"Dieselgate" - Die Autobranche in der Vertrauenskrise

"Dieselgate" - Die Autobranche in der Vertrauenskrise

Die Folgen der Abgasaffäre könnten der Autobranche lange zu schaffen machen. Trotz Manipulationen protzen die Automobilhersteller noch immer und inszenieren sich selbst. Und fordern überdies noch kräftige Subventionen vom Staat - trotz kräftiger Gewinne. Doch das Vertrauen der Konsumenten schwindet und die Skepsis gegenüber den Autobauern steigt.

Berlin. Das Auto war lange Zeit des Deutschen liebstes Kind. Und Deutschland ist "Dieselland". Und nun? Immer neue Unregelmäßigkeiten, Auffälligkeiten und Abweichungen bei Abgas- und Verbrauchswerten erschüttern das Image der Autoindustrie. Was vor einem dreiviertel Jahr als "Dieselgate" beim Marktführer Volkswagen begann, hat längst die gesamte Branche erfasst. Die Aufklärung kommt nur langsam voran.

"Die Branche steckt in ihrer größten Glaubwürdigkeitskrise", kommentiert Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach. "Was nun zum Vorschein kommt, stört das Verhältnis zu den Kunden und zu den öffentlichen Institutionen nachhaltig."

Die Tragweite der Affäre im Heimatland des Automobils ist enorm. Ende September räumt Europas Marktführer VW ein, mit Hilfe einer illegalen Software Abgastests bei Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben, bei Werten des gesundheitsschädlichen Stickoxids.
Später spricht VW auch von "Unregelmäßigkeiten" beim Ausstoß des umweltschädlichen Kohlendioxids (CO2) - und damit beim Spritverbrauch. Seitdem herrscht Aufruhr in der gesamten Branche. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ordnet Nachmessungen auch bei anderen Herstellern an und muss außerdem auf Tests von Umweltverbänden reagieren, die eine "Salami-Taktik" bei der Aufklärung kritisieren. Aus dem Hause Dobrindt dringen nur wenige Informationen.

Das Bild, das sich nach den Messungen für die Öffentlichkeit ergibt: Bei vielen Fahrzeugen wird getrickst und getäuscht, bei Stickoxid- und Verbrauchswerten, die Hersteller nutzen Grauzonen. Vor einem Monat ergeben Nachmessungen: Viele in Deutschland fahrende Autos stoßen im Verkehr sehr viel mehr Stickoxide aus als bei Abgastests. Audi, Mercedes, Opel, Porsche und die leichten VW-Nutzfahrzeuge kündigen einen "freiwilligen" Rückruf von insgesamt 630 000 Wagen an.


Von Tag zu Tag steigt der Vertrauensverlust

Am Freitag bestätigt das Bundesverkehrsministerium, dass bei Abgas-Tests 30 von 53 untersuchten Autos zu viel CO2 ausgestoßen haben. Weitere Prüfungen liefen, es werde einen umfassenden und transparenten Bericht geben.

Manipulationsvorwürfe wie bei VW haben die anderen Hersteller wiederholt strikt zurückgewiesen. "Wir setzen keine illegale Software ein", betont zum Beispiel Opel-Chef Karl-Thomas Neumann fast gebetsmühlenartig.

Doch kommt das beim Kunden noch an? "Von Tag zu Tag steigt der Vertrauensverlust", meint Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Und Opel räumt am Freitag in einer langen Stellungnahme zu Manipulationsvorwürfen ein: "Angesichts der aktuellen Diskussion hat sich das Vertrauen der Verbraucher in die Automobilindustrie grundlegend verändert."

Am Markt hat sich "Dieselgate" allerdings noch nicht ausgewirkt. Die Pkw-Neuzulassungen steigen weiter, angesichts niedriger Spritpreise und geringer Zinsen. Aber es gibt Verschiebungen: Im April kamen nur noch etwas mehr als ein Drittel aller Pkw-Zulassungen von Privatleuten. Und der Diesel-Anteil, früher oft über 50 Prozent, sinkt, wenn auch leicht - auf 47 Prozent im April.

Seit Jahren ist es unter Experten ein offenes Geheimnis, dass die Verbrauchsangaben nicht realistisch sind. "Seitdem in Deutschland der CO2-Ausstoß über die Höhe der Kfz-Steuer entscheidet, melden die Autohersteller immer unrealistischere CO2- und damit Spritverbrauchswerte an die Zulassungsbehörden", kritisiert die Deutsche Umwelthilfe. Die staatliche Kontrolle habe versagt.

Die Muskelspiele

Und die mächtige Autolobby zeigt noch immer ihre Muskeln. Am Donnerstag ließ der italienisch-amerikanische Konzern Fiat-Chrysler einen Termin in Berlin mit der vom Verkehrsministerium eingerichteten Abgas-Untersuchungskommission sausen. Begründung: Diese sei gar nicht zuständig.

Schwierig wird es auf europäischer Ebene auch bei der Typenzulassung. Beispiel Opel Zafira, der ebenfalls wegen erhöhter Werte in den Schlagzeilen steht: Der Zafira ist für die EU in den Niederlanden zugelassen - für einen Entzug der Zulassung wären also die niederländischen Behörden zuständig.

"Dieselgate" kann nun aber zu einer Art Katalysator für Veränderungen werden. Die Politik hat auch auf öffentlichen Druck realistischere Abgastests in die Wege geleitet, bisher gibt es viele Schlupflöcher. Und die Autobranche braucht den Diesel - nur mit einem hohen Dieselanteil in der Flotte können die Hersteller die strengeren CO2-Grenzwerte auf europäischer Ebene einhalten.

Der Start ins Elektro-Zeitalter nämlich ist holprig, auch wenn es nun bald Kaufzuschüsse für E-Autos gibt. Geld verdienen die Hersteller mit den Fahrzeugen noch lange nicht, sie müssen aber Milliarden in Forschung und Entwicklung stecken.

Den Großteil ihrer Gewinne machen VW, BMW, Daimler & Co vor allem mit teuren Sportgeländewagen (SUV), deren Absatz boomt - und die meisten SUVs sind Dieselfahrzeuge.

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