Zusammenarbeit und Zoff: "Männer sind vergeltender"

Ernst Fehr, Volkswirt und Verhaltensökonom.

Ernst Fehr, Volkswirt und Verhaltensökonom. In seinem Züricher Neurolabor hat er den Homo oeconomicus experimentell entzaubert.

Der österreichische Starökonom Ernst Fehr im trend-Interview über Kooperation in vorstaatlichen Gesellschaften, die Kosten des Konflikts und dessen Bedeutung für Innovationen und die Entwicklung der Demokratie.

Kampf ist spektakulär, darum reden alle darüber: Streit, Kontroverse, Zoff, Krach, Zores, Wickel, Hickhack, Auseinandersetzung - Dutzende Wörter für "Konflikt" prägen unseren Sprachalltag. Synonyme für " Kooperation" gibt es dagegen nur wenige. Am präzisesten ist die Übersetzung: Zusammenarbeit. Dabei ist der Alltag vielmehr vom Miteinander geprägt, auch in der Wirtschaft. Das bestätigt auch der Vorarlberger Ökonom Ernst Fehr, Volkswirt an der Universität Zürich, der sich wahrscheinlich so intensiv wie wenige Ökonomen mit Fairnessvorstellungen und Kooperationsverhalten von Menschen auseinandergesetzt hat.

Im menschlichen Körper selbst ist das Zusammenspiel von Kampf und Kooperation nicht weniger komplex als in Gesellschaften. Bahnbrechend sind auf diesem Gebiet die Arbeiten des Niederösterreichers Martin A. Nowak. Der Biomathematiker in Harvard hat etwa Krebs als "Zusammenbruch der Kooperation" beschrieben. Der Normalfall sei hingegen, dass die Zellen kooperativ zusammenarbeiten.

Im folgenden Interview mit trend-Redakteur Bernhard Ecker geht Ernst Fehr auf die Bedeutung von Konflikten und Kooperationen für die Wirtschaft und Innovationen ein.



Ernst Fehr: "Männer sind vergeltender"

Ernst Fehr, Volkswirt und Verhaltensökonom

Ernst Fehr: "Kooperation ist ein Grundprinzip von Biologie und Gesellschaften."

trend: Soll man, wie Martin A. Nowak das vorschlägt, neben Mutation und Selektion auch die Kooperation als bestimmendes Prinzip der Evolution anerkennen?
Ernst Fehr: Kooperation ist eine der absolut wichtigsten Sachen in der Geschichte der Menschheit. Es gibt täglich Millionen kooperativer Akte. Sie gehen zum Supermarkt und kaufen ein - das ist ein Tauschvorgang, eine Form von Kooperation.

trend: Ist das eine Konstante in der Menschheitsgeschichte?
Fehr: Einen Staat, der wichtige Normen durchsetzt, haben wir erst in der letzten Millisekunde der Menschheitsgeschichte geschaffen. Aber auch in den vorstaatlichen Gesellschaften gab es schon enorm viel Kooperation. Wenn sich bei den Jägern und Sammlern einer ein Bein gebrochen hat, dann hat man ihn nicht verhungern lassen. Kooperation äußert sich hier als eine Art Urform der Krankenversicherung. Schimpansen dagegen lassen ihre Artgenossen liegen. Wir würden als Menschen nicht existieren, wenn die Zellen nicht kooperieren würden: Krebszellen werden von den gesunden Zellen erledigt. Kooperation ist also ein Grundprinzip von Biologie und Gesellschaften. Firmen, die Zehntausende Arbeitskräfte beschäftigen, sind ein Uhrwerk der Kooperation.


Konflikte werden so weit wie möglich unter den Tisch gekehrt.

trend: Mir fallen spontan viel mehr Synonyme für Konflikt als für Kooperation ein. Spielen Konflikte eine so viel größere Rolle in unserem Leben?
Fehr: Im Gegenteil. Es wird viel mehr kooperiert, als Konflikte ausgetragen werden. Der Alltag ist Kooperation. Warum es mehr Wörter für Konflikt gibt, ist klar: Er ist sehr kostspielig, und diese Kosten werden stärker wahrgenommen. In vielen Kulturen werden Konflikte deshalb so weit wie möglich unter den Tisch gekehrt. Viele Menschen, nicht alle, haben eine Art Harmoniebedürfnis.

trend: Je kleinräumiger, umso kleiner ist auch die Bereitschaft, Konflikte auszutragen.
Fehr: Kein Wunder. Individuell geht der Konflikt unter die Haut. Wenn man sich anschaut, wie feindselig Menschen, die manchmal jahrzehntelang harmonisch miteinander gelebt haben, Scheidungen austragen, dann begreift man, wie hoch die Kosten eines direkten Konflikts sind. Andererseits ist es ziemlich einfach, eine Milliarde Leute mit einem Tweet zu beleidigen, etwa wenn man im Weißen Haus sitzt. Die Kosten für den Tweeter sind hier gering.

trend: Aber ein direkter Wissenschaftlerstreit hat doch allemal auch positive Folgen, zum Beispiel Erkenntnisfortschritt.
Fehr: Konflikt hat eine innovationsfördernde Dimension: Im Wettbewerb werden neue wissenschaftliche Designs entwickelt. Wir konnten etwa zeigen, dass Fairnessvorstellungen auch im Wettbewerbsmarkt eine Rolle spielen. Im traditionellen Modell war das bis dahin ausgeschlossen worden. In diesem Fall konnten wir unsere Annahmen auch experimentell nachweisen.


Kooperation birgt das Risiko, ausgebeutet zu werden.

trend: Demokratien wären ohne Konflikte gar nicht erst entstanden.
Fehr: Das ist richtig. Schauen Sie die Massenbewegungen gegen den Kommunismus an, in osteuropäischen Ländern ebenso wie in China, oder auch den Arabischen Frühling vor einigen Jahren. Da braucht es politische Unternehmer, die das Risiko eingehen, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Große institutionelle Reformen sind ohne ausgeprägte Konfliktbereitschaft nicht vorstellbar. Altersversicherung, Gesundheitsversicherung, demokratische Rechte wie Wahlrecht, Meinungsfreiheit und politische Organisationsfreiheit -das alles ist nicht ohne politischen Konflikt entstanden.

trend: Ab wann braucht es zur Lösung von Konflikten Hilfe von dritter Seite?
Fehr: Der Großteil der Konflikte wird nicht durch Gerichte geregelt, ich schätze, 95 Prozent regeln sich die Leute selbst. Wir haben extrem viele Instrumente entwickelt, Konflikte in Kooperation zu verwandeln, etwa via Reputation: Jemand, der seine Rechnungen nicht bezahlt, mit dem wird niemand mehr Geschäfte machen. Daher neigen Leute dazu, prosozial zu sein, also kooperativ.

trend: Sind Männer aus wissenschaftlicher Sicht weniger kooperationsbereit als Frauen?
Fehr: Es gibt Evidenz, dass Frauen risikoaverser sind. Das heißt aber nicht, dass sie unbedingt kooperativer sind - Kooperation birgt ja das Risiko, ausgebeutet zu werden. Im Schnitt sind Frauen jedenfalls altruistischer. Männer sind eher vergeltender -wenn sie sich unfair behandelt fühlen, schlagen sie zurück. Diese Unterschiede gibt es weltweit, und sie haben im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg sogar eher zugenommen.


Das Interview mit Ernst Fehr finden Sie auch in der zum Europäischen Forum Alpbach erschienenen Sondernummer trend.science vom August 2017.

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