"Sinkende Emissionszahlen können auch trügerisch sein"

Franz Prettenthaler, Direktor des LIFE-Instituts der Joanneum Research über die Herausforderungen für den Produktionsstandort Europa in Zeiten des Klimawandels.

Franz Prettenthaler, Direktor LIFE Institut Joanneum Research

Franz Prettenthaler, Direktor LIFE Institut Joanneum Research

trend: Gerade durch die Corona-Krise ist Europa als Produktionsstandort noch weiter in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt. Könnte der Schritt von Globalisierung zu regionaler Produktion eine Chance für Klimaneutralität bedeuten?
Franz Prettenthaler: Zunächst muss man ehrlich sein: Nur weil regional produziert wird, ist es noch lange nicht klimaneutral. Umgekehrt können auch sinkende Emissionszahlen aus der Produktion im Inland trügerisch sein: Denn wenn die Produktion ins Ausland verlegt wird, sinken die globalen Emissionen nicht notwendigerweise, daher bedarf es auch immer des Blicks auf die durch den Inlandskonsum ausgelösten Emissionen, egal, wo auf der Welt diese stattfinden. Bei all dem positiven Beitrag, den die Globalisierung für den Wohlstand auf der ganzen Welt geleistet hat, ist in der Corona-Krise auch der strategische Nachteil deutlich sichtbar geworden, wenn man die Kompetenz, Waren selbst zu produzieren, verliert. Ein positiver Nebeneffekt der Krise ist sicher, dass eine gewisse Freihandelsnaivität, was die strategischen Interessen Europas betrifft, schwindet. Außerdem wird durch den Finanzhunger für den europäischen Wiederaufbau jene Steuer, welche auf den Emissionsgehalt der Importe abzielt und auch im Green Deal vorgesehen ist (CBAM), wahrscheinlicher.

Wo sehen Sie die Risiken?
Ich sehe zwei: Wenn man diese Steuer nicht implementiert, ist "Carbon Leakage" das Risiko. So nennt man den Anstieg der Emissionen durch die Abwanderung der Produktion zum Beispiel aus Europa, weil es hier zwar einen Preis auf CO2 Emissionen gibt, im EU-Ausland aber nicht. Das ist kontraproduktiv für das Klima und damit für unser aller Sicherheit und Gesundheit. Das zweite Risiko besteht darin, dass man diese Steuer nicht gut genug mit den USA und China abstimmt, wobei vor allem auch Russland zu den Verlierern zählen würde und dadurch Gegenmaßnahmen provoziert würden. Eines ist klar: Der Weg in eine klimaneutrale, prosperierende Zukunft der Produktion führt nicht über die Abschottung, sehr wohl aber über bewusste, strategische Entscheidungen für den Standort Europa ohne selbst auferlegte Denkverbote. Bestimmte Binnenmarktregeln müssen überdacht werden, wenn sie uns Europäer selbst strategisch schwächen.

Was ist die wesentlichste noch unbeantwortete Frage hinsichtlich Produktion in Europa und Klimaneutralität, und was kann heimische Forschung zur Beantwortung beitragen?:
Es ist eine Frage, die zugleich Millionen unterschiedliche Antworten haben wird: Wie gelingt uns die komplette Dekarbonisierung der gesamten Wertschöpfungskette jedes einzelnen Produktes - von der Gewinnung der Rohstoffe über Herstellung, Nutzung bis zur Wiederverwertung? Bei Joanneum Research LIFE ist unsere Forschung mit unserem starken Schwerpunkt auf die Lebenszyklusanalyse als ständiger Feedback-Geber dafür gut aufgestellt. In strategischer Hinsicht ist sicher die ausreichende Energieversorgung der Industriezentren Europas mit erneuerbaren Energieträgern die zentrale Herausforderung, sowohl technologisch als auch wirtschaftlich. Wobei wir dabei auch die gesamtgesellschaftliche Energieeffizienz nie aus den Augen verlieren dürfen: Könnten wir doch längst mit der Abwärme der Industrie einen Großteil der Wohnungen heizen und kühlen. Eine Zuversicht kann die Forschung ebenfalls beisteuern: Wenn die Rahmenbedingungen endlich richtig gesetzt werden, ist der wirtschaftliche Innovationsprozess bestens in der Lage, diese effizienten Lösungen zu finden, dabei Wohlstand zu produzieren und nicht fehlgeleitet unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.


Zur Person

Franz Prettenthalerist seit 18 Jahren bei Joanneum Research tätig und seit 2016 Direktor von LIFE - Institut für Klima, Energie und Gesellschaft. Er studierte Volkswirtschaftslehre mit Umweltsystemwissenschaften, Philosophie und Finanzwissenschaft.


EFA2020

Am 28. August 2020 lädt LIFE, das Institut für Klima, Energie und Gesellschaft der Joanneum Research, beim Europäischen Forum Alpbach #EFA2020 zu einem Arbeitskreis, der Europa als Produktionsstandort in Zeiten des Klimawandels zum Thema hat. Mehr zum Europäischen Forum Alpbach finden Sie im trend-Thema EFA2020


Das Interview ist der trend-Ausgabe 33-34 vom 14. August 2020 entnommen.

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