Rudolf Taschner: Ein Lob des Glaubens - an die Zukunft

Rudolf Taschner: Ein Lob des Glaubens - an die Zukunft

Rudolf Taschner - Mathematiker und Bestsellerautor

Essay. Woher kommen Vertrauensverlust und grassierende Ängste? Ein Plädoyer für einen positiven Blick auf die nächste Jahre, Industrie 4.0 eingeschlossen.

Die Existenz des Menschen hat etwas Expansives. Erblickt der Mensch neue Ufer, will er dort landen, hört er von fremden Welten, will er sie erobern. Die Geschichte der Griechen beginnt damit, dass Aiolier, Achaier, Dorer und Ionier die Küsten des östlichen Mittelmeeres besiedelten. Die Geschichte Roms beginnt mit der Ausweitung der Macht des ursprünglich nur in einer kleinen Umgebung der Stadt Rom angesiedelten Bauernvölkchens auf das italienische Festland und danach über dieses hinaus.

Die Geschichte des Mittelalters beginnt mit der Völkerwanderung und dem Eindringen germanischer Stämme in das Weströmische Reich, die Geschichte der Neuzeit beginnt mit der Entdeckung Amerikas.

Die erste industrielle Revolution verlief parallel zur Erfindung der Lokomotive, der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents mit den Schienensträngen der Züge, der Durchmessung des asiatischen Kontinents mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Die zweite industrielle Revolution, jene der auf der Atomphysik fußenden Laserund Halbleitertechnik zusammen mit der Erfindung der elektronischen Rechner und dem Aufblühen der Informationsindustrie, wurde am 25. Mai 1961 vom amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy mit der berühmten Rede vor dem Kongress eingeleitet, den Mond noch innerhalb dieser Dekade erobern zu wollen: Die dafür nötigen technischen Maßnahmen bescherten uns die Ära des Computers.

Mit Inbrunst wollen wir an die Zukunft glauben. Weil wir über uns hinausstreben. Weil die Expansion unserem Wesen eigen ist. Weil wir stets Bedürfnisse haben.

Die gesamte moderne Wirtschaft lebt vom Umgestalten, Erhöhen, Anreichern, Kultivieren bereits vorhandener Bedürfnisse und vom Erfinden neuer, bisher ungeahnter Sehnsüchte. Dass Wirtschaft ständig wächst, liegt schlicht daran, dass der Mensch nie einen solchen Grad von Zufriedenheit erklimmt, ab dem er für immer saturiert und wunschlos glücklich ist. Dadurch, dies erkannte bereits hellsichtig Karl Marx, unterscheidet er sich vom Tier, dadurch treibt er die Wirtschaft voran: Das Tier weiß, wann es genug hat - der Mensch hingegen will ununterbrochen mehr, will immerfort anderes, von seiner Geburt bis zu seiner letzten Stunde.

Der Glaube an die Zukunft ist im Unterschied zu Glaubensweisen, die der privaten Sphäre des Einzelnen angehören, wie zum Beispiel der religiöse Glaube, ein Glaube, der weit in die Gesellschaft hinauswirkt und den Motor von Wirtschaft und Fortschritt bildet.

Bis in die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts hinein gab es keinen Zweifel daran, immerfort an die Zukunft glauben zu können. Dass man noch vor rund einem Jahrzehnt wie selbstverständlich Kredite aufnahm, von denen der Gläubiger wie auch der Schuldner überzeugt waren, man könne das Geld so erfolgreich investieren, dass die Kredite mit einem hohen Prozentsatz mit Zins und Zinseszins getilgt werden können, ist der schlagende Beweis für die Glaubensstärke fast aller an die Zukunft.

Der nun schon jahrelang währende Einbruch der Zinsen bis hin zum perversen Negativzins hingegen bezeugt, dass - jedenfalls hier in Europa - der Glaube an die Zukunft zu versiegen droht.

Vielleicht liegt es an einem Vertrauensverlust, einer grassierenden Angst. Sie wird von Leuten geschürt, die vermeintlich das Gute wollen: Sie behaupten, dass auf der nur endlich großen Erde ein Wecken scheinbar unstillbarer Bedürfnisse dem Planeten schade, dass es nicht ständig ein Wirtschaftswachstum geben dürfe. Sie stellen damit dem Fortschritt Barrieren entgegen. Sie pochen auf "Nachhaltigkeit" und "Sensibilität" - die Wundervokabeln, mit denen man jede politische Diskussion gewinnt. Sie pfeifen auf den rationalen Diskurs und barrikadieren sich erfolgreich hinter ihrer Politik der Gefühle.


Der Begriff Arbeit einem Wandel unterzogen werden. Aber abgeschafft wird sie dadurch sicher nicht.

Dabei könnte die sogenannte "Industrie 4.0" eine wahre Bedürfnislawine auslösen. Doch schon hört man die Stimmen der Besorgten: sie müsse verhindert werden, sie bedrohe Arbeitsplätze.

Tatsächlich wird das sogenannte "Internet der Dinge" Arbeitsbereiche, die heute noch Menschen abdecken, mit Algorithmen durchdringen: Es mag nicht mehr lange dauern, bis man Fabrikarbeit im ursprünglichen Sinn bald nicht mehr kennen wird.

Mobilität wird vollautomatisch. Auch eintönige Dienstleistungen, die heute noch Menschen erbringen, lassen sich allenfalls automatisieren. Tatsächlich könnte der Begriff Arbeit einem Wandel unterzogen werden. Aber abgeschafft wird sie dadurch sicher nicht. Die menschliche Phantasie ist schier grenzenlos, wenn es gilt, neue Arbeitsfelder zu erschließen oder beinahe in Vergessenheit geratene mit neuem Leben zu erfüllen - wenn zum Beispiel vom Aussterben bedrohte Handwerksberufe zu neuer Blüte gelangen, weil plötzlich das Bedürfnis nach den edlen, handwerklich erzeugten Produkten erwacht.

Denn Arbeit, von ihrem Wesen her betrachtet, ist nicht das, was statt eines Menschen prinzipiell auch eine Maschine zu leisten imstande ist. Arbeit, so wie wir sie im Kontext des Glaubens an die Zukunft verstehen, ist das, was jemand leistet, der für das Morgen sorgen will. Eine Maschine kann das nicht. Die Maschine kennt kein Morgen, weiß nichts von Zukunft. Nur ein Mensch erwartet die Zukunft und trägt für das Morgen Sorge.

Dass diese Sorge in den nächsten Jahrzehnten noch viel weniger als in der Vergangenheit mit Mühe und Plage verbunden sein wird, soll uns nur recht sein. Doch diese Sorge, nicht nur für einen selbst, sondern für die Gemeinschaft, in der man lebt, bleibt fest in der Conditio humana, in der Bedingung des Menschseins verankert. Das Verlangen, aus eigenem Antrieb bei der Gestaltung von Zukunft mitzuwirken, wie klein der eigene Beitrag auch sei, wird nicht einmal die "Industrie 4.0" den Menschen rauben können.

Der verrückteste Unfug jedoch, der dem Glauben an die Zukunft den Garaus machte, wurde kürzlich von Jørgen Randers und Graeme Maxton als Vertreter des Club of Rome vorgeschlagen: Sie plädieren für die Zahlung einer finanziellen Belohnung für Kinderlosigkeit. Schon in den 70er-Jahren hatte sich der Club of Rome mit total verfehlten Prognosen bis auf die Knochen blamiert, aber dieser Vorschlag schlägt dem Fass den Boden aus.

Als ob es nicht genügte, dass in unseren Breiten diejenigen das bequeme Dasein haben, die in der Lebensabschnittspartnerschaft als Doppelverdiener ohne Kinder für ihre Karriere sorgen, als Dinks (Dual Income No Kids) ihren finanziellen Spielraum genießen und danach auf das Recht ihrer hohen Pensionen pochen. Der einzige Trost, der den anderen bleibt, die es sich nicht so kommod einrichten, lautet: Am Ende bleibt den Dinks der Glaube an die Zukunft versagt.

Dieser Glaube ist nämlich der Grund, dass sich im Innersten ihres Herzens viele Menschen das Leben mit einem Kind, sogar mit mehreren Kindern wünschen. Es muss etwas geben, das wichtiger ist als das Bedürfnis nach dem maximalen Genuss hier und jetzt: Es ist der Wunsch, allein oder gemeinsam einen neuen Menschen ins Dasein zu bringen und mit ihm zusammen die Zukunft gestalten zu wollen, sie ihm am Ende der eigenen Tage zu überlassen.

Auch wenn damit die eigene Freiheit, die eigene Lust, das eigene Vergnügen, die eigene Lebensplanung beschnitten werden. Bindung an ein Du, als Zeichen des unbedingten und rückhaltlosen Glaubens an die Zukunft, verleiht der Seele über die Zukunft hinaus vielleicht sogar Anteil an der Ewigkeit.


Zur Person

RUDOLF TASCHNER ist Professor an der Technischen Universität Wien und Österreichs Mister Mathematik. Der Bestsellerautor versucht u. a. mit math.space Mathematik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Buchtipp

RUDOLF TASCHNER: WORAN GLAUBEN. "Zehn Angebote für aufgeklärte Menschen"
Brandstätter Verlag - 272 Seiten, € 24,90.

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