8 Forderungen für den Handel und für Österreich

Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch: Der Handel ist mit 600.000 Beschäftigten der zweitgrößte Arbeitgeber des Landes. Wir fordern die Politiker auf, Klartext zu sprechen und die Krise zu nützen.

Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Handelsverbandes

Stephan Mayer-Heinisch ist seit 2004 Präsident des Handelsverbandes und war 25 Jahre Geschäftsführer von Humanic.

Es ist faszinierend, mit welchen Analysen und Methoden Politiker und Manager an die multiplen Krisen unserer Zeit herangehen. Mir scheint, dass die meisten "Piloten" im modernen Politgeschäft Schönwetterpiloten sind. Im Wirtschaftshoch der letzten 60 Jahre gab es nur wenige Schlechtwetterfronten, etwa die Energiekrise von 1973 als das letzte größere und lang andauernde Wirtschaftstief Österreichs. Die Asienkrise 1997, das Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende und selbst die Finanzkrise 2008 im Zuge der Lehman-Pleite haben immer nur einige Industrien und Weltregionen getroffen.

Jetzt ist alles anders. Corona hat uns ausgehend von Wuhan wie ein Tsunami überrollt, ein Ende der Pandemie ist nach zwei Jahren noch immer nicht in Sicht. Aus Russland erreicht uns polare Kaltluft, die von Putin ausgelöste Ukraine-Krise erschüttert ganz Europa. Der Krieg und die Pandemie wirken zurzeit massiv inflationstreibend und wachstumsabschwächend. Und über allem schwebt die Klimakrise, deren Auswüchse sich in zunehmenden Dürreperioden, Flutkatastrophen und Waldbränden manifestieren.

Angst ist kein Konsumtreiber

Aus Sicht eines Händlers stellt sich das so dar: Angst war noch nie ein Konsumtreiber, aber die Leute draußen auf der Mariahilfer Straße haben jetzt erstmals seit Langem wirklich berechtigte Angst. Die Mehrheit der Bevölkerung hat noch nie zweistellige Inflationsraten erlebt. Auch unsere Polit-Piloten haben dieses Phänomen bisher nur im Simulator kennenlernen dürfen. Nun stehen wir allerdings im Großhandel bei plus 26 Prozent. Diese historische Teuerung macht sich mittlerweile auch im Einkaufsverhalten der Österreicher bemerkbar. Ein Drittel der Menschen muss sich beim Shoppen deutlich finanziell einschränken, 14 Prozent beschränken sich nur noch auf die lebensnotwendigsten Einkäufe. Die hohe Inflation frisst die Kaufkraft der Bevölkerung.

Leider spielen auch immer mehr Politiker auf der Klaviatur der Angst - das bringt Stimmen. Viele Medien spielen fleißig mit -das bringt Auflage. Dabei wäre mit ruhiger Art, zu führen, jetzt besonders gefragt. Einzelhandelsunternehmen, die vor 2019 noch pumperlgesund waren, wurden durch 152 Einkaufstage Lockdown so geschwächt, dass ihr komplettes Eigenkapital weggeschmolzen ist. Die Medizin, die verabreicht wurde (Kurzarbeit, Fixkostenzuschuss, Verlustersatz, Ausfallsbonus), konnte den Schmerz nur kurzfristig lindern -auch wenn der Eindruck erweckt werden sollte, dass der Staat alles richten kann. Fehlanzeige!

Von Churchill lernen

Wir Händler wissen, dass Ehrlichkeit und Emotionalität große Helfer sind. Sowohl im eigenen Betrieb als auch bei unseren Kunden. Aber wo sind in der Politik die Piloten, die uns ehrlich sagen, dass wir uns jetzt anschnallen müssen, weil es möglicherweise eine Notlandung geben wird? Dass wir Sprit sparen und das Licht abdrehen müssen, weil die Kosten dafür durch die Decke gehen? Dass wir den Kurs und das Ziel ändern müssen, wenn wir die Herausforderungen lösen wollen.


Wo in der Politik sind jetzt die Piloten, die uns ehrlich sagen, dass wir uns anschnallen müssen, weil es möglicherweise eine Notladung geben wird?

Mir fehlt die klare Ansage aus der Pilotenkanzel. Möglicherweise können oder wollen unsere Piloten nicht mit der harten Wahrheit herausrücken. Die Wahrheit ist: Wir alle werden mit Wohlstandsverlusten rechnen müssen. Wenn wir unseren Kurs nicht bald ändern, werden wir eine Bruchlandung hinlegen. Also jetzt handeln -je schneller, desto besser! Richtige gesagt: "Act now!" Um mit ruhiger Hand gut zu führen, braucht es die richtigen Leute und klare Ziele. Für uns Händler ist jetzt das oberste Ziel, die Liquidität der Unternehmen zu sichern. "Financial Long Covid" muss durch zusätzliche eigenkapitalstärkende Maßnahmen bekämpft werden.

Nur so kann unsere Krisenresilienz gestärkt werden. Langfristig brauchen wir einen New Deal zur Ankurbelung der Kaufkraft der Bevölkerung und zur Entlastung der Wirtschaft. Hierzu zählen die Abschaffung der kalten Progression, eine substanzielle Senkung der Lohnnebenkosten sowie strukturelle Einsparungen im staatlichen und staatsnahen Bereich als Gegenfinanzierung.

Der gefräßige Staat muss auf seine eigenen Missstände schauen, denn kein Untersuchungsausschuss wird uns bei diesem abenteuerlichen Flug retten. Ballast abwerfen wäre jetzt gefragt: Föderalismusreform, Bildungsreform, Gesundheitsreform, usw. Der Regierungsflieger Schweiz hat halb so viel Personal wie der österreichische Regierungsflieger, steuert aber wesentlich besser durch die derzeitige Schlechtwetterfront.

Was man nicht messen kann, kann man nicht managen

Viele mutige Unternehmerinnen und Unternehmer in unserem Land haben schon zu Beginn der Corona-Krise Maßnahmen gesetzt, die das Überleben ihrer Firmen sichern sollten. Davon sollte sich der Staat eine Scheibe abschneiden. Stattdessen wird über eine Reform des Radwegerechts oder ein Fiaker-Verbot in Wien diskutiert. Es ist schon sehr traurig, wenn man beobachten muss, dass etwa Corona-Tote in jedem Bundesland anders gezählt werden und es nach zwei Pandemie-Jahren noch immer nicht möglich ist, einheitliche, saubere Daten zu generieren.

Der Handel ist zweitgrößter Arbeitgeber des Landes. Wir haben Verantwortung für 600.000 Beschäftigte und deren Familien. Wir tragen auch Verantwortung dafür, dass die Nahversorgung und Lebensqualität in unseren Städten und Orten gewährleistet bleibt. Das geht nur durch ein gutes Management - und dafür braucht man valide Zahlen.

Wir fordern die gestaltenden Piloten dieses Landes auf: Nutzen wir die Krise als Chance! Act now! Unterschiedliche Branchen sind unterschiedlich von den Krisen betroffen, daher braucht es auch differenzierte, sensible Unterstützungsmaßnahmen.

8 Forderungen für den Handel und für Österreich

Der Handelsverband hat in seinem Zukunftspaket "Jetzt handel(n)" acht Kernforderungen für den Handel und für Österreich aufgestellt:

  • Mehr Effizienz: zum Beispiel Föderalismusreform, Abschaffung der Mietvertragsgebühr, Beschleunigung von Genehmigungsverfahren.
  • Mehr Freiheit: z. B. Abschaffung der Nachtfahrverbote für schadstofffreie Lkw, Reform der Öffnungszeiten.
  • Mehr Klimaschutz: z. B. Transparentes Energie-Monitoring, Fokus auf lokale Produkte.
  • Mehr Fairness: z. B. Steuergerechtigkeit gegenüber den GAFAM, Abschaffung der kalten Progression, Lohnnebenkostensenkung, Kindergartenbetreuung durchgehend von Montag bis Samstag.
  • Mehr Innovation: z. B. Offensiver 5G-Ausbau, Infrastrukturoffensive, Arbeitsmarktreform.
  • Mehr Bildung: z. B. Lebenslanges Lernen, triale Ausbildung, Bachelor Professional "E-Commerce Fachwirt".
  • Mehr Sicherheit: z. B. Cybersecurity, Digital Markets Act, weniger Demos in der Innenstadt.
  • Mehr Europa: z. B. durchgängiger Paket-Zustellmarkt, EU-Perspektive auf den Mittelstand.

Es ist mir bewusst, dass diese Aufzählung nur einige Punkte hervorhebt und damit nicht vollständig ist. Entscheidend ist, dass diese Forderungen jetzt zeitnah umgesetzt werden, immerhin haben wir mittlerweile 1,29 Millionen armutsgefährdete Menschen im Land.

Wir können es schaffen, gesund durch diese massive Schlechtwetterfront zu gelangen und heil zu landen. Vielleicht sind dann einige Reparaturen an unserer Maschine zu machen, vielleicht werden wir Zeit zum Durchatmen brauchen. Aber: Wir haben dann die Gewissheit, dass wir multiple Krisen meistern können, dass Flugzeuge mit zu viel Ballast nicht viel tragen können, wir aber auf unsere Teams vertrauen können.

Was es dafür braucht? Ein ehrliches Lernen aus den Fehlentwicklungen der Vergangenheit und ein konsequentes Drehen an den richtigen Stellschrauben. Dann werden auch unsere Kunden wieder konsumieren, und die Steuereinnahmen des Staates werden wieder sprudeln, um die Wohltaten des Sozialstaates, die wir so gerne annehmen, zu finanzieren. Der Weg dorthin ist lange und mühsam, aber er zahlt sich aus.

Der Gastbeitrag von Stephan Mayer-Heinisch ist der trend. EDITION vom 10. Juni 2022 entnommen.

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