Gesundheit: Die Suche nach dem kleineren Übel

Schadensminimierung anstelle strikter Verbote etwa von Zigaretten oder Alkohol soll Gesundheitsrisiken effektiv minimieren.

Gesundheit: Die Suche nach dem kleineren Übel

ZIGARETTENERSATZ. Da viele das Rauchen nicht lassen können, sind Ersatzprodukte eine realistische Lösung.

Das Thema der Bewertung von medizinischen, sozialen und wirtschaftlichen Risiken ist in Zeiten von Corona wieder hoch im Kurs. Eines hat sich anhand der weltweiten Versuche zur Pandemie-Eindämmung schon klar gezeigt: Eine ideale Lösung ist zwar vielleicht theoretisch, aber nicht in der realen Praxis umsetzbar. So ist ein harter Lockdown aus epidemiologischer Sicht sicher die beste Lösung, aber zugleich können dessen Nebenwirkung nicht nur wirtschaftliche, sondern auch bedrohliche soziale und psychologische Auswirkungen haben.

Im schlimmsten Fall fordern auch diese wieder Todesopfer. In vielen Ländern der Welt bedeuten Ausgangsbeschränkungen schlicht, dass der Lebensunterhalt nicht mehr verdient werden kann und es nichts zu essen gibt. Ein heiß diskutiertes Thema ist die Risikoabwägung besonders bei Krankheiten und Süchten. Was bringen etwa Alkohol-und Rauchverbote wirklich? Die Praxis zeigt, dass zu viele Verbote oft einfach ignoriert werden, wie Ärzte täglich in ihrer Arbeit erfahren müssen. Mit dem Konzept der Schadensminimierung versucht man, eine realistische Reduzierung von Risiken zu erreichen. So hatte das totale Alkoholverbot in der Prohibitionszeit in den USA zu einem Boom an Schwarzbrennereien geführt und die organisierte Kriminalität gestärkt. Noch dazu fehlt bei den illegalen Produkten jede Möglichkeit der Qualitätskontrolle. Beim Konzept der Schadensminimierung geht es darum, das realistisch beste Ergebnis zu erzielen, egal, ob bei einer pandemiemüden Bevölkerung oder Diabetikern, die Sachertorten lieben.

Verbote überdenken

Viel Erfahrung im Bereich der Raucherentwöhnung hat Ernest Groman, Leiter des Nikotininstituts der MedUni Wien. Die Diskussion um neue, absolute Verbote sieht er kritisch, bestehende Verordnungen sollten laut dem Sozialmediziner neu überdacht werden. Das Nikotininstitut wurde 1998 gegründet, um eine Reduktion der tabakassoziierten Erkrankungen durch Diagnose, Therapie und Information von Öffentlichkeit und Gesundheitssystem zu erreichen.

Ernest Groman, Leiter des Nikotininstituts der MedUni Wien

Ernest Groman, Leiter des Nikotininstituts der MedUni Wien

Mehr als 50.000 Menschen konnten so durch Programme und Informationskampagnen zum Thema Raucherentwöhnung informiert werden. "Primär wollen wir natürlich erreichen, dass unsere Patienten das Rauchen einstellen oder stark reduzieren, aber nicht alle Menschen, die 20 oder 30 Jahre schon geraucht haben, schaffen das", so Groman. Anstelle einer rigorosen Verbotspolitik fordern deshalb zahlreiche internationale Experten eine gezielte Aufklärung über Ersatzprodukte wie zum Beispiel E-Zigaretten, Tabakerhitzer und tabakfreie Nikotinbeutel. "Seit über 20 Jahren machen wir aufmerksam, dass Nikotin eigentlich nicht das Hauptproblem als Auslöser für die Tabak-assoziierten Krankheiten ist, sondern der Träger, die Zigarette", so Groman.

Laut einer Umfrage der Statistik Austria wollten 2018 gut ein Drittel der täglich rauchenden Bevölkerung mit dem Rauchen aufhören, schaffte es aber nicht. Hier mache der Einsatz alternativer Produkte, die tendenziell weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten, Sinn. "Die Produkte müssen aber auch akzeptiert werden", so Groman. Nikotinpflaster oder Nikotinkaugummis aus der Apotheke bieten für viele nicht den gesuchten Genuss. In Österreich rauchen laut Eurostat 24,7 Prozent der Österreicher ab 18 Jahren täglich. Der Musterschüler in der EU ist Schweden, wo nur zehn Prozent täglich zur Zigarette greifen. "Das hat sicher nicht nur mit den vorhandenen Restriktionen zu tun, sondern da spielt sicher Snus, das in der EU verboten wurde, eine Rolle." In Schweden gibt es halb so viele Fälle von Lungenkrebs. Laut Groman würde die Förderung von alternativen Rauchprodukten auf alle Fälle Sinn machen. Diese müssten aber günstiger als herkömmliche Zigaretten seien. Denn Studien belegen, dass ein hoher Preis für viele Raucher ein gutes Argument ist, ihren Rauchkonsum zu reduzieren. Günstigere Alternativen könnten vielen den Umstieg erleichtern.

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