Zukunftsforscher Lars Thomsen: "Abwarten ist tödlich"

Lars Thomsen, Zukunftsforscher und Gründer von future matters, über das schwierige Jahr 2015, Megatrends und ein falsches Menschenbild.

Zukunftsforscher Lars Thomsen: "Abwarten ist tödlich"

Lars Thomsen gilt als einer der einflussreichsten Experten betreffend Zukunft der Energie, Mobilität und Smart Networks.

trend: Herr Thomsen, wann können wir uns endlich "beamen"?

Lars Thomsen: Der Österreicher Anton Zeilinger beamt ja schon seit Jahren recht erfolgreich Photonen über die Donau und war damit der erste Mensch, der bewiesen hat, dass die Futurologen um die Erfinder von Raumschiff Enterprise gar nicht so falschlagen. Aber bis wir Materie und sogar Lebewesen beamen können, gilt es noch, eine ganze Menge zu erforschen und die Datenmenge um viele Faktoren zu erhöhen. Auf der anderen Seite: Vor zehn Jahren war das, was wir heute mit unseren Smartphones anstellen können, für viele Menschen schlicht unvorstellbar.

trend: Das Jahresende naht. Sind Ihre Prognosen für dieses Jahr eingetroffen?

Thomsen: Einige Entwicklungen liefen in den letzten Jahren sogar schneller, als wir erwartet hatten, und dabei gelten wir in der Regel als sehr progressiv in unseren Prognosen. Die Dynamik der Veränderung in unserer Welt nimmt zu, und das betrifft viele Bereiche unseres Lebens: Kommunikation, Arbeit, Mobilität, Energie. Aber auch unsere Einstellungen und Werte verändern sich in einem rasenden Tempo.

trend: Welche Entwicklung hat Sie 2015 wirklich überrascht?

Thomsen: Der Fortschritt in der "künstlichen Intelligenz" ist wirklich überraschend und wird in immer mehr Bereichen unseres Alltags spürbar. Beispiel: Unsere Smartphones können uns zuhören und verstehen, planen, vorausdenken und werden zu persönlichen Assistenten. Wir haben es das erste Mal in der Geschichte nicht mehr mit dummer Technologie zu tun. Die neuen Geräte lernen, entwickeln sich weiter und stellen sich auf uns ein. Hätte man vor drei Jahren gesagt, dass die ersten Autos mit Autopilot bereits 2015 auf unseren Straßen fahren, hätte selbst ich das für zu früh gehalten.

trend: 2015 war gerade für die europäische Wirtschaft kein einfaches Jahr. Was läuft aus Ihrer Sicht schief?

Thomsen: Wir beschäftigen uns in Europa zu viel mit der Vergangenheit und der Gegenwart und zu wenig mit der Gestaltung der Zukunft. In einer Welt, die sich so dynamisch verändert, kann man nicht mit einer Gegenwartsbewältigung die Zukunft gewinnen. 2015 haben wir uns zum Beispiel monatelang mit den Schulden Griechenlands und der Schuldfrage beschäftigt. Darüber haben wir vergessen, uns Gedanken zu machen, was die Grundlage unseres Wohlstands in Europa im Jahr 2026 sein könnte und sollte. Die eigentliche Frage wäre gewesen: Wie verdienen wir das Geld, um diese Schulden zu bezahlen?


"Vor zehn Jahren war das, was wir heute mit unseren Smartphones anstellen können, für viele Menschen schlicht unvorstellbar."

trend: Verschlafen nicht auch Unternehmen wichtige Trends?

Thomsen: Einige Konzerne und Industrien sitzen noch immer auf einem sehr hohen Ross und glauben, dass sie unangreifbar sind und Erfolge sowie Innovationen automatisch kämen. In zahlreichen Schlüsselindustrien bahnen sich derzeit Umbrüche an, die eher von agilen Herausforderern vorangetrieben werden, als von den etablierten Unternehmen. Abwarten bei Umbrüchen ist eine tödliche Strategie, denn ist ein Trend erst einmal offensichtlich, ist es meist zu spät, um zu reagieren.

trend: Die Hoffnungen liegen auf den kommenden Jahren. Welche großen Trends sehen Sie hier?

Thomsen: Damit könnte man ein ganzes Buch füllen, aber einer der Megatrends ist "das Ende der Dummheit". Das bedeutet, nicht die Digitalisierung ist das Zauberwort, sondern die daraus entstehende "Smartness". Smarte Energie ist CO2-frei, dezentral und nachhaltig. Smarte Mobilität vermeidet Staus, entbindet uns mehr und mehr vom Selbstfahren und hilft uns, schneller ans Ziel zu kommen. Zudem wird es immer öfter Roboter geben, die sich um Routinetätigkeiten im Haushalt kümmern oder gar bei der Pflege von Menschen unterstützen können.

trend: Ist Österreich aus Ihrer Sicht für die Zukunft gut gerüstet?

Thomsen: Österreich wird mehr und mehr zu einem großen sozialen Netzwerk. Die Kommunikation unter und zwischen den Bürgern, der Politik, Bildung, Wirtschaft und Staat ist in den letzten Jahren viel offener und besser geworden. Das hilft enorm, wenn es um die frühzeitige Erkennung von Entwicklungen und das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen und Strategien geht. Zudem beobachten wir eine Reihe von innovativen Start-ups in Österreich, die durchaus das Zeug haben, auch international erfolgreich zu werden. Auch im Bereich Forschung und Bildung tut sich in Österreich mehr als in vielen anderen EU-Staaten. Im Bereich der Bildung wäre es aber wünschenswert, dass man junge Menschen individueller und talentorientierter auf ihre Rolle im 21. Jahrhundert vorbereitet.

trend: Die Gesellschaften gerade in Europa überaltern. Welche Entwicklungen sind hier zu erwarten?

Thomsen: Lange zu leben ist im Prinzip ja etwas sehr Erstrebenswertes. Die Lebenserwartung hat in den letzten 100 Jahren aufgrund besserer Lebens-, Ernährungs-und Arbeitsbedingungen sowie Fortschritte in der Medizin um mehrere Jahrzehnte zugenommen, aber unsere Arbeits-und Sozialsysteme haben dies nicht in gleicher Weise abgebildet. Mit dem Ergebnis, dass unser Renteneintrittsalter nach wie vor in etwa auf den gleichen Altersgrenzen basiert wie vor 100 Jahren. Heute ist 60 das neue 40 -was bedeutet, dass viele 60-Jährige so fit sind wie 40-Jährige im 20. Jahrhundert. Wir werden nicht umhinkommen, die bislang statische Renteneintrittsgrenze zugunsten eines viel individuelleren und flexibleren Systems umzustellen: Wann und in welcher Form zukünftig die Menschen vom Arbeitsins Nichtarbeitsleben umsteigen wollen, muss individueller werden.

trend: Sie prognostizieren, dass Maschinen immer mehr Arbeiten übernehmen werden, aber wo bleibt hier der Mensch?

Thomsen: Der Mensch ist Mensch und bleibt Mensch. Derzeit reduzieren wir den Menschen sehr oft auf dessen "Arbeit". Wir haben panische Angst davor, dass uns jemand oder etwas die Arbeit wegnimmt. Das sagt viel über unser derzeitiges Menschenbild aus! Die Existenz und der Wert des Menschen werden heute zu sehr an dessen Arbeitsfähigkeit gemessen. So gesehen wäre ein Pferd heute kaum noch etwas wert. Es hat seine Existenzberechtigung mit der Erfindung der Dampfmaschine verloren. Aber Pferde sind heute sehr viel mehr Wert als vor 150 Jahren. Der Unterschied ist, dass wir es heute nicht mehr als Arbeitstier anerkennen, sondern als etwas Wertvolles und Emotionales.


"Die Existenz und der Wert des Menschen werden heute zu sehr an dessen Arbeitsfähigkeit gemessen."

trend: Welche großen Trends sehen Sie in der Finanzwirtschaft?

Thomsen: Die Finanzwirtschaft ist an einem Punkt, an dem ihr Wert gegenüber dem Kunden immer stärker unter Druck gerät. Ob Versicherung, Bank oder Finanzdienstleister - die Rendite rückt mehr und mehr in den Hintergrund, aber die Dienstleistung -Hilfe bei der Lebensplanung und Absicherung - rückt immer mehr in den Vordergrund. Wie für jede Beratungsleistung müsste dafür ein Honorar berechnet werden können, das akzeptiert der Kunde aber noch nicht so. Insofern steckt die Finanzindustrie derzeit in der Klemme zwischen zwei Paradigmen: Früher ging es um Kunden und deren Geld, heute geht es um Kundenbeziehungen und deren Vertrauen.

trend: Wo sehen Sie in der Versicherungswirtschaft Innovationslücken?

Thomsen: Es ist denkbar, dass im Jahr 2026 andere Versicherungen von den Menschen benötigt werden. So könnte eine Lebensversicherung dann nicht nur die finanzielle Absicherung des Alters beinhalten, sondern neue Formen entwickeln, die den modernen Biografien der Menschen in einer hochflexiblen Arbeitswelt noch näher kommen. Zudem bieten sich Möglichkeiten, wenn man an die sichere Verwahrung von Daten denkt: Eine Daten-Bank könnte in Zukunft nicht nur ein Programm auf einem Rechner, sondern sogar ein Geschäftsmodell für Banken und Versicherungen sein.

trend: Welcher Wunsch sollte sich für Sie 2016 unbedingt erfüllen?

Thomsen: In der Zukunftsforschung bemühen wir uns um Objektivität auf der Basis von Daten, Fakten und Logiken. Persönliche Wünsche, Weltanschauungen oder Einstellungen sollten uns bei dieser Arbeit und unseren Prognosen möglichst wenig beeinflussen. Und doch habe ich einen persönlichen Wunsch für 2016 und den Rest der Dekade: Ich hoffe, dass wir als Menschheit weise und weitsichtig genug sind, um zu begreifen, dass nachhaltiges Wirtschaften die beste und einzige Strategie für eine lebenswerte Zukunft ist.

Zur Person: Lars Thomsen, 46, gehört zu den weltweit führenden Zukunftsforschern. Er gilt als einer der einflussreichsten Experten betreffend Zukunft der Energie, Mobilität und Smart Networks. Viele internationale Konzerne vertrauen seiner Expertise.

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