cato wiederholte diesen Satz so lange, bis tatsächlich ein römisches Heer aufbrach und diese Stadt in Nordafrika 150 v. Chr. zerstörte.

Etwa 2.150 Jahre später erhalte ich ein Mandat zur Restrukturierung eines großen Einzelhandelsunternehmens. Mir war zuvor der besonders schlechte Zustand der Filialen aufgefallen, die häufig nicht vorrätigen Waren und das meist nicht sehr freundliche Personal. Auf Basis einer strukturierten Erhebung an zehn verschiedenen Standorten hatten wir deshalb eine Präsentation für den Vorstand zusammengestellt und einen Termin vereinbart.

Der Termin ist ein voller Erfolg, und wir werden mit der Analyse beauftragt. Die Gewinn-und-Verlust-Rechnung ist genau so schlecht wie der optische Eindruck: Sie weist ein Minus in zweistelliger Millionenhöhe aus. Es offenbart sich die ganze Bandbreite an Schwächen: von der Sortimenterstellung über den Einkauf, die Logistik, die Filialen bis in die Supportfunktionen finden wir nur sehr wenige funktionierende Abläufe. Die EDV entpuppt sich als besondere Schwachstelle: Die Einführung des ERP-Systems ist seit fünf Jahren nicht vollständig abgeschlossen, Verbesserungsprojekte liegen auf Eis, die gesamte Mannschaft in der EDV irrt führerlos und untereinander nicht abgestimmt umher. Es wird klar, dass das Unternehmen nur gerettet werden kann, wenn in einem gewaltigen Kraftakt alle an einem Strang ziehen.


Es passiert wieder nichts. Der EDV-Leiter ist weiter am Werk.

In der wöchentlichen Projektbesprechung, in der die gesamten Aktivitäten koordiniert werden, nehmen neben den beiden Vorständen die vier Bereichsleiter, mein Projektleiter und ich teil. Wir beginnen mit den Filialen, um im ersten Schritt sichtbare Verbesserungen im Auftritt und bei der Produktivität zu erreichen. Wir konzentrieren uns auf 13 von ca. 200 Filialen, um die Veränderungen auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Unterstützung für viele Themen brauchen wir von der EDV, etwa zeitnahe Auswertungen von Out-of-Stocks, Umsätzen, Aktionserlösen etc. Wir definieren Maßnahmen und bekommen auch Terminzusagen.

Aber von Woche zu Woche hören wir dann, warum zugesagte Termine nicht gehalten werden können. Das erste Mal bin ich noch verständig, beim dritten Mal werde ich drängend, und beim vierten Mal gibt es ein Sechsaugengespräch mit dem Vorstand. Hilft aber alles nichts: In Bezug auf die EDV geht nichts weiter. Dies ist umso ärgerlicher, als der Fortschritt in anderen Themen sehr gut ist. Die Filialen wirken aufgeräumter, das Personal trägt saubere Kleidung und ist freundlicher geworden.

Ich entscheide mich nach einer Besprechung für eine Vorwärtsstrategie, zitiere den Cato-Spruch in Latein -gefolgt von der deutschen Übersetzung. Die beiden schauen mich groß an und lachen verlegen. Es passiert aber wieder nichts, und der EDV-Chef ist weiter am Werk.

FEHLSCHLAG. Vier Wochen später ist der "Tag der Wahrheit" angesetzt. Das neue System zur Planung des Personaleinsatzes wird vorgestellt. Wir sitzen erwartungsvoll und lauschen der Präsentation des EDV-Leiters. Es klingt alles gut und plausibel. Ich schlage vor, dass wir nun in die Praxis gehen und einen Test mit Livedaten machen. Ich merke sofort, dass dieser Vorschlag meinem "Freund" nicht angenehm ist, lasse ihn aber nicht aus dieser Nummer heraus. Er geht also ins System, ruft eine Filiale und eine Kalenderwoche auf und beginnt mit dem Import der geplanten Umsätze. Aktivitätslisten, Zeitfenster für Aktionsaufbauten und Liefertage für verschiedene Warengruppen sind hinterlegt. Damit wäre alles bereit, um einen Vorschlag für den Personaleinsatz in dieser Kalenderwoche zu berechnen.

Der EDV-Leiter "drückt" auf den Berechnungsknopf. In diesem Moment kann man eine Stecknadel fallen hören. Als wir das Ergebnis sehen, wird schnell klar, dass dieser automatisierte Personaleinsatzplan nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Ein glatter Fehlschlag - wieder einmal.

Nach Ende der Besprechung bringe ich wieder mein "Ceterum censeo " an, aber ich merke rasch, dass der EDV-Leiter wieder davonkommen wird. Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert, und die antiken Strategien greifen nicht mehr. Zumindest in diesem Fall war es so. Zum großen Schaden des Unternehmens!



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