„Die Art der Zusammenarbeit ist einzigartig“

Remo Gujer ist General Manager beim Biopharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb. Im Interview spricht er darüber, wie Corona die Pharmaindustrie verändert, ob ein Durchbruch im Kampf gegen schwere Krankheiten zu erwarten ist und was sein Unternehmen zum beliebtesten Arbeitgeber in Österreich macht.

Remo Gujer, General Manager beim Biopharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb

Remo Gujer, General Manager beim Biopharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb

trend: Die Pandemie hat die Pharmaindustrie besonders ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Welche ­ Auswirkungen hat das auf Bristol-Myers Squibb?
Remo Gujer: Natürlich sind vor allem die Impfstoffe im Fokus und das zentrale Thema in den Medien. Im Kontext einer solchen Pandemie ging es in einer ersten Phase aber auch darum, den Medikamentensupport und den Zugang zu Therapien zu sichern. Da waren wir als Gesamtindustrie, aber natürlich auch als Unternehmen direkt gefordert. Wir haben einen Schwerpunkt in der Onkologie und in immunologischen Therapien. So waren wir bereits am Anfang der Pandemie intensiv dabei, ­ unsere eigenen immunologischen Substanzen zu untersuchen. Nicht als Impfung, aber als mögliche Therapieansätze gegen das aktuellen Virus.

Mit erfolgversprechendem Ergebnis?
Es zeichnet sich ab, dass Antikörper oder antikörperähnliche Substanzen therapeutisch oder auch sogar präventiv einen größeren Mehrwert bringen können. Wir arbeiten mit der Rockefeller University zusammen, wo wir aktuell Antikörper in der klinischen Untersuchung haben, um möglicherweise in Zukunft auch therapeutische Ansätze gegen Coronaviren zu haben. Wir sind also ganz direkt in der Forschung nach möglichen Therapien gegen Covid-19 involviert.


Die Art und Weise, wie man partnerschaftlich zusammenarbeitet, ist entscheidend.

Hat Corona die Konkurrenz zwischen den einzelnen Pharmafirmen erhöht? Immerhin sind Impfstoffe und Medikamente ein Milliardengeschäft.
Die Art der Zusammenarbeit, wie ich sie in den letzten zwölf Monaten erlebt habe, ist einzigartig: mit den Stakeholdern, den Spitälern, den Behörden und auch innerhalb der pharmazeutischen Industrie. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, um mögliche Produktions- oder auch Lieferengpässe zu überbrücken. Ich glaube, das Kollaborative und der offene Dialog sind ganz wichtige Erfolgsmerkmale, die man aus der aktuellen Pandemie ableiten kann.

Klinische Forschung bei Bristol-Myers Squibb: Österreich bietet ein hervorragendes Umfeld.

Klinische Forschung bei Bristol-Myers Squibb: Österreich bietet ein hervorragendes Umfeld.

Sind nach der raschen Entwicklung eines Corona-Impfstoffs Durchbrüche auch bei anderen Krankheiten zu erwarten?
Bei Corona sind die Impfstoffe innerhalb einer Rekordzeit entwickelt worden, die man sich so fast nicht vorstellen hat können. Aber da sind vorab schon Jahre an Forschung geleistet worden. Es gibt dabei natürlich Learnings, die uns auch in die Zukunft bringen. Vor allem die Art und Weise, wie man partnerschaftlich zusammenarbeitet, ist entscheidend. Sei es in der Onkologie, im Bereich der Demenz oder der Neurologie. Das sind sehr komplexe Fragestellungen, die wir nur gemeinsam angehen können. Als Bristol-Myers Squibb haben wir viele Kollaborationen mit kleinen Spin-offs, Biotechfirmen, akademischen Zentren und mit Cooperative Groups, wo man gemeinsam Forschung betreibt. Auch das ist ein zentraler Treiber, um schließlich neue Therapien gegen Krebs und andere Erkrankungen auf den Markt zu bringen.


Die Digitalisierung gibt uns trotz Distanz Zugang zu innovativen Forschungsprojekten.

Wie hat sich die Zusammenarbeit innerhalb Ihres Unternehmens in den vergangenen Monaten geändert?
Die Pandemie hat einen starken Digitalisierungsschub ausgelöst. Die Plattformen und Technologien für das Remote Working waren bereits da, aber in der Umsetzung hat es einen Extraschub gegeben. Das Arbeiten auf Distanz hat sogar zu einer enormen Effizienzbeschleunigung geführt. Neben der täglichen Arbeit war es möglich, die Herausforderungen, die an die Pandemie gekoppelt sind, zu lösen. Empowerment ist für mich ein ganz zentrales Thema geworden. Es geht darum, sicherzustellen, dass Entscheidungen dort getroffen werden können, wo die beste Information vorhanden ist, damit ein Team und einzelne Projektgruppen rasch, agil, und trotzdem auch informiert kompetente Arbeit verrichten können.

Sie werden also auch künftig auf die Digitalisierung setzen?
Ich glaube nicht, dass wir auf den Status zurückgehen, wie wir vorher gearbeitet haben. Es wird eine neue, normale Situation geben, ein „New Normal“. Ich kann dazu ein Beispiel geben. Bristol-Myers Squibb ist eines der forschungsintensivsten Unternehmen in Sachen klinische Studien in Österreich. In der ersten Phase der Pandemie mussten wir unsere klinischen Forschungsprojekte stoppen und konnten keine Patienten mehr rekrutieren, weil der Zugang zu den Zentren nicht mehr möglich war. Künftig können wir auf Distanz durch die Digitalisierung trotzdem Zugang zu innovativen Forschungsprojekten bekommen. Hinsichtlich der Betreuung klinischer Studien, dem Monitoring, der Interaktion mit dem Patienten ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.


Österreich bietet ein attraktives Umfeld für klinische Forschung.

Ihr Unternehmen ist in Österreich im Vorjahr als „Great Place to Work“, also als bester Arbeitgeber, ausgezeichnet worden. Warum ist Bristol-Myers Squibb für Mitarbeiter so attraktiv?
Dieser erste Platz hat mich natürlich sehr gefreut. Ein Grund dafür ist sicher unsere Unternehmenskultur. Wir haben weltweit sechs Grundwerte definiert: Leidenschaft, Innovation, Dringlichkeit, Verantwortlichkeit, Inklusion und Integrität. Und wir haben sogenannte People Business Resources Groups. Das sind Mitarbeiter-Chapters, die sich im Bereich von Inklusion und Diversität eines spezifischen Themas annehmen. Ein eigenes Chapter beschäftigt sich zum Beispiel damit, wie Millennials sich im Bereich von Innovation und Führung in eine Organisation einbringen können. Diese Chapters sind ein verbindendes, engagierendes Element neben den eigentlichen, hierarchischen Strukturen der Organisation. Ein informelles Netzwerk, wo sich die Leute aufgehoben, verstanden und auch zu Hause fühlen.

Als General Manager sind Sie für die Standorte in der Schweiz und in Österreich verantwortlich. Wie beurteilen Sie den heimischen Forschungsstandort im internationalen Vergleich?
Wir sind hier seit einigen Jahren sehr präsent mit unseren Forschungsaktivitäten. Österreich macht meiner Meinung nach schon sehr viel. Was mich in Österreich vor allem begeistert, ist, wie die einzelnen Zentren mit ihren wissenschaftlichen Datenbanken vernetzt arbeiten. Es gibt qualitativ sehr hochwertige Krebsregister, auch im hämatologischen Bereich, wo wir tätig sind. Die Infrastruktur des Gesundheitswesens ist sehr gut entwickelt. Das heißt, es ist ein attraktives Umfeld, um klinische Forschung zu machen, sowohl in der frühen Phase, aber auch mit größeren, multizentrischen, internationalen Studien.

Wo besteht noch Aufholbedarf?:
In der Zukunft wird die Digitalisierung im Gesundheitsmanagement ein zentraler Erfolgsfaktor. Da gibt es einzelne europäische Länder, die bereits besser unterwegs sind. Einerseits müssen die Gesundheitsdaten sicher verwaltet sein. Andererseits sollen diese hochsensitiven, aber wissenschaftlich sehr wertvollen Daten auch optimal für die Forschung genutzt werden können. Da gibt es sehr gute Initiativen, die von der europäischen Kommission lanciert werden. Das sind Chancen, wo auch Österreich vorne dabei sein kann.


Bristol-Myers Squibb (BMS)

Bristol-Myers Squibb (BMS) ist ein weltweit führendes biopharmazeutisches Unternehmen. 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten bei BMS in Österreich am Standort Wien, einem von 50 BMS Standorten weltweit. Das Unternehmen forscht in den Bereichen Onkologie, Hämatologie, Immunologie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zusammen mit Universitätskliniken und weiteren Krankenhäusern in Österreich hat BMS aktuell 77 aktive präklinische und klinische Studien. Weltweit arbeitet BMS an der Entwicklung von mehr als 50 neuen Therapieansätzen.

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