Pharma-Analyse: Die Größten wachsen am stärksten

Pharma-Analyse: Die Größten wachsen am stärksten

Wirkstoffe gegen Krebs und Immunkrankheiten bleiben die größten Umsatzbringer und legten noch deutlich zu.

Die Pharma-Branche wächst kräftig und konnte 2015 ihren Umsatz um fast 19 Prozent deutlich steigern. Dafür verantwortlich waren aber hauptsächlich Wechselkurseffekte.

Die Pharma-Branche wächst kräftig weiter. Die 21 größten Pharma-Unternehmen der Welt haben 2015 ihren Umsatz und ihr operatives Ergebnis deutlich gesteigert.
Die Prüfungs- und Beratungsorganisation EY hat die Finanzkennzahlen der 21 größten Pharmaunternehmen der Welt die EY analysiert.

Wechselkurseffekte pushen Gesamt-Umsatz

So kletterte der Gesamt-Umsatz im Vergleich zum Vorjahr deutlich um 18,7 Prozent auf 429 Milliarden Euro. Dafür verantwortlich waren zu einem großen Teil allerdings Wechselkurseffekte. Ohne diese Effekte betrug das Wachstum immerhin noch 3,7 Prozent nach 4,2 Prozent im Jahr 2014. Ein Jahr zuvor stagnierte die Branche noch. Umsatzstärkstes Pharma-Unternehmen der Welt ist Pfizer (rund 40,9 Milliarden Euro), gefolgt von Roche (rund 37 Milliarden Euro) und Merck (rund 31,6 Milliarden Euro).

Gleichzeitig sind die Top-Pharma-Unternehmen noch profitabler geworden. Das operative Ergebnis (EBIT) stieg um fast ein Viertel (23,4 Prozent) auf 147 Milliarden Euro. Ohne Wechselkurseffekte betrug das Wachstum noch deutliche 6,8 Prozent. Damit hat sich auch die EBIT-Marge (Verhältnis Gesamtergebnis zum Gesamtumsatz) leicht von 25 Prozent auf 26 Prozent verbessert.

Investitionen verhelfen zu Höhenflug

In den kommenden Jahren soll der Höhenflug weitergehen. Die Ausgaben für Fusionen und Übernahmen blieben 2015 auf hohem Niveau, jene für Forschung und Entwicklung sind deutlich in die Höhe geschnellt und lassen weiteres Wachstum in der Zukunft erwarten. So gaben die Konzerne insgesamt 168 Milliarden US-Dollar für M&A-Aktivitäten aus. Das war zwar ein Rückschritt gegenüber dem Vorjahr, als ein neuer Rekordwert von 218 Milliarden US-Dollar erreicht wurde, markiert aber immer noch den zweithöchsten Wert überhaupt. Wäre die geplante 160 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von Allergan durch Pfizer nicht geplatzt, wäre der Rekord aus dem Vorjahr sogar deutlich übertroffen worden.

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung kletterten deutlich in die Höhe: Sie betrugen knapp 80 Milliarden Euro und lagen damit 18,1 Prozent über dem Vorjahr. Ohne Wechselkurseffekte gingen die Ausgaben um 3,1 Prozent nach oben.

Big Biotech treiben Wachstum an

„Das vergangene Jahr stand bei den größten Pharma-Konzernen ganz im Zeichen des Wachstums. Sowohl Umsätze, Gewinne als auch Investitionen gingen nach oben“, kommentiert Erich Lehner, zuständiger Partner für Life Sciences bei EY Österreich. „Die Branche zeigt sich insgesamt deutlich im Aufwind. Allerdings offenbart ein genauerer Blick auf die Zahlen, dass das Wachstum zum einen auf Währungseffekten beruht und dass es zum anderen unterschiedlich verteilt ist. Vor allem die Big Biotechs treiben das Wachstum voran. Big Pharma tritt dagegen – von ein paar Ausnahmen abgesehen – eher auf der Stelle.“

Erich Lehner weiter: „Vor allem die Biotechnologie hat in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung erlebt – innovative Therapien, sinkende Behandlungskosten und eine hohe Anzahl an Produktzulassungen haben ihr einen internationalen Höhenflug verschafft. Big Pharma hat sich dagegen vor allem auf die Bereinigung des eigenen Portfolios konzentriert und gezielt hinzugekauft beziehungsweise Unternehmensteile verkauft.“

Ohne Wechselkurseffekte dominieren Big-Biotech-Konzerne beim Umsatzwachstum. So konnte Gilead Sciences von 2013 bis 2015 um durchschnittlich 70,7 Prozent jährlich wachsen, Biogen um 24,6 Prozent und Novo Nordisk um 13,6 Prozent.

Blockbuster-Anteil steigt

Kein anderes Unternehmen erzielt seine Umsätze so umfassend mit Blockbuster-Medikamenten – also Medikamenten mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar pro Jahr – wie Gilead mit seinen Produkten zur Behandlung von HIV und Hepatitis C. Der Anteil am Gesamtumsatz machte 92,2 Prozent aus. Einen ähnlich hohen Anteil erreichten auch die beiden anderen Big-Biotechs Novo Nordisk (90,7 Prozent) und Amgen (88 Prozent). Insgesamt – über alle 21 analysierten Unternehmen hinweg – lag der Blockbuster-Anteil bei 60 Prozent und damit zwei Prozentpunkte über dem Wert des Jahres 2014.

Wirkstoffe gegen Krebs und Immunkrankheiten dominieren

Die Pharma-Konzerne haben vor allem ihren größten Umsatzbringer ausgebaut: Medikamente gegen Krebs und Immunkrankheiten. In diesem Segment generierten sie zusammen 115,8 Milliarden Euro nach 94,1 Milliarden Euro im Jahr 2014. Zudem haben sie auch wieder auf ihren zweitwichtigsten Umsatzbringer – Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten und Stoffwechselkrankheiten – gesetzt, der im Jahr zuvor nahezu stagnierte. Diesmal kletterte der Umsatz in diesem Bereich von 74,1 Milliarden Euro auf 84,8 Milliarden Euro.

Am deutlichsten wächst jedoch die Bedeutung von Medikamenten gegen Infektionskrankheiten: Diese verzeichneten in den vergangenen zwei Jahren ein Umsatzwachstum von insgesamt über 80 Prozent: Von 30,1 Milliarden Euro 2013 stieg der Umsatz auf 54,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Dazu trug vor allem Gilead mit seinen innovativen und kurativen Hepatitis-Medikamenten bei.

3.770 Wirkstoffe in der Pipeline

Auch in den kommenden Jahren können die Konzerne dank neuer Produkte in der Pipeline auf weiteres Wachstum hoffen. Insgesamt befanden sich im vergangenen Jahr 3.770 Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung, der Zulassungsphase oder wurden in den Markt eingeführt. Das bedeutet eine Steigerung um 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Jahr davor waren es nur 2.768. Auch die Anzahl der Medikamente in den späteren Phasen (Phase III, „filed“ und „approved“) – also unmittelbar vor einer möglichen Zulassung beziehungsweise währenddessen – ist wieder nach oben gegangen, nachdem sie im Jahr zuvor zurückgegangen war.

Aus Sicht von Lehner ist das ein gutes Zeichen für die Branche: „Die Qualität der Medikamente in diesen späten Phasen ist sehr hoch. Dank neuer Methoden wie Biomarker oder Diagnostiktools lassen sich Projekte heutzutage bereits sehr früh stoppen, weil man rechtzeitig merkt, dass sie nicht die gewünschten Behandlungserfolge bringen. Dass die Unternehmen wieder mehr Medikamente bis in die späten Phasen bringen, beweist, dass sie qualitativ hochwertige Produkte in der Spur haben, die schon bald auf den Markt kommen werden.“ Er fügt jedoch hinzu, dass gerade die Big-Pharma-Unternehmen dennoch nicht darum herumkommen werden, in Zukunft verstärkt Zukäufe zu tätigen. „Ihr Umsatzwachstum aus eigener Kraft reicht einfach nicht aus, um die Wachstumslücke zu schließen, die zum globalen Medikamentenmarkt besteht.“

Lehner weiter: „Wir werden deshalb in den kommenden Jahren weiter eine hohe Aktivität auf dem M&A-Markt sehen. Zwar wird der Anteil der Deals aus steuerlichen Gründen weniger werden, weil die USA jüngst ihre Steuergesetze deutlich verschärft und dadurch die Verlegung von Unternehmenssitzen aus steuerlichen Gründen weniger lukrativ gemacht haben.“ Daran war auch schon die Übernahme von Allergan durch Pfizer und zwei Jahre zuvor die geplante Übernahme von Shire durch Abbvie gescheitert. „Allerdings wird sich fortsetzen, was wir derzeit schon beobachten: Die Konzerne stoßen ganze Unternehmensteile ab beziehungsweise kaufen neue hinzu, um sich gezielt zu verstärken. Dadurch gewinnen sie einen engen therapeutischen Fokus und können sich auf ihre Stärken besinnen. Außerdem nimmt der Konkurrenzdruck zu – schnelle Innovationen können die Pharma-Unternehmen nur vorweisen, wenn sie diese von außen ins Unternehmen holen."

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