Krebsforscher Josef Penninger: "Durchbruch in der Behandlung"

Krebsforscher Josef Penninger: "Durchbruch in der Behandlung"

Josef Penninger. 53, Krebsforscher, Wissenschaftlicher Direktor IMBA in Wien

Krebsforscher Josef Penninger spricht im trend-Interview über Studien mit dem Pflanzengift Rizin, seltene Krankheiten und Forschungsrahmenbedingungen in Österreich.

trend: Weltweit wird intensiv nach wirksamen Krebstherapien gesucht. Viele Patienten fragen verzweifelt: Wann gibt es Ergebnisse?
Josef Penninger: Einen Durchbruch gibt es bereits mit den völlig neuen Ansätzen in der Krebs-Immuntherapie. Früher war ein metastasierendes Melanom tödlich. Jetzt überleben bis zu 40 Prozent der Patienten diese Erkrankung. Die Forschung in der Immuntherapie explodiert geradezu. Weltweit laufen derzeit 600 Studien dazu, weil man Erfolge sieht.

Diese Behandlungen haben aber bisher nur bei wenigen Krebsarten Ergebnisse gebracht.
Penninger: Darm, Lunge, Brust, alle diese Organe haben ihre eigenen, komplexen Immunsysteme. Wie sie funktionieren, muss man jetzt mühsam in Studien herausfinden. Bei manchen Krebsarten wie dem Hirntumor Glioblastom stehen wir erst am Anfang. Es ist aber schon als Fortschritt zu sehen, wenn manche Krebsarten nicht sofort töten, sondern zur chronischen Krankheit werden – und das passiert schon.

Was gehört derzeit zum dringendsten Forschungsansatz bei den Krebserkrankungen?
Penninger: Sicherlich die Metastasierung in den Griff zu kriegen, das ist ein Riesenthema. Man stirbt beispielsweise nicht an einem Tumor in der Brust, sondern an den Metastasen. Wir fragen uns: Warum schlafen Krebszellen und kommen nach Jahren wieder? Die Krebszelle muss da sein. Gibt es Nischen, wo sie sich vor dem Immunsystem verstecken kann? Niemand weiß, warum Krebszellen schlafen, um dann mit Wucht wieder zurückzukommen. Wenn nur eine einzige Krebszelle von Milliarden zurückbleibt, kann das für ein Rezidiv reichen.

Woran forschen Sie derzeit am IMBA?
Penninger: Wir haben jetzt einen Zuckercode entdeckt, im Zuge von Studien mit dem Kern einer Pflanze, die gut bekannt ist. Es handelt sich um Rizin. Ihr wässriger Auszug ist hochgiftig und sofort tödlich. Ein Gift und eine Biowaffe, die in Geheimdiensten gut bekannt ist. Wir fragen uns, wieso Rizin tödlich ist, was es mit den Körperzellen anstellt, wie es wirkt. Erste Studien ergeben, dass der Schlüssel im Zucker liegt. Wir identifizierten zwei Gene, die Rizin so tödlich machen, indem sie dem Gift Zugang zum Transportsystem der Zelle gewähren. Ein Blockieren der Proteine, zum Beispiel durch ein künstlich hergestelltes Molekül, bringt den Transport von Rizin in den Zellen durcheinander und es gelangt gar nicht an Orte, wo es Schaden anrichtet. Denn dafür braucht das Gift eine charakteristische Zuckersignatur, an die es anbinden kann. ­Viele Krankheiten, wie etwa Krebs, werden durch fehlerhafte Bildung ­dieser Zuckerstrukturen, man spricht von Glykosylierung, verursacht.

Ein vielversprechender Ansatz, der jetzt in der Fachzeitschrift „Cell ­Research“ veröffentlicht ist. IMBA forscht aber auch im Bereich seltener Krankheiten.
Penninger: Ja, bisher sind 10.000 seltene Erkrankungen bekannt, bei 4.000 kennen wir auch die defekten Gene, die dafür verantwortlich sind. Wir forschen gemeinsam mit der Med­Uni Wien über Kinder, die keine roten Blutkörperchen bilden können. Die Krankheit heißt Diamond-Blackfan-Anämie, DBA. Eine Stammzellentransplantation ist derzeit die einzige Therapieform, die zu einer Heilung führen kann. Wir wollen herausfinden, warum die Krankheit ausbricht.

Welche Arbeitsbedingungen wünschen sich Grundlagenforscher, mehr Geld?
Penninger: Geld ist wichtig.

Große Entdeckungen in der Geschichte entstanden meist durch Zufall. Geld spielte nicht die Hauptrolle.
Penninger: Ohne Hightech geht das heute nicht mehr. Man muss die passende Technologie haben, Mikroskope und Datenausstattung, all das kostet Geld. Aber wichtig für die Grundlagenforschung ist auch eine zentrale Vernetzung. Ich könnte mir in Österreich eine Vereinigung vorstellen, wie sie in Deutschland mit der Max-Planck-Gesellschaft funktioniert. Man müsste alle heimischen Forschungsstätten wie Christian Doppler Labors oder Ista, das Institut für Science und Technology Austria, oder andere Forschungsinstitute unter ein gemein­sames Dach holen. Das ist schnell umsetzbar, kostet nichts und brächte mehr Durchschlagskraft.


Zur Person

Josef Penninger , 53, Krebsforscher, ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

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