Alois Czipin: Aufgegeben wird ein Brief!

Consulter Alois Czipin berichtet über die hohe Fluktuation in seiner Branche, die manchmal ein Fluch sei. Umso befriedigender seien unerwartete Erfolge an der Personalfront.

Alois Czipin, Gründer "Czipin Produktivitätssteigerungs-GmbH"

Alois Czipin, Gründer "Czipin Produktivitätssteigerungs-GmbH"

FLUKTUATIONSKARUSSELL. "Alois, hast du fünf Minuten Zeit? Ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen." Abhängig davon, wer mir diese Frage stellt, verspüre ich immer einen Stich unterschiedlicher Intensität in meinen Eingeweiden. Meist folgte dann die Kündigung durch einen Mitarbeiter.

Meine Berufswahl hat mich in eine Branche geführt, in der die Mobilität der Leute sehr hoch ist - sie liegt bei etwa 25 Prozent pro Jahr. Dabei beobachte ich seit langer Zeit das Phänomen, dass drei Gruppen zu unterscheiden sind: Mitarbeiter, die bis zu zwei Jahren in einem Unternehmen sind, Mitarbeiter mit zwei bis fünf Jahren Zugehörigkeit und solche, die mehr als fünf Jahren bleiben. Wie zu erwarten ist, dreht sich das Fluktuationskarussell mit zunehmender Zugehörigkeit langsamer. Und das ist auch sehr wichtig, denn diese Mitarbeiter und ihre Erfahrung bilden das Rückgrat eines Beratungsunternehmens.

Im Jänner 2016 ist einer meiner Projektleiter auf einem Projekt in Deutschland eingesetzt. Seit 1999 arbeitet er bei mir und ist damit mein längstdienender Mitarbeiter. Er verfügt über eine ruhige und sachliche Art und erledigt die ihm übertragenen Aufgabengebiete mit Kompetenz und Verlässlichkeit. "Herz, was willst du mehr?" Der Mann ist mit mir schon durch dick und dünn gegangen.

Der Auftraggeber ist einer meiner treuesten Stammkunden. Nach der Neugründung meiner Firma im Jahr 2003 erhielt ich von ihm das erste große Projekt. Seither arbeiten wir häufig zusammen. Diese Verbindung ist insofern speziell, als mir dieser Klient einerseits sehr viel Arbeit übertragen hat, andererseits aber einige sehr gute Leute abgeworben hat. Was zwar nicht so unüblich ist in meiner Branche, aber die Häufung der Fälle liegt mir seit Jahren im Magen.

Das Projekt läuft gut, sodass ich mit monatlichen Besuchen und wöchentlichen Updates per Telefon meinen eigenen Zeitaufwand sehr gering halten kann. Eines Tages läutet mein Telefon. Mein Projektleiter ist an der Leitung. Nichtsahnend hebe ich ab: "Alois, ich habe ein Jobangebot erhalten, das ich annehmen werde. Ich weiß, das gefällt dir überhaupt nicht, aber ich kann nicht anders!" Ich habe in diesem Moment das Gefühl, als ob mir jemand einen Dolchstoß versetzen würde. Aber ich reagiere spontan und sage nur: "Ich fliege noch heute nach Dresden, wir treffen uns am Abend im Hotel."

KEIN VERLASS. Während des Fluges schreibe ich mir alle Argumente auf, die ich im Gespräch ins Treffen führen werde. Mein Problem ist die historische Erfolgsquote solcher Unterredungen:"Null Komma Josef" lautet die traurige Bilanz. Nach Ankunft im Hotel steigt meine Nervosität. Das Gespräch mit meinem langjährigen Mitstreiter beginnt wie üblich: Er ist des Reisens müde, die Partnerin macht Druck usw.

Nach Hunderten ähnlich gelagerten Gesprächen kann ich es fast nicht mehr hören. Dann beginne ich, ihm meine Argumente auseinanderzusetzen: Mein stärkstes ist, dass er sich nicht auf das Wort des Klienten verlassen kann. Und das habe er ja selbst einige Male am eigenen Leib im Zuge von Verhandlungen gespürt. Nach einer Stunde beenden wir die Unterhaltung, und ich habe - wie immer - das Gefühl, nichts erreicht zu haben.

Am nächsten Tag begeben wir uns zu einigen Projektbesprechungen. Ich setze dem Klienten wieder einmal auseinander, dass mir die Art und Weise, wie er mir immer wieder Mitarbeiter abwirbt, absolut nicht gefällt. Wir hatten per Handschlag vereinbart, dass er sich vor solchen Aktionen mit mir bespricht und erst dann auf die Leute zugeht. Meinem Gegenüber ist das sichtlich unangenehm, es ändert aber leider nichts am Sachverhalt. Nach dem Termin, in der sich der positive Verlauf des Projekts gezeigt hat, verschwindet mein leitender Mitarbeiter im Büro des Klienten. Ich warte Stunde um Stunde, bevor er mit hochrotem Kopf erscheint, sich niedersetzt und für einige Minuten ins Leere blickt. Dann schaut er zu mir und sagt: "Alois, wir müssen reden!"

Es bricht aus ihm heraus, dass das soeben stattgefundene Gespräch für ihn die Bestätigung dessen war, was ich ihm prophezeit habe: Auf das Wort des Klienten sei kein Verlass! Und er fragt mich: "Alois, ich möchte bei dir bleiben! Geht das?" Natürlich geht das, deswegen bin ich doch nach Deutschland gefahren. Mir fällt ein Stein vom Herzen, und ich danke höheren Mächten für ihr Einsehen. Noch heute arbeiten wir super zusammen.

Wieder einmal lerne ich: It's over when it's over! Oder: Aufgegeben wird ein Brief!



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