Zukunftsforscher Matthias Horx: "Die Corona-Krise hat transformatorische Qualität"

Matthias Horx beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit der "Zukunft nach Corona". Im Interview dazu erklärt er, warum uns die Krise nicht nur stärker und gelassener macht, sondern auch mental verjüngt hat. Und was das für Wirtschaft wie Gesellschaft heißt.

Zukunftsforscher Matthias Horx

Zukunftsforscher Matthias Horx

Eigentlich war das anders ausgemacht. Es war ausgemacht, dass das Leben immer so weitergeht, immer geradeaus. Dass sich der Wohlstand immer weiter nach oben hangelt. Störungsfrei kontinuierlich, dass unser Leben berechenbar bleibt. Und plötzlich geht das nicht mehr. Plötzlich gibt es mehrere Realitäten: eine Vor-und eine Nach-Corona-Welt. Ein altes und ein neues Normal", schreibt der Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem neuen Buch "Die Zukunft nach Corona"

Bereits Mitte März dieses Jahres, als das Virus gerade unser aller Leben auf den Kopf stellte, veröffentlichte Matthias Horx auf seiner Website einen Text, der einen Blick auf die mögliche Zukunft nach Corona warf und darauf, wie uns diese Krise verändern wird. Statt einer Prognose übte Horx mit seinen Lesern die Re-Gnose: die Selbstveränderung "durch rückblickende Vorausschau".

Der Essay ging viral, bis dato mit über fünf Millionen Zugriffen, wurde in 20 Sprachen übersetzt, vielfach diskutiert und dokumentierte wohl auch den Bedarf, nicht immer nur der Angst hinterherzudenken. Demgemäß hat der Trendexperte den Essay zu einem Buch ausgeweitet: "Die Zukunft nach Corona" beschäftigt sich damit, wie eine Krise unsere Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert.

Im Ausnahmezustand ist viel passiert. Der erzwungene Abstand zwischen den Menschen führte nicht zu Vereinsamung, sondern zu neuer Nähe. Familien, Freunde, Nachbarn rückten zusammen. Menschen telefonierten wieder mehr, statt ihre Gefühle über Smiley-Emojis auszutauschen, Homeoffice wurde zur Selbstverständlichkeit, die Shitstorms wurden weniger, die Höflichkeit nahm zu und es gab ein neues Vertrauen in die Politik, analysiert der Experte in Sachen Transformationsprozesse ein neues "Groundinggefühl". Was davon im neuen Normal bleibt? "Wir sind mit uns selbst konfrontiert worden. Und das hinterlässt mehr als Spuren", sagt Horx.

Im Interview erklärt er, was das für Wirtschaft, Gesellschaft und Konsumkultur heißt.


INTERVIEW

"Das neue Normal wird anders als das alte"

Zukunftsforscher Matthias Horx

Zukunftsforscher Matthias Horx

Der Zukunftsforscher als Optimist: "Wir haben es geschafft, die Kurve des Virus abzuflachen, warum sollte das nicht auch mit der der Erderhitzung gelingen", fragt Matthias Horx.

trend: Dass man sich durch eine Krise neu figurieren kann, zieht sich wie ein roter Faden durch all Ihre Bücher. Dem gegenüber steht eine Phalanx von Alarmisten, die meinen, der Mensch ändert sich nicht, und auch nach Corona wird wohl alles beim Alten bleiben. Warum ist ein Großteil der Menschen so skeptisch und wenig flexibel in Bezug auf Veränderung? Und wie halten Sie sich Ihren Optimismus funktionstüchtig?
Matthias Horx: Ich bin kein Optimist. Optimisten glauben ja, dass immer alles nur rosarot wird. Ich bin Possibilist, also ein Vertreter von Möglichkeiten, die auch durch Turbulenzen entstehen. Ich versuche, dem pessimistischen Angstraunen etwas entgegenzusetzen, was man vielleicht den Mut zur Zuversicht nennen könnte. Wenn es wirklich so wäre, dass der Mensch sich nie ändert, dann gäbe es uns gar nicht. Es gibt auch so etwas wie eine Bequemlichkeit der Angst, in der sich viele Menschen einrichten. Das ist auch der Not der Medien geschuldet, das Negative ständig nach vorne zu stellen; Angst schürt Aufmerksamkeiten, und darauf sind Medien angewiesen. In diesem Echoraum kann man sich schnell verirren.

Mit Ihrem Text "Die Zukunft nach Corona" haben Sie versucht, eine Gegenthese aufzustellen.
Aber ich sage da nicht "alles easy", sondern behaupte: Wir können auch etwas bewältigen. Wir könnten uns über uns selbst wundern. Ich versuche das dem Leser über Re-Gnose zu vermitteln, eine Art mentales Zukunftsexperiment, bei dem man sich vorstellt, wie es wäre, in einem halben Jahr oder auch zwei Jahren auf die Krise zurückzuschauen. Dadurch kommt man in eine andere Beziehung zum Wandel, man imaginiert die Zukunft nicht aus der Sicht der inneren Denk- und Angstblockaden, sondern aus der Sicht der Lösungen. Dabei wird einem klar, dass Krisen immer auch Bewältigungserfahrungen mit sich bringen. Wir haben alle in unserem Leben ja schon Krisen er- und überlebt. Von der Geburt über die ersten ausgeschlagenen Zähne, die Pubertät und die Familiengründung bis hin zum Altern. In gewisser Weise ist Leben eine einzige Krise. Und wir haben auch schon erlebt, dass vieles, was wir im Übergang als schwere Belastung empfunden haben, auch seine guten Seiten hatte. Auf diese menschliche Erfahrung gründe ich mein Zukunftsbild.


Das Corona-Virus legt alles offen, was mit einer Gesellschaft stimmt oder nicht stimmt.

Sie bezeichnen diese Krise als Tiefenkrise. Was ist da anders?
Vergleichen wir einmal die Krisen seit der Jahrtausendwende: Der 11. September hat die Weltpolitik zugespitzt, aber sonst eigentlich alles beim Alten gelassen. Die Finanzkrise hat Banken pleitegehen lassen und einige Ersparnisse gekostet, aber ansonsten nicht viel verändert. Die Flüchtlingskrise war eher eine Hysterie-Krise, in der es ganz stark um Ängste ging, die politisch funktionalisiert wurden. Die Corona-Krise betrifft jedoch alle Ebenen unserer Existenz von der Globalisierung über die Politik bis in unser Alltagsleben, ja unsere Intimität. Das nenne ich eine Tiefenkrise. Wir sind mit uns selbst konfrontiert worden, auf einer sehr persönlichen Ebene. Und das hinterlässt mehr als Spuren. Es hat transformatorische Qualität.


Jeder Automanager wusste, dass das alte Wertschöpfungsmodell nicht mehr funktioniert.

Viele sagen jetzt rückblickend auch, es hätte ohnehin nicht mehr lange so weitergehen können mit unserem selbstmörderischen System von Ökonomie und Gesellschaft zwischen Hyperkonsum und Globalisierungswahn. War die Krise so gesehen eine Bereinigung?
Das ist vielleicht in die andere Richtung übertrieben: Die Krise ist keine moralische Heilanstalt. Aber viele Menschen haben eben gespürt, dass ihnen der Spaß am Spaß eigentlich schon vergangen war. Dass der Konsum, der ja für viele zum Lebenssinn geworden ist, nicht wirklich satt macht. Dass die ständige Beschleunigung unseres Lebens Folgeschäden hat. Wenn das bei nur zehn bis 20 Prozent der Menschen zu einem inneren Wachstum führt, verändert das schon eine ganze Menge. Wir haben gleichzeitig als Gesellschaft erlebt, dass wir gemeinsame Verantwortung übernehmen können. In jenen Gesellschaften, wo konsequent und gemeinschaftlich gehandelt wurde, hat man das Virus schneller zurückdrängen können. Das war eine heilsame Erfahrung, die das Vertrauen in die Politik verbessert hat. In Ländern, die innerlich zerrissen sind und von neuen Potentaten regiert werden, kommt es dagegen zu einer Verschärfung der Krise. An diesem Punkt wirkt Corona brutal: Das Virus legt alles offen, was mit einer Gesellschaft stimmt oder nicht stimmt.

Jetzt, wo die Wirtschaft gerade den Bach runtergeht, die Arbeitslosenzahlen täglich steigen, werden sich nicht alle daran aufrichten, dass, wie Sie schreiben, "hinkünftig Vermögen womöglich nicht mehr so eine entscheidende Rolle spielen wird wie gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten". Was kann die Wirtschaft aus der Krise lernen?
Im Grunde hat die Krise verdeutlicht, was allen schon vorher klar war. Jeder Automanager wusste, dass das alte Wertschöpfungsmodell nicht mehr funktioniert. Aber alle sind noch so lange aufs Gas gestiegen, wie es ging. Wir werden natürlich wieder Flugzeugverkehr haben, Tourismus und Kreuzfahrtschiffe, aber diese sehr expansiven Sektoren werden nicht mehr diese irrwitzige und idiotische Dynamik haben wie in Prä-Corona-Land. Der "Economist" hat das auf den Punkt gebracht: Wir kommen in eine "90-Prozent-Ökonomie". Viele Wirtschaftsprozesse, manche Branchen waren einfach überhitzt, und die Wirtschaft wird nie mehr ihr altes globales "full speed" erleben. Es werden immer zehn Prozent im Vergleich zum Vor-Corona fehlen, vielleicht auch mehr, denn wir leben von nun an dauerhaft in einer Welt der notwendigen Distanzierungen, der höheren Vorsicht und Vorsorge. Es wird vielleicht eine Konsum-Nachholwelle geben, aber irgendwie ist, wie man so schön sagt, "die Luft raus" aus vielen allzu überbeschleunigten Branchen. Die Krise legt auch die Folgekosten der ewigen Verbilligung offen, wie etwa die Arbeitsverhältnisse in der Fleischindustrie.

""Die Corona-Krise hat uns mit unserer inneren Dekadenz konfrontiert; das war ein Schock, aber auch ein notwendiger."

""Die Corona-Krise hat uns mit unserer inneren Dekadenz konfrontiert; das war ein Schock, aber auch ein notwendiger."

Demgemäß sagen Sie, dass Firmen mit zu fixem Businessplan, die keine Wandlungsvision, sondern nur Steigerungsfantasien haben, scheitern.
Viele Unternehmen hatten als "Zukunftsvision" leider immer noch eher marketinggesteuerte Expansionsvisionen - mehr vom Gleichen. Aber das ändert sich, die Sinnfrage, der "purpose" eines Unternehmens, wird wichtiger. Wie steht das Unternehmen zur Gesellschaft, zur Umwelt, zur Nachhaltigkeit, zu den Mitarbeitern? Welchen Zukunfts-Sinn haben seine Innovationen? Wenn wir es geschafft haben, die Kurve des Virus abzuflachen, warum sollte uns das nicht auch mit der Kurve der Erderhitzung gelingen?

Das Ende des "Schneller, größer, stärker"?
Es ist ja immer die Frage, ob etwas qualitativ oder quantitativ wächst. Mit einer Menschen-Dienstleistung, mit " tertiärer Ökonomie" kann man letztlich auch eine sehr hohe Wertschöpfung erzeugen. Auch dadurch kann eine Wirtschaft wachsen. Dabei werden aber relativ wenig Moleküle oder Dinge bewegt, sondern eher Neuronen. Oder sogar Gefühle. Heilung zum Beispiel lässt sich eben doch nicht nur durch Lungenbeatmungsmaschinen oder Medikamente bewerkstelligen. Heilung ist immer auch etwas Zwischenmenschliches.


Ich glaube nicht, dass die Globalisierung zu Ende ist, aber sie wird sich neu konfigurieren.

Mit der Krise hat man auch die Globalisierung hinterfragt. Sie haben nun den Begriff Glokalisierung geprägt.
Das meint die Lokalisierung des Globalen - und vice versa. Ich glaube nicht, dass die Globalisierung zu Ende ist, aber sie wird sich neu konfigurieren. Die Evolution verläuft grundsätzlich nicht in Entweder-oder- Kategorien. Sie entwickelt sich aus den Synthesen heutiger Trends, die an ihre Sättigung kommen, mit ihren Gegentrends. Die Just-in-time-Produktionen, bei denen Millionen Einzelteile zeitgenau über den ganzen Planeten verschifft werden, hat sich überlebt. Das ist viel zu fragil. Wir werden wieder mehr lokale Produktionen und Wertschöpfungen erleben, und das ist auch gut für die Schwellenländer. Das hat auch mit neuen Technologien zu tun: Robotik, 3D-Druck. Der größte Erfüllungsgehilfe dieser Entwicklung ist übrigens Herr Trump. Weil er durch seinen Umgang mit China die Chinesen zwingt, in Zukunft selbst eine Hightech-Innovationsgesellschaft zu werden. Die kontinentalen und lokalen Autonomien werden steigen.

Befinden wir uns noch in einer "Corona-Euphorie"?
Wir sind in einer Verarbeitungs- und Adaptionsphase, in der das "neue Normal" entsteht. Aber ich bin davon überzeugt, dass das neue Normal anders ist als das alte. Dadurch, dass sich unsere Wahrnehmung in der Krise verändert hat, entsteht eine andere soziale und gesellschaftliche Wirklichkeit. Wir wissen besser, was wir eigentlich brauchen und was wir vermisst haben, wir sind womöglich sogar dankbarer für das geworden, was wir haben. Die Krise hat uns mit unserer inneren Dekadenz konfrontiert; das war ein Schock, aber auch ein notwendiger.

Die Zukunft nach Corona heißt also Neustart?
Im günstigsten Falle. Aber das ist natürlich sehr individuell verschieden. Die Krise hat keine Botschaften an sich, das Virus hat keine Agenda, aber es kann wie ein Spiegel wirken, indem wir uns besser verstehen lernen.


ZUR PERSON

Matthias Horx ,65. Der deutsche Publizist, Zukunfts- und Trendforscher gründete 1998 das Zukunftsinstitut mit Hauptsitz in Frankfurt am Main, das als Prognose-Thinktank zahlreiche europäische Unternehmen in allen Wirtschaftsbereichen berät. Horx ist mit der Journalistin Oona Strathern verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt in Wien, wo das Institut ein Büro hat.

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