Neue Impulse für Wiener Medizinforschung

Neue Impulse für Wiener Medizinforschung

Forschung gegen die Geißel Krebs – Wien ist dabei ein international führender Standort.

Medizinische Forschung erhält in Wien neue Impulse: Die MedUni Wien und der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim errichten millionenteure Forschungsstätten, und Krebsforscher präsentieren neue Studienansätze.

Es heißt Rizin und wurde in früheren Geheimdienstkreisen gerne als verlässliche, schnell tötende Biowaffe eingesetzt. Das giftige Protein der Samenschalen des Wunderbaums aus der Familie der Wolfsmilchgewächse soll bald wissenschaftliche Erkenntnisse auch für die Krebsforschung bringen. „Wir haben uns gefragt, welche Anlaufstellen das Gift benutzt, um in die Zelle zu kommen, und wie es an den Ort in der Zelle gelangt, wo es lebenswichtige Prozesse verhindert, und wie sich eine Zelle davor schützen kann“, sagt Josef Penninger, Krebsforscher und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie IMBA, eines Grundlagenforschungsinstitut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien (ÖAW).

Penninger und sein Team versuchen, grundlegende Mechanismen von Krankheiten zu verstehen, um so eine Basis für die Behandlung und Prävention von komplexen Krankheiten wie Krebs, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder akutem Lungenversagen zu finden. Dabei sind den Wissenschaftlern keine Grenzen in ihren Ideen und Überlegungen gesetzt. Dem Rätsel, wie sich das Rizin-Gift im Körper seinen Weg bahnt, ist Penningers Team jedenfalls schon näher gekommen. Es geht um einen Zuckercode, mit dem Rizin in den Zellen andocken kann (siehe auch Interview mit Josef Penninger) .

An English version of the article is available in the trend special issue accompanying the Global Peter Drucker Forum 2017.
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Das IMBA wurde 1999 als gemeinsame Initiative von der Akademie der Wissenschaften und dem deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim gegründet und ist heute eine etablierte Forschungsstätte mit bester internationaler Vernetzung und Ergebnissen, die in der Medizinforschung Aufmerksamkeit erregen. Die wissenschaftliche und administrative Infrastruktur betreibt das IMBA gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Molekulare­Pathologie (IMP) in Wien, dessen Geldgeber und Alleingesellschafter Boehringer Ingelheim ist.

Seit 2000 ist das Boehringer Ingelheim Regional Center Vienna (RCV) das Zentrum für Krebsforschung im weltweiten Unternehmensverband. „Als Pharmaunternehmen in Familienbesitz können wir es uns leisten, Grundlagenforschung zu unterstützen, die möglicherweise erst langfristig zur Entwicklung neuer Medikamente führt“, sagt Christian Fechner, CFO von Boehringer Ingelheim RCV. So weitete der Konzern sein Engagement am IMP in Wien aus und investierte 50 Millionen Euro in den Bau eines neuen Institutsgebäudes. Dazu wurde am Firmengelände in Wien-Meidling ein weiterer Forschungsneubau um 19 Millionen Euro hochgezogen. Derzeit arbeiten dort 200 Wissenschaftler an den Grundlagen der Molekularbiologie (siehe Interview mit Philipp von Lattorff) .

Klinische Studien

Die Forschungsquote in der Pharmaindustrie ist im Vergleich aller Hochtechnologiebereiche mit rund 15 Prozent des Umsatzes am höchsten. „Aber Forschung in pharmazeutischen Unternehmen erfolgt nicht nur in eigens dafür eingerichteten Institutionen und Labors“, erklärt Ingo Raimon, General Manager des US-Pharmakonzerns AbbVie in Österreich, „der wesentliche Teil ­erfolgt durch klinische Forschung an und mit fachärztlichen Zentren.“ Das heißt, in den Kliniken und Ordinationen behandeln Ärzte ihre Patienten mit neuen Therapien der Pharmabranche im Rahmen einer angewandten Forschung. Die Kosten dafür tragen die Unternehmen. So hat AbbVie im Vorjahr 1,7 Millionen Euro für klinische Studien aufgewendet.

Der Pharmakonzern Pfizer Österreich unterstützt derzeit eine der weltgrößten Studien gegen Brustkrebs, unter anderem gemeinsam mit der Austrian Breast and Colorectal Study Group (ABCSG) unter Mitwirkung des Wiener Brustkrebs-Chirurgen Michael Gnant. 4.000 Patienten, davon 500 aus Österreich, sollen einbezogen werden. Die ABCSG leitet diese Studie in 23 Ländern weltweit von Wien aus. „Dass ein Partner aus Österreich für so eine wichtige Studie gewählt wurde, unterstreicht einmal mehr die hervorragende akademische Forschungslandschaft, die wir in Österreich haben“, sagt Robin Rumler, Geschäftsführer von Pfizer in Österreich. Um Erfolg auf dem schwierigen Gebiet der Arzneistoffentwicklung zu haben, ist globale Kooperation unerlässlich.

Laut Pharmig, der Interessenvertretung der heimischen Pharmaindustrie, sponserte die Branche im Vorjahr 448 klinische Studien, davon allein 186 in der Onkologie, also in der Krebsforschung. Insgesamt 5.644 Studienteilnehmer profitierten von neuen Therapien. 294 Millionen Euro investierten die Pharmaunternehmen 2015 in Forschung und Entwicklung, im Vergleich zu 2014 verdoppelten sich die Ausgaben.

Translationale Forschung

Wien ist gerade auf dem Weg, auf bahnbrechende Weise akademische Life-Science-Grundlagenforschung mithilfe einer translationalen Forschungsinitiative zu vernetzen. Dabei geht es um die MedUni Wien. „Hier arbeiten über 3.500 Forscher und Ärzte“, erzählt Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, „ihre wissenschaftliche Leistung kommt direkt den Patienten zugute, da die MedUni Wien Grundlagenforschung und klinische Anwendung eng miteinander verknüpft. Man nennt das translationale Medizin“ (siehe auch Interview mit Markus Müller) .

Dieser neue Ansatz soll die traditionelle Trennung zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung aufheben, um Reibungsverluste zu vermeiden und zu schnelleren Resultaten im Interesse der Patienten zu kommen.

Für diese Pläne erhält die MedUni Wien jetzt ein eigenes Forschungsgebäude für translationale Medizin und Präzisionsmedizin, denn Forschung ist abhängig von einer optimalen Infrastruktur. Dazu zählen vor allem auch riesige Datenbestände, die Grundlage jeder modernen Forschung sind.

Am Gelände der MedUni in Wien-Alsergrund wird ab 2020 ein neuer Forschungscampus mit einer Nutzfläche von 35.000 Quadratmetern entstehen. 744 Forscher werden hier ab 2025 arbeiten und aus ihren über mehrere Bezirke verstreuten Instituten in die neue Zentrale übersiedeln. „Aus dieser Bündelung der Kräfte“, so Müller, „werden sich mehrere Vorteile ergeben.“ Forscher können interdisziplinär auf kurzem Weg miteinander kommunizieren und gemeinsam neueste Hightech nutzen, etwa Massenspektrometrie, ein Verfahren zum Messen der Masse von Atomen und Molekülen, Rasterelektronenmikroskope, oder DNA-Zytometrie, eine Methode zur Frühdiagnose bösartiger Tumoren durch Messung des Gehalts an Erbsubstanz in ihren Zellen. Insgesamt investiert der Bund rund 340 Millionen Euro in den Forschungsstandort MedUni Wien.

Seltene Erkrankungen

Die Erforschung von seltenen Krankheiten – bisher kennt man rund 10.000 – erhielt mit der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms Auftrieb, denn meist stecken hinter rätselhaften Erkrankungen Gendefekte.

Das Wiener CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat unter Leitung von Kaan Boztug jetzt eine einzelne Genveränderung entdeckt, die bereits im Kindesalter zu schweren Darmbeschwerden führt.

Schuld ist eine Mutation, die zum vollständigen Verlust des Proteins CD55 führt und damit Darmentzündungen auslöst. Ein bereits zugelassener Wirkstoff konnte weltweit elf Patienten helfen, bei denen dieser Defekt bisher aufgetreten war.

Das Programm des Global Peter Drucker Forums 2017 (#GPDF17) zum Download


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