Corona-Jäger Josef Penninger: "Wir versperren dem Virus die Tür"

Der österreichische Genetiker Josef Penninger hat ein Medikament entwickelt, das Corona-Patienten das Leben retten könnte. Im trend-Gespräch beschreibt er, welche Hürden noch zu meistern sind und was er sich jetzt von der Politik erwartet.

Josef Penninger im Labor

Josef Penninger, Spitzenforscher aus Österreich hat den ersten Corona-Impfkandidaten entwickelt.

Zur Person

Josef Penninger 55, geboren in Gurten in Oberösterreich, studierte an der Universität Innsbruck Medizin und promovierte beim Innsbrucker Gerontologen Georg Wick. Nach seinem Postdoc am Ontario Cancer Institute in Toronto avancierte er zum Forschungsleiter des Amgen Research Institute und war an der University of Toronto Assistenzprofessor. Eines seiner wichtigsten Forschungsergebnisse damals war die Erforschung des Wirkmechanismus von Osteoporose, auf dessen Basis Amgen ein entsprechendes Medikament auf den Markt brachte. Schon in seiner Zeit in Kanada entdeckte er - neben vielen anderen Ergebnissen - das Enzym ACE2 und seine Wirkungsweise, das im neuen Impfkandidaten gegen das Coronavirus eine entscheidende Rolle spielt.


trend: Sie köpfen gerne eine Flasche Sekt mit dem Messer, wenn Sie einen wissenschaftlichen Durchbruch zu feiern haben. Haben Sie den Sekt schon eingekühlt?
Josef Penninger: Ja, absolut. Wir haben auch schon vor 15 Jahren eine Flasche geköpft, als wir erstmals den Mechanismus entdeckt haben, der jetzt Covid-19-Patienten heilen soll.

Das Medikament APN01, das ursprünglich von Ihnen entwickelt wurde, wird nun an den ersten zwölf Corona-Patienten in China getestet. Wie zuversichtlich sind Sie, dass das funktioniert?
Penninger: Ich glaube fest daran, dass es funktioniert. Schließlich verwendet Covid-19 den gleichen Mechanismus, um in die Zelle zu gelangen, wie SARS. Für SARS haben wir in präklinischen Tests zeigen können, dass unser Wirkstoff das Potenzial hat, den Virus zu blockieren und die Lunge zu schützen. Natürlich können wir erst nach ausführlichen Tests sicher sein, aber wir kennen die Tür, die das Virus verwendet, um ins "Haus" der Zelle einzudringen. Und diese Tür können wir potenziell zusperren.

Und da sind Sie sich sicher?
Penninger: Wir wissen, dass das Medikament bei präklinischen Versuchen funktioniert hat, und es wurde auch schon bei schwer lungenkranken Menschen eingesetzt. Aus unserer Forschung wissen wir also, wie es funktioniert und dass es auch bei diesem Coronavirus funktionieren sollte. Aber das müssen wir eben nun in der Praxis erst testen, um ganz sicherzugehen

Das heißt, das Medikament verfügt über zwei Wirkmechanismen?
Penninger: Genau, einerseits soll es verhindern, dass das Virus an den Zellen andocken kann und noch mehr von ihnen zerstört beziehungsweise sich auf Kosten der Zellen vermehrt, andererseits hat es das Potenzial, die Lungenerkrankungen deutlich abzumildern .

Josef Penninger im Labor

Josef Penninger: "Es ist noch viel Arbeit nötig. Wir überlegen, wie wir die Produktion so rasch wie möglich in Gang bringen können."

Wie sieht der Zeitrahmen für die Tests aus?
Penninger: Zunächst erhalten je zwölf chinesische Patienten sieben Tage lang das Medikament beziehungsweise ein Placebo zum Vergleich. Nach einigen Wochen sollten dann die ersten Daten vorliegen, dann wissen wir mehr darüber, ob es funktioniert. Danach beschließt ein internationales Komitee von Ärzten, die schon beim SARS-Ausbruch dabei waren, wie die nächste Studie aufgesetzt wird. Es ist also noch viel Arbeit vonnöten.

Und wann könnte diese Studie dann abgeschlossen sein und mit der Produktion begonnen werden?
Penninger: Das dauert danach noch einige Monate. So lange benötigt aber auch die Produktion des Medikaments. Darum überlegen wir gerade, wie wir die Produktion so rasch wie möglich in Gang bringen können.

Noch gleichzeitig mit der weiteren Studie?
Penninger: Das sollten wir. Denn wenn wir die Freigabe bekommen, aber monatelang kein Medikament für die Patienten zur Verfügung haben, die dieses dringend brauchen würden, wäre das in dieser Krisensituation auf der ganzen Welt nicht sehr klug. Auf der anderen Seite, wenn das Produkt aus irgendeinem Grund nicht zugelassen wird, hat das Unternehmen das wirtschaftliche Risiko.

Das heißt, im Spätsommer könnte es schon so weit sein?
Penninger: Eher im vierten Quartal, schauen wir einmal, vielleicht früher, wenn alles perfekt läuft. Es ist schwer, exakte Prognosen abzugeben, aber wir versuchen alles, damit das so schnell wie möglich klappt.

Josef Penninger

Josef Penninger: "Apeiron wird die Finanzierung stellen, aber zuerst muss es funktionieren."

Wie hoch sind die Produktionskosten?
Penninger: Darauf können wir noch nicht im Detail eingehen, aber es ist schon eine siebenstellige Summe, um unter anderem die Produktion durchzuführen, die wir voraussichtlich an ein darauf spezialisiertes österreichisches Unternehmen vergeben würden.

Und könnte Apeiron Biologics, also das von Ihnen gegründete Biotechunternehmen in Wien, das die Lizenz für APN01 besitzt, die Produktionskosten vorstrecken?
Penninger: Apeiron wird sicherlich die Finanzierung stellen, da es ihr Produkt ist. Sie hat im Herbst letzten Jahres die Lizenz von GlaxoSmithKline nach vielen Jahren der Auslizenzierung wieder zurückbekommen, nachdem sich GSK auf Krebserkrankungen fokussiert hat.

Was sich nun für Apeiron als glücklicher Zufall erweist...
Penninger: Genau, doch Apeiron hat derzeit nicht die Kapazitäten, das Medikament jetzt selber breit auszurollen. Daran arbeiten sie mit Hochdruck. Aber zuerst muss es funktionieren.

Aber es sollte ja nicht so schwer sein, ein paar Millionen für eine derart relevante und weltweit bedeutende Sache aufzustellen?
Penninger: Diesbezüglich finden fortlaufend Gespräche statt.

Der Krisenstab des Bundeskanzleramts tagt ja täglich seit einigen Wochen. Sind Sie da mit eingebunden?
Penninger: Bislang nicht, ich wurde erst jetzt das erste Mal gebeten, daran teilzunehmen.

Kann das Medikament auch schon jenem Patienten helfen, der in Wien so schwer an Corona erkrankt ist?
Penninger: Theoretisch ja. Wir prüfen das.

Wie wird das Medikament verabreicht?
Penninger: Intravenös, also direkt in die Vene. Wobei ich betonen möchte, dass es sich dabei um ein biotechnologisch hergestelltes Medikament für Menschen handelt, die bereits erkrankt sind, und nicht der Immunisierung dient. Daran forschen gerade viele andere Wissenschaftler. Und die dritte Kategorie, an der gearbeitet wird, sind Medikamente, die die Virusvermehrung im Körper verringern wollen, ähnlich wie bei HIV-Medikamenten.

Josef Penninger und Oliver Judex im Labor

Josef Penninger im Labor mit Oliver Judex (trend): "Wir sind Jahre an Erfahrungen voraus und haben bereits einen Kandidaten."

Wie weit sind Sie da im Vergleich zu den vielen anderen Forschergruppen, die derzeit allerorts mit neuesten Erkenntnissen aufhorchen lassen und das ultimative Gegenmittel gefunden haben wollen?
Penninger: Viele arbeiten nach unserem Wirkprinzip, das wir ja schon vor 15 Jahren veröffentlicht haben. Ich habe damals noch an der University of Toronto gemeinsam mit Kollegen überhaupt erst das sogenannte Enzym ACE2 entdeckt, das eben nun das Coronavirus zum Andocken an die Zellen missbraucht. Später habe ich erkannt, dass ACE2 gleichzeitig der Genesung bei schweren Lungenerkrankungen sowie zur Bekämpfung von SARS dienen könnte. Da war ich aber schon längst wieder in Österreich beim IMBA und dann bei Apeiron...

Also die Grundidee für das nun so wichtige Medikament stammt von Ihnen.
Penninger: Genau, das war meine Arbeit, die ich 2005 auch publiziert habe, und da bin ich wirklich stolz darauf. Und es ist natürlich auch eine tolle Bestätigung, dass nun so viele meine Grundidee nutzen, um neue Methoden zu entwickeln. Doch wir sind da einfach all die Jahre an Erfahrungen voraus und haben bereits einen Kandidaten in der klinischen Entwicklung. Und das ist natürlich etwas ganz anderes, als theoretisch neue Lösungen zu finden oder im Tierversuch etwas zu zeigen, was noch lange nicht beim Menschen funktionieren muss.

Sie sind ja auch Immunologe. Was halten Sie von der Meinung des Vorsitzenden des Weltärztebundes, der künftig von regelmäßigen Corona-Wellen ähnlich den Grippewellen ausgeht?
Penninger: Das ist eines von drei Szenarien. Die anderen beiden sind, dass Corona wieder ganz verschwindet oder dass wir es mit einer echten Pandemie zu tun bekommen. Aber selbst da wäre das Apeiron-Medikament wichtig, damit die Menschen wissen, dass es im Falle einer Ansteckung durchaus etwas gibt, was ihnen helfen kann. Das würde die Leute sehr beruhigen.

Haben Sie selbst Angst vor einer Ansteckung?
Penninger: Ich war beim SARS-Ausbruch in Toronto, unser Krankenhaus stand unter Quarantäne, weil einer unserer Studenten erkrankte. Ich war live dabei, als ein kleines Virus die ganze Stadt paralysierte. Dabei war SARS im Prinzip nicht sehr ansteckend, da musste man einem Erkrankten schon sehr nahe kommen. Ganz anders als jetzt beim Covid-19-Virus, das Menschen verbreiten können, ohne selbst noch Symptome zu zeigen. Das macht es ungleich gefährlicher, insofern habe ich schon auch Respekt davor.

Josef Penninger: "Ich bin völlig fasziniert davon, was Viren alles können."

Haben Sie mehr Respekt, weil Sie wissen, wie gefährlich das eine oder andere Virus ist, oder sind Sie gelassener, weil Sie die Funktionsweise genau kennen?
Penninger: Eher das Zweitere. Ich bin völlig fasziniert davon, was Viren alles können. Wir leben ja mit Tausenden Viren zusammen, doch die meisten tun uns ja nichts. Interessant dabei ist, wie es die jetzigen Coronaviren schaffen, sich so rasch zu verbreiten, und wie unser Immunsystem lernen wird, damit umzugehen. Da gibt es noch viele Dinge, die wir nicht wissen. Das Virus ist ja noch ganz jung und muss sich erst an die Menschheit anpassen, und wir umgekehrt genauso.

Waren Sie selbst schon in China?
Penninger: Nein, ich hätte hinfliegen sollen, aber habe abgesagt, um nicht in Gefahr zu geraten, irgendwo zwei Wochen in Quarantäne ausharren zu müssen.

Dennoch scheinen Sie gute Kontakte nach China zu haben - das ist ja für ein österreichisches Biotechunternehmen nicht so selbstverständlich...
Penninger: Ja, durchaus, vor allem eine sehr gut vernetzte chinesische Wissenschaftlerin namens Liqun Zhang, die ich sehr gut kenne, hilft uns vor Ort dabei, die richtigen Stellen ansprechen zu können. Ohne sie wären wir nicht einmal annähernd dort, wo wir jetzt sind.


Wie das Anti-Corona-Medikament funktioniert

Der Wirkmechanismus des von Apeiron entwickelten Medikaments APN01 besteht aus zwei Teilen: Einerseits werden die Spike-Proteine des Covid-19-Virus, mit denen das Virus an der menschlichen Zelle andockt, durch künstlich hergestellte Enzyme besetzt, sodass das Virus unwirksam wird (siehe Grafik).

Wie das Anti-Corona-Medikament funktioniert. Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Wie das Anti-Corona-Medikament funktioniert. Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Andererseits helfen die medikamentös zugeführten ACE2-Rezeptoren bei der Genesung der erkrankten Patienten. Denn das Enzym ACE2, das Josef Penninger schon im Jahr 2002 entdeckte, ist vor allem in der Lunge zu finden und dient dort als "guter" Gegenspieler des Enzyms ACE. Wird das Gleichgewicht von ACE und ACE2 gestört, weil ACE2 durch das Covid-19-Virus missbraucht wird (siehe oben), kommt es zu schweren Lungenschäden.

Da das Medikament im Körper eine gewisse Halbwertszeit hat, ist APN01 nicht als Vorsorgepräparat geeignet, sondern soll nur bei Akutpatienten zum Einsatz kommen


Wie ist das, als Grundlagenforscher plötzlich derart im Mittelpunkt zu stehen?
Penninger: Nett (lacht) . Ich werde natürlich auch von wichtigen Behörden angerufen, die nach meiner Expertise fragen, nicht nur aus Österreich, sondern aus den USA, Kanada und vielen anderen Ländern.

Auch Apeiron Biologics wird möglicherweise bald in aller Munde sein.
Penninger: Es wäre natürlich toll, wenn Apeiron weiterhin eine Erfolgsgeschichte bleibt, nicht nur für unsere Investoren, auch für Österreich, das dann ein echtes Vorzeigebiotechunternehmen hätte -wobei wir schon jetzt sehr erfolgreich unterwegs sind mit unserem zugelassenen Medikament gegen Neuroblastome, also Kinderkrebs.

Das Corona-Medikament könnte zur Goldgrube werden ...
Penninger: Ich würde das annehmen, aber ich bin nur der Forscher. Ich weiß, wie schnell solche Erwartungen auch wieder verpuffen können. Das Wichtigste ist, dass es den Patienten hilft.

Josef Penninger

Josef Penninger: "In Österreich könnte man sehr viel mehr tun. Besonders für die Grundlagenforschung."

Denken Sie in der jetzigen Situation auch an den Nobelpreis?
Penninger: Nein, irgendwer hat mir einmal gesagt, der beste Weg, den Nobelpreis zu gewinnen, sei es, viel Sport zu betreiben. Weil dann wird man älter als die anderen, die das Gleiche gemacht haben. Also schaue ich, dass ich am Samstag mit meinen Freunden Fußball spiele, in der Hoffnung, dass ich einmal 80 werde.

Sie kritisieren ja auch gerne die "wissenschaftsfeindliche Haltung" in Österreich, wie Sie sagen. Ist das eine Genugtuung, jetzt im Mittelpunkt zu stehen?
Penninger: Es ist natürlich nett, jetzt erzählen zu können, dass aus unserer Grundlagenforschung vor 15 Jahren etwas entstanden ist, das uns heute allen helfen könnte. Da kann man gut nachvollziehen, warum diese Art von Forschung wichtig ist und warum man das finanzieren sollte. In Österreich könnte man da schon sehr viel mehr tun. Besonders für die Grundlagenforschung. Es wäre beispielsweise wichtig, privaten Personen zu erlauben, philanthropisches Geld in die Forschung zu stecken und es von der Steuer abschreiben zu können. In Amerika gibt es 15,20 Topuniversitäten, die allen anderen voraus sind, weil sie viel philanthropisches privates Geld zur Verfügung haben - vor allem eben deswegen, weil es die Leute für ein paar Jahre von der Steuer abschreiben können.

Das müsste dann aber auch für Stiftungen gelten...
Penninger: Das wäre toll. Ich weise schon seit vielen Jahren darauf hin, dass Stiftungen die Möglichkeit haben sollten, ein bis zwei Prozent des Stiftungsvermögens bei gleichzeitiger Steuerabschreibung in die Grundlagenforschung zu stecken.

Sie hatten früher einen guten Kontakt zu Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner. Gibt es zur jetzigen Regierung ebensolche Kontakte, um Ihre Wünsche einbringen zu können?
Penninger: Ich war ja in dem ersten Thinktank von Bundeskanzler Kurz dabei und habe auch Konzepte entwickelt, wie man Österreich langfristig in die erste Liga bringen und das auch finanzieren könnte. Doch dann kam leider Ibiza.

"Think Austria" ist ja wiederbelebt worden. Ist da schon jemand an Sie herangetreten?
Penninger: Nein, noch nicht, das wird jetzt erst neu aufgesetzt. Aber ich bringe gerne auch weiterhin meine Erfahrungen von außen mit ein.

Sehen Sie Chancen, dass sich im Bereich der Forschung etwas grundlegend ändert? Sie meinten ja einmal, Österreich sei eher ein Land der Podiumsdiskussionen...
Penninger: Ja, das stimmt. Denn es gibt tolle Konzepte von vielen Leuten, aber ich glaube, man muss nicht nur darüber reden, sondern diese Dinge auch irgendwann einmal umsetzen. Was mich immer stört, ist die Jammerei, wir seien als Land ja so klein, wir können das nicht. Das ist kein Argument.

Josef Penninger

Josef Penninger: "Man bräuchte jemanden mit einer großen Vision, der neue Ziele vorgibt und diesen alles unterordnet."

Vor allem, wenn man sieht, wie ein kleines Unternehmen aus Österreich heraus gerade die Welt retten könnte...
Penninger: Ja, absolut. Einem Bericht zufolge ist nach dem Brexit nun die University of Copenhagen die Nummer eins unter Europas Universitäten. Und Dänemark ist nicht unbedingt größer als Österreich.

Was hindert uns daran, besser zu werden?
Penninger: Man muss aufhören, nach dem Gießkannenprinzip vorzugehen. Wir können nicht gleichzeitig in Nanotech und Biotech Weltklasse sein. Das können nicht einmal die USA. Die Idee, dass wir mit dem Geld über 27 Unis drüberfahren und annehmen, dadurch überall Weltklasse zu sein, spielt es nicht. Der Staat müsste drei oder vier Schwerpunkte setzen - am besten natürlich dort, wo wir bereits traditionell stark sind und tolle Leute haben - mit dem Ziel, mit derartigen Leuchttürmen die absolute Weltklasse zu erreichen.

Und das scheitert nur an der Gießkanne?
Penninger: Meiner Meinung nach scheitert das an zu vielen Partikularinteressen. Österreich ist ein Fleckerlteppich, und jeder verteidigt - verständlicherweise - sein Territorium. Da bräuchte man jemanden mit einer großen Vision, der neue Ziele vorgibt und diesen alles unterordnet.

Wer könnte das sein?
Penninger: Ich glaube, so etwas müsste Sebastian Kurz entscheiden und angehen. Damit könnte er sich ein Denkmal setzen.

Müsste man dafür nicht auch schon bei der Schulbildung ansetzen?
Penninger: Absolut. Schüler sollten drei Stunden pro Woche den Gegenstand "Science" haben. Ich habe gelesen, dass Gustav Mahler in der Schule "Wissenschaft" hatte, wie alle Schüler Ende des 19. Jahrhunderts. Das ist auch der Grund dafür, warum Österreich damals in der Wissenschaft an der vordersten Front mit dabei war. Und dort müssen wir wieder hinkommen.

Josef Penninger im Gespräch mit Oliver Judex

Josef Penninger im Gespräch mit Oliver Judex: "Österreich ist fantastisch, aber man muss oft halt erst weg, um das zu sehen."

Wollen Sie Vorschläge wie diesen längerfristig nur von außen einbringen, oder gibt es eine Chance, dass Sie nach Österreich zurückkehren?
Penninger: Ich leite für zumindest fünf Jahre das größte Life Sciences Institute Kanadas an der University of British Columbia (UBC) und habe inzwischen dort auch eine Lebenszeitprofessur - das ist übrigens meine erste fixe Anstellung überhaupt. Und an der UBC gibt es keine Pensionierung, das heißt, ich kann dort auch noch mit 90 arbeiten.

Das klingt nicht so, als würden Sie bald wieder nach Österreich zurückkehren. Ist es hier so schrecklich?
Penninger: Nein, überhaupt nicht, aber mir war wichtig, nach 16 Jahren, in denen ich mein Institut, das IMBA, gelenkt habe, wieder auf Wanderschaft zu gehen, mich zu erneuern und mich auf unbekanntes Terrain zu begeben, wo ich mich noch nicht so auskenne. Außerdem erkenne ich so, dass das Gras auf der anderen Seite auch nicht grüner ist. Österreich ist fantastisch, aber dafür muss man oft halt erst weg, um das zu sehen.

Und wenn Sebastian Kurz zu Ihnen käme und Ihnen die Möglichkeit böte, eine Art Max-Planck-Gesellschaft zu gründen, mit Exzellenzforschung, die von Beginn weg mit mehreren Hundert Millionen Euro dotiert ist?
Penninger: Dies wäre meiner Meinung nach eine enorme Chance für Österreich.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 10/2020 vom 6. März 2020 entnommen.



Der Wissenschaftler & Unternehmer Josef Penninger

Der Wissenschaftler. Seine Forschungen am Enzym ACE2 und dessen Wirkweise führte Penninger nach seinem Wechsel nach Wien fort, wo er ab 2002 das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften aufbaute und bis 2018 als wissenschaftlicher Direktor führte. Um Penninger von einem Wechsel nach Deutschland abzuhalten, wurde dem IMBA 2015 von Bund und Stadt Wien ein Zuschuss von 22,5 Millionen Euro für die Stammzellenforschung gewährt.

Der Unternehmer. Im Jahr 2005 gründete Penninger das Biotechunternehmen Apeiron Biologics AG in Wien, das sich auf Krebstherapien spezialisiert und Penningers Forschungsergebnisse zur Marktreife bringen soll. Penninger ist mit 15 Prozent Mehrheitsaktionär und sitzt im Aufsichtsrat, zu den weiteren Aktionären zählen die Holding von Ex-ÖVP-Minister Martin Bartenstein, der langjährige VP-Gesundheitspolitiker Erwin Rasinger und der Pharmakonzern Glaxo.

Nach 16 Jahren in Wien übernahm Penninger 2018 die Direktion des Life Sciences Institute an der University of British Columbia in Vancouver, leitet aber nach wie vor am IMBA eine Forschungsgruppe. Der Genetiker und Immunologe hat mehr als 400 wissenschaftliche Arbeiten publiziert, wurde in seiner Forscherkarriere mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet und zählt in seinem Fach zu den besten Grundlagenforschern der Welt.


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