IV-Konjunkturprognose: "Wende zum besseren nicht in Sicht"

Laut Christoph Neumayer, Chefökonom der Industriellenvereinigung fällt die heimische Konjunktur weiter hinter jener Deutschlands zurück.
Laut Christoph Neumayer, Chefökonom der Industriellenvereinigung fällt die heimische Konjunktur weiter hinter jener Deutschlands zurück.

Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung

Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV) sieht nach der Analyse des aktuellen IV-Konjunkturbarometers wenig Hoffnung auf eine rasche Besserung der konjunkturellen Lage. Warum 2015 mit Wachstumsrückständen beginnt und warum die Konjunktur 2015 weiter leiden dürfte. Plus: Die Ergebnisse des IV-Konjunkturbarometers im Detail.

„Die Jahresbilanz der österreichischen Wirtschaft fällt eher trist aus, der seit über einem Jahrzehnt bestehende Wachstumsvorsprung Österreichs gegenüber Deutschland ist verloren gegangen. Und auch eine Wende zum Besseren ist derzeit nicht in Sicht“, brachte Mag. Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), heute, Dienstag, in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit IV-Chefökonom Dr. Christian Helmenstein die Ergebnisse des aktuellen IV-Konjunkturbarometers aus dem 4. Quartal 2014 auf den Punkt. Schon im dritten Quartal des Vorjahres sei die Wirtschaftsleistung in Österreich um einen Zehntelprozentpunkt unter der Leistung derselben Vorjahresperiode gelegen. Damit sei Österreich neben Zypern und Italien eines von nur noch drei EU-Mitgliedsländern mit einer zum Vorquartal schrumpfenden Wirtschaftsleistung gewesen.

2015 beginnt mit Wachstumsrückstand

„Zieht man zusätzlich in Betracht, dass das vierte Quartal 2013 das wachstumsstärkste des Referenzjahres war, ist zu befürchten, dass der Rückstand im vierten Quartal noch zugenommen hat. Eine Diskussion darüber, ob die Eintrittsbedingungen einer Rezession nach US-amerikanischer Definition in diesen Wochen im technischen Sinn erfüllt oder rundungsbedingt doch verfehlt werden, ist müßig“, so Neumayer, der klarstellte: „Fakt ist, dass die österreichische Wirtschaftsleistung in Österreich gegenüber der gleichen Periode des Vorjahreszeitraumes schrumpft. Wir gehen also mit der Bürde eines erheblichen Wachstumsrückstandes in das Jahr 2015 hinein."

Ursächlich hierfür sei zu einem Teil der geopolitische Gegenwind, „insbesondere der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Auch könnten massive politische Veränderungen in einzelnen Mitgliedsländern der Europäischen Union – wie jüngst in Griechenland – kein Einzelfall bleiben“, so der IV-Generalsekretär, der überdies unzureichende strukturelle Reformfortschritte im Inland sieht, „die dazu führen, dass die österreichische Wirtschaft derzeit nicht zum Wachstumstempo Deutschlands aufschließen kann. Würden wir endlich tiefgreifende Strukturreformen umsetzen, könnte die heimische Wirtschaft am Aufschwung der Weltwirtschaft ab der zweiten Jahreshälfte 2015, insbesondere aber ab dem Jahr 2016 Anteil nehmen.“

Entlastung bei Abgaben und Bürokratie wäre Wachstumshebel

Allen voran sei eine Steuerstrukturreform als entscheidender Hebel für echte Job- und Wachstumsimpulse zu nennen. „Neben einer Senkung der Lohnsteuer muss es auch für die Unternehmen endlich eine spürbare Entlastung bei den Arbeitszusatzkosten geben“, verdeutlichte der IV-Generalsekretär einmal mehr die Prioritäten, und stellte klar: „Nur so wird uns eine nachhaltige Stärkung des Innovations- und vor allem des Investitionsstandortes Österreich gelingen können. Keinesfalls jedoch dürfen wir diese Bemühungen durch neue Unternehmensbelastungen in Form von Vermögenssubstanzsteuern konterkarieren.“ Darüber hinaus müsse es endlich eine Senkung des enormen Bürokratiedrucks geben, unter dem heimische Unternehmen derzeit aufgrund der vielfach überdimensionierten staatlichen Verwaltung zu leiden hätten. „Die Empfehlungen der Aufgabenreform- und Deregulierungskommission entschlossen umzusetzen, wäre im Hinblick auf einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort Österreich daher ein Gebot der Stunde“, bekräftigte Neumayer.

Wachstum bleibt wieder jenem von Deutschland zurück

„Nach Maßgabe der derzeitigen Standortbedingungen zeichnet sich für das laufende Jahr ab, dass das Wachstum in Österreich abermals hinter jenem von Deutschland zurückbleiben wird. Der OECD-Prognose zufolge wird die österreichische Wirtschaft um 0,9 Prozent zulegen, während für die deutsche Wirtschaft 1,1 Prozent erwartet werden. Aus Sicht der IV ist sogar mit einem noch stärkeren Auseinanderklaffen der jeweiligen Dynamiken zu rechnen“, so IV-Chefökonom Christian Helmenstein.

Gesamten Wintermonate eine einzige Konjunkturdurststrecke

Voraussichtlich werde das gesamte Winterhalbjahr eine konjunkturelle Durststrecke markieren, die sowohl auf dem heimischen Arbeitsmarkt als auch im öffentlichen Budget tiefe Spuren hinterlassen dürfte. Dabei komme Österreich noch die im Vergleich etwa zur Schweiz starke wirtschaftliche Verflechtung mit Zentral- und Osteuropa zugute, denn die dortige Entwicklung im 3. Quartal 2014 sei sehr dynamisch verlaufen. „Beispielsweise betrug die annualisierte Quartalswachstumsrate in Rumänien um die sieben Prozent, auch Polen und Ungarn verzeichneten sehr kräftige Zuwächse, sodass die heimische Wirtschaft aus diesem Raum wieder verstärkt Konjunkturimpulse empfängt“, führte Helmenstein weiter aus.

IV-Konjunkturbarometer im Detail

Leichte Erholung nach harschem Rücksetzer

Der Wert des IV-Konjunkturbarometers, der als Mittelwert aus den Beurteilungen der gegenwärtigen Geschäftslage und der Geschäftslage in sechs Monaten bestimmt wird, erholt sich nach dem harschen Rücksetzer des Vorquartals von +8 Punkten auf plus 14 Punkte. Hier wirken sowohl die Abwertung der europäischen Gemeinschaftswährung als auch der Verfall der Ölpreise unterstützend auf den Geschäftsgang in der Industrie.

Während beide Komponenten des Konjunkturbarometers eine Verbesserung aufweisen, ist es vor allem die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage, welche um neun Punkte auf +28 Punkte zunimmt. Hingegen fällt die Aufwärtsbewegung bei den Geschäftserwartungen vergleichsweise schwach aus. Per saldo erreicht der Wert nach -3 Punkten im Vorquartal gerade wieder die Nulllinie, sodass die Unternehmen nach wie vor keine nachhaltige Aufhellung der Konjunkturaussichten in Österreich erwarten. Der Anteil an Respondenten in Höhe von 14 Prozent, welche eine Verschlechterung der Lage erwarten, hält sich exakt die Waage mit dem Anteil jener, für die sich eine Verbesserung abzeichnet. Dieses Resultat unterstreicht die nach wie vor zurückhaltende Einschätzung der konjunkturellen Aussichten für Österreich.

Stabile Entwicklung bei Aufträgsbeständen

Stabilisierend wirkt die Entwicklung der Auftragsbestände. Die Gesamtauftragsbestände verharren nun schon seit drei Quartalen auf einem mäßigen Niveau (Saldo +30 Punkte nach +29 Punkten im Vorquartal). Dieses Ergebnis ist im Wesentlichen auf eine nach wie vor unterdurchschnittliche Bestellaktivität im Inland zurückzuführen, während sich die Auslandsaufträge nach dem Einbruch im Sommer des Vorjahres im Zuge eines leichten Anstieg auf nunmehr +31 Punkte weiterhin auf Erholungskurs befinden. Hier schlägt die auftragsstabilisierende Wirkung der Euro-Abwertung während des letzten Dreivierteljahres bereits positiv zu Buche.

Gedämpfte Auftragslage

Im Einklang mit der gedämpften Auftragslage gestalten die Unternehmen ihre Produktionsplanung anhaltend vorsichtig. Der saisonbereinigte Wert für die Produktionstätigkeit in den nächsten drei Monaten sinkt von +10 Punkten auf +4 Punkte. Aufgrund verhaltener Produktionserwartungen, einer abnehmenden Auftragsreichweite, des zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit erforderlichen Produktivitätsfortschritts und einer derzeit fehlenden Aufschwungsperspektive setzt sich der seit dem letzten Erhebungstermin zu beobachtende Beschäftigungsabbau verstärkt fort. Der Saldo für den Beschäftigtenstand verringert sich abermals erheblich von -10 Punkten auf nunmehr -15 Punkte.

Überkapazitäten drücken auf die Preise

Bei den Verkaufspreisen schlagen sich nach wie vor die international weiterhin vorhandenen Überkapazitäten in einem äußerst hohen Preisdruck nieder (Saldo von 14 Punkten nach -13 Punkten im Vorquartal).

Erträge durch günstigere Rohstoffe besser

Trotz einer mäßigen Mengenkonjunktur und des hohen Drucks auf die Verkaufspreise stellt sich die aktuelle Ertragslage infolge der unerwartet kräftigen Verminderung wichtiger Rohstoffpreise etwas verbessert dar. Der Saldo beläuft sich auf +15 Punkte nach +6 Punkten im Vorquartal. Auf Sicht von sechs Monaten erwarten die Respondenten eine kaum veränderte Ertragsentwicklung. Dementsprechend verharrt der Saldo für die Ertragsaussichten bei -2 Punkten nach zuvor 1 Punkt.

Investitionen könnten zunehmen

Bei isolierter Betrachtung der betriebswirtschaftlichen Komponente deuten die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage mithin darauf hin, dass die Investitionsneigung in den kommenden Monaten etwas zunehmen sollte. Insbesondere die Ertragslage tendiert in die Richtung eines zyklustypischen Verlaufes. Für eine Erholung der Investitionstätigkeit spräche auch der wachsende Ersatzbedarf. In Verbindung mit den Ertragsaussichten ist dieser Faktor für sich genommen jedoch als zu schwach zu werten, um einen nennenswerten Impuls für die Investitionsneigung auszulösen. Für einen investitionsgetragenen Aufschwung bedürfte es parallel der Unterstützung auf volkswirtschaftlicher Seite durch die Veränderung der standortspezifischen Investitionsbedingungen, die sich mittelfristig auch entsprechend beschäftigungsstabilisierend auswirken würden. Wenn es durch wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht gelingt, die Investitionszurückhaltung zu überwinden, sind weitere Beschäftigungsverluste vorgezeichnet.

Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befagungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 401 Unternehmen mit rund 243.600 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung: den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.

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