Alois Czipin: "Know your limits"

Vier Wochen Urlaub während eines besonders schwierigen Projekts schienen ein Ding der Unmöglichkeit. Aber es hat geklappt.

Alois Czipin

ALOIS CZIPIN, Consulter mit dem Schwerpunkt Produktivität, teilt in der trend-Serie "BusinessCLASS" seine Erfahrungen.

Der Sommer des Jahres 1984 ist wegen des schlechten Wetters in die Geschichte der westeuropäischen Meteorologie eingegangen. Ich bin damals mit 28 Jahren der wahrscheinlich jüngste Partner einer Beratungsgesellschaft auf der ganzen Welt; verantwortlich für zehn Projekte in ganz Europa, die sich hauptsächlich zwischen Italien, Deutschland und England verteilen. Ich besteige praktisch täglich ein oder mehrere Flugzeuge und eile von einem Meeting zum nächsten. Es ist ein wahrer Höllenritt, der mir fast den Atem raubt. Aber ich will ja die große Karriere machen.

Ein Projekt stellt sich als besonders problematisch heraus: eine Dosenfabrik im Norden Londons. Ein Studienkollege ist der Projektleiter, was die Komplexität jedoch nicht reduziert. Wir haben von Beginn an mit großem Widerstand seitens der Belegschaft und deren Gewerkschaft zu tun. Es beginnt schon damit, dass die Druckereigewerkschaft meiner Mannschaft das Betreten des Drucksaales verbietet. Das Management hat dem wenig entgegenzusetzen, und so wird ein exakter Pfad definiert, auf dem wir den Drucksaal passieren können. Keine ideale Ausgangsposition, aber mein Studienfreund und seine Leute sind trotzdem guter Dinge.

Nach wenigen Wochen ruft er mich an und teilt mir mit, dass er einfach nicht mehr kann und die Kündigung eingereicht hat. Er erzählt mir, dass er in der sehr angespannten Situation dieses Auftrages am Vorabend in sein Hotel kam, um dort seine Koffer vor dem Zimmer zu finden. Eines der ganz hohen Tiere meiner Firma - mein Vorgesetzter - brauchte ein Zimmer und hatte sich einfach seines genommen. Mein Freund musste bis Mitternacht eine Alternative suchen - und hat jetzt absolut die Schnauze voll. Er hat sich schon einiges bieten lassen, aber nun ist es ihm zu viel. Ich falle aus allen Wolken und versuche, ihn zum Bleiben zu bewegen, aber offensichtlich wurde der Faden wirklich überspannt und ist nun gerissen.

Projekt und Urlaub

Ersatz für meinen Freund zu finden, erweist sich als schwierig, woraufhin gegen meinen Willen die Entscheidung fällt, dass ich selbst dieses Projekt übernehmen soll. Ich bin stinksauer, denn das heißt nun, alle meine Pläne zu ändern. Die Sommerferien nahen, und ich habe meiner Frau und meiner Familie versprochen, diesmal vier Wochen am Stück Urlaub zu nehmen. Wir haben schon alles gebucht: eine Fahrt mit einem Pferdewagen im Süden Irlands. Der Urlaub ist seit langer Zeit in der Zentrale bekannt, aber es dauert nicht lange, bis die ersten Anfragen kommen, ob ich den Urlaub nicht verschieben kann. Für mich steht jedoch fest, dass ich diesem Wunsch nicht nachkommen werde.

Parallel dazu setze ich erste Maßnahmen, um das Projekt auf Schiene zu bringen. Glücklicherweise gelingt es mir, eine sehr gute Beziehung zu dem Produktionsleiter aufzubauen. Er wird mein genialer Partner, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Der Mann will schon lange seiner Zentrale beweisen, dass er fähig ist, auch schwierige Herausforderungen zu lösen. Zwei Tage vor meinem Urlaub ist ein sogenanntes "Progress Meeting" mit dem Vorstand angesetzt, an dem die vereinbarten Potenziale zu präsentieren sind. Wir sind schon ziemlich in Verzug. Ich verbringe daher mit meinem Team und dem Produktionsleiter fast die ganze Nacht, um mögliche Verbesserungen zu definieren: eine Mischung aus Reduktion von besetzten Positionen an der Linie, Maßnahmen zur Erhöhung der Maschinenleistung und Abbau von Personal in der Instandhaltung und den übrigen indirekten Bereichen wie Innendienst, Buchhaltung etc.

LoslassenALOIS CZIPIN, Consulter mit dem Schwerpunkt Produktivität, teilt in der trend-Serie "BusinessCLASS" seine Erfahrungen.

Total erschöpft komme ich um ca. drei Uhr morgens ins Hotel und treffe folgende Entscheidung: Nach diesem "Progress Meeting" werde ich wie geplant vier Wochen auf Urlaub gehen. Ich werde mich nicht dem Druck meiner Vorgesetzten beugen. Ich lege mich ins Bett und schlafe nur schwer ein, denn ich spüre, dass es nicht einfach wird, das durchzuziehen.

Das Meeting verläuft halbwegs erfolgreich. Es gibt keinen Grund zum Jubeln, aber das Schlimmste kann abgewendet werden. Danach informiere ich meinen Chef über meine Entscheidung. Er beginnt, zu toben, aber ich bleibe konsequent.

Zwei Tage später bin ich mit meiner Familie in Irland, und wir verbringen einen unvergesslichen Urlaub. Zurückgekehrt stelle ich fest, dass das Team auch ohne mich gut vorankam und Sache erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Meine Lehre aus dieser Geschichte: "Know your limits" - sonst wirst du auf der Langstrecke versagen. Und das sage ich nach 40 Jahren im Geschäft, ohne ausgebrannt zu sein.


Der Artikel ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25. Juni 2021 entnommen.

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