Wolf Lotter: „Der Mensch kann Innovation. Man muss ihn nur lassen“

Wolf Lotter

Wolf Lotter, Journalist und Mitgründer von Brand Eins

Wolf Lotter, Journalist und Mitgründer des Wirtschafts-Magazins Brand Eins, war einer der Keynote-Speaker beim Zukunftstag der Steirischen Wirtschaft 2019. Der Autor der „Streitschrift für barrierefreies Denken“ im Interview über den Innovations-Killer Teamarbeit und entzauberte jugendliche Helden.

trend: Herr Lotter, die Rezepte der Vergangenheit funktionieren nicht mehr, wer nicht innovativ ist, geht unter. Muss ich mich vor der Zukunft fürchten?
Wolf Lotter: Nein, überhaupt nicht. Es stimmt, Innovation ist die harte Währung des 21. Jahrhunderts. Der Grund ist einfach: Viele Märkte sind gesättigt, da kann nicht mehr viel verkauft werden.

Also muss ich mich doch fürchten?
Lotter: Nein, Sie dürfen ruhig mehr Selbstbewusstsein haben. Individualisierte und personalisierte Produkte und Dienstleistungen werden stark gefragt sein. Um diese zu entwickeln, braucht es Ideen, braucht es Innovationen. Aber der Mensch hat Ideen, er kann Innovation. Man muss ihn nur lassen.

Was bedeutet das konkret?
Lotter: Die große Herausforderung ist die Überwindung bestehender Organisationsstrukturen. Denn Organisationen sind da, um Zustände zu bewahren. Das ist ihre Aufgabe, das machen sie gut. Aber das steht Innovationen entgegen. Innovationen brauchen Freiräume, brauchen den Mut zu Irrwegen, zu Fehlern – alles Dinge, die Organisationen ganz fürchterlich finden.


Aufhören, Krieg gegen die eigenen Talente zu führen.

Was ist die Konsequenz daraus?
Lotter: Jetzt ist es doch in den meisten Unternehmen so, dass am produktivsten gearbeitet werden kann, wenn die Chefs im Urlaub oder auf Dienstreisen sind. Das ist doch ein Alarmzeichen! Und dann klagen sie über den „War of talents“. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Unternehmen aufhören würden, einen Krieg gegen ihre eigenen Talente zu führen.

Was bedeutet das für den Führungsstil?
Lotter: Die Führungskräfte sind gefordert. Manager müssen Ermöglicher werden. Noch werden die Mitläufer belohnt, aber das ist kein Zukunftskonzept. Ich empfehle den Chefs, sich selber nicht so wichtig zu nehmen und die Mitarbeiter, die es können, einfach machen zu lassen. Das klingt doch gar nicht so kompliziert, oder?

Was wird die wichtigste Fähigkeit der Zukunft sein?
Lotter: Sich seine Überraschungsfähigkeit zu erhalten. Es zuzulassen, jeden Tag etwas Neues zu denken, etwas Neues zu tun, etwas Neues auszuprobieren – und nicht nach festen Mustern zu denken. Dafür muss es in Unternehmen Freiräume geben für Individualisten. Und es müssen einige Management-Mythen über Bord geworfen werden: Sich ins Team einfügen – für einen talentierten Menschen ist das eine Drohung.


Lösungen auswendig lernen ist der falsche Weg.

Unterstützt unser Bildungssystem das?
Lotter: Nein, wir brauchen eine neue Allgemeinbildung, die sich wieder mehr an den humanistischen Idealen orientiert, also dem Respekt vor dem Menschen. Die Schule muss vor allem Selbstständigkeit fördern, also die Fähigkeit, Probleme kreativ und selbständig zu lösen. Stattdessen geben wir in Schulbücher Lösungen vor, die dann nachgemacht oder auswendig gelernt werden müssen. Das ist der falsche Weg.

Klingt sehr nach Start-up-Kultur?
Lotter: Das ist ein Hype, der völlig überschätzt wird. Viele arbeiten da einfach mit dem Geld anderer Leute, das ist kein besonderes Vorbild. Und dahinter steckt ein völlig falscher Jugendkult. Erfahrung wird in Zukunft wieder an Bedeutung gewinnen. Der jugendliche Held, der einfach nur das Alte kaputtschlägt, ist schnell entzaubert. Die Unternehmen werden die älteren Mitarbeiter, die sie vorzeitig aussortiert haben, wieder zurückholen.

Ihr persönliches Fazit?
Lotter: Menschen haben hervorragende Ideen, man muss sie nur lassen. Die größte Innovation des 21. Jahrhunderts sind wir selber.


Vielen Dank für die inhaltliche Unterstützung an die SFG

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