Fraunhofer-Präsident Neugebauer: „Wir werden nicht den Schalter umlegen“

Fraunhofer-Präsident Neugebauer: „Wir werden nicht den Schalter umlegen“

Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer Gesellschaft.

Professor Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer Gesellschaft, erzählt, wie sich das Fraunhofer über sieben Jahrzehnte halten konnte, warum Österreich jetzt in die Forschungskasse einzahlen sollte und Forscher keine zu vollmundigen Versprechen geben sollten.

trend: Fraunhofer feiert heuer 70 Jahre. In welchen Zyklen muss man sich als Forschungsinstitut neu erfinden, um so alt zu werden?
Reimund Neugebauer: Wir müssen uns als Fraunhofer nicht neu erfinden. Unser Prinzip hat sich über die ersten zehn bis zwanzig Jahre seit der Gründung herauskristallisiert und ist bis heute der Schlüssel für unseren Erfolg. Wir fördern die Entwicklung origineller Ideen, in dem wir mit einer Basisfinanzierung Raum geben für Grundlagenforschung. Die kreativen Erkenntnisse daraus werden gemeinsam mit der Wirtschaft in vorwettbewerbliche Projekte übertragen – in öffentlich mitfinanzierter Gemeinschaftsforschung. Die Früchte daraus werden in Form von IP-Generierung in Exklusivforschung mit einzelnen Unternehmen in Innovationen und konkrete Lösungen umgesetzt.

Anders gefragt, wie bleibt Fraunhofer vorn, wenn sich die beforschten Gebiete ändern?
Neugebauer: Natürlich ändern sich die aktuellen Themen im Laufe der Zeit. In den 70er Jahren war Fraunhofer maßgeblich bei der Einführung elektronischer Steuerungs- und Regeltechnik von Maschinen beteiligt. Als es in den 80ern Jahren um fraktale Fabriken ging, waren wird auch vorn dabei. Und vor wenigen Jahren haben wir die Initiative Industrie 4.0 gestartet.


Wenn wir erst dann reagieren würden, wenn die Wirtschaft Probleme hat, wären wir nur eine Reparaturwerkstatt.

Die Industrie gibt also die Themen vor?
Neugebauer: Nicht nur. Wir schauen durchaus auf die Industrie. Aber wenn wir uns nur von deren Bedarfen leiten lassen würden, wären wir nicht in der Lage, ihr Chancen für neue, zukünftige Märkte mit völlig neuen Produkten zu ermöglichen. Deshalb gibt es bei uns drei Treiber: Wir treiben selbst Grundlagenforschung. Wir vernetzen uns weltweit, und nutzen unseren Thinktank für weltweites Monitoring: Dieser hat kürzlich etwa festgestellt, dass Deutschland dabei ist, die Forschung bei Aquakulturen zu verschlafen. Und die dritte Frage ist: Was braucht der Markt im Moment? Wenn wir erst dann reagieren würden, wenn die Wirtschaft Probleme hat, wären wir nur eine Reparaturwerkstatt. Das machen wir auch. Aber wir wollen vor allem agieren und völlig neue Märkte und Lösungen gestalten.

Auf die E-Mobilität antwortet die deutsche Automobilindustrie aber spät: Stichwort Gigafactory. Es muss Sie als gelernten Automobilingenieur doch schmerzen, dass es Deutschland bislang nicht geschafft hat, Batterien für die E-Mobilität in großem Stil herzustellen?
Neugebauer: Es ist nicht so, dass wir das nicht können. Wir sind ja gerade dabei, hierfür eine erste große Forschungsfabrik aufzulegen. Der Punkt ist: Die deutsche Automobilindustrie baut die besten Verbrennungsmotoren der Welt. Und wenn sie so eine Führungsposition innehaben, sind sie schwer vom Sockel zu kippen. Jetzt kommt plötzlich die Elektromobilität mit völlig neuen Playern. Die Automobilindustrie tut zwar etwas, aber nicht mit der nötigen Stringenz, entsprechenden Mitteln und Menschen. Das hat man erkannt und ist dabei, etwas zu ändern. Schauen sie, was Vorstandschef Diess bei Volkswagen kürzlich entschieden hat: Dort will man demnächst die meisten E-Autos auf die Straße bringen. Und die Bundesregierung legt jetzt gerade mit hohen Investitionssummen den Grundstein für so eine Gigafabrik im Sektor Batteriezellforschung, gemeinsam mit Fraunhofer und Industriepartnern.


Ziel ist es natürlich, die Finanzierung von Deutschland aus zurückzufahren.

Ein Forschungsfeld ist zwar nicht neu, ufert aber mit der zunehmenden Vernetzung extrem aus: die Sicherheitstechnologien. Was macht Fraunhofer in diesem Wachstumsfeld?
Neugebauer: Wir haben einen Institutsverbund für Verteidigungs- und Sicherheitsforschung und kooperieren mit einer ganzen Reihe von öffentlichen Einrichtungen. Hier bieten wir von der Cybersicherheit über physische Sicherheit bis hin zur Sicherheit für ganze Infrastrukturen zukunftsfähige Lösungen an. Wir arbeiten mit der Bundesregierung (Anm. die deutsche) unter anderem an einem Zentrum für öffentliche Sicherheit: Das schließt die Drohnenabwehr bei öffentlichen Großveranstaltungen ebenso ein wie die Absicherung der Trinkwasserversorgung. Neben der klassischen IT-Sicherheit bieten neue Erkenntnisse und Projekte in der Quantentechnologie vielversprechende Möglichkeiten, Datenübertragungen umfänglich gegen Hacker-Angriffe zu schützen.


Den sprichwörtlichen Schalter umlegen werden wir nicht, weil ja auch viele hochmotivierte Menschen hier beschäftigt sind.

Bislang wird Fraunhofer Österreich vom deutschen Steuerzahler basisfinanziert. Die österreichische Regierung soll 1,5 bis 2 Millionen Euro jährlich in die "Haushaltskasse" Forschung einzahlen. Was passiert, wenn das nicht passiert?
Neugebauer: Dann werden wir uns anschauen, wie das aktuelle Modell weiterbestehen und weiterentwickelt werden kann. Ziel ist es natürlich, die Finanzierung von Deutschland aus zurückzufahren. Den sprichwörtlichen Schalter umlegen werden wir nicht, weil ja auch viele hochmotivierte Menschen hier beschäftigt sind. Ich zweifle aber nicht daran, dass die verantwortungsbewusst agierende österreichische Bundesregierung den Vorteil erkennt, den deutlichen Fraunhofer-Impact für Land und Wirtschaft erkennt.


Wir haben neben Audio- auch Videokompressionslösungen geliefert, ohne die Portale wie YouTube nicht möglich wären. Das ist weniger bekannt.

Viele Menschen kennen Fraunhofer nur wegen MP3. Fraunhofer beforscht heute Augenprothesen, fettfreie Wurst oder Brennstoffzellen in Daumengröße. Ist da was ähnlich Disruptives in der Pipeline?
Neugebauer: Die fettfreie Wurst sollten sie jedenfalls probieren (lacht) . Wir haben neben Audio- auch Videokompressionslösungen geliefert, ohne die Portale wie YouTube nicht möglich wären. Das ist weniger bekannt. Wir haben weiße LEDs entwickelt und drucken inzwischen ganze Produktbestandteile. Wir stehen vor großen Durchbrüchen in der Gentechnologie für die Pharmaindustrie, mit denen man Volkskrankheiten besser in den Griff bekommt, bei programmierbaren Materialien, der biologischen Transformation in der Wirtschaft und dem industrienahen Einsatz kognitiver Systeme. Ich könnte noch vieles aufzählen.

Geben sie uns ein Beispiel ...
Neugebauer: Der Kampf gegen Tumorerkrankungen etwa. Wir erzeugen heute Gewebe und testen daran Medikamente, ohne Tierversuche. Wir entwickeln auch Hautersatz. Und völlig neue Sensoren für Maschinen, die riechen und schmecken können.

Forschung darf nicht mehr versprechen als sie halten kann, ist einer Ihrer Leitsätze. Ist der Druck zur Mitteleinwerbung zu hoch? Wird der Forscherehrgeiz vom medialen Druck getrieben?
Neugebauer: Die Forschung lebt – ob in einer Universität, bei Fraunhofer, Max Planck oder MIT – in höchstem Maße von öffentlichem Geld, von Steuermitteln. Das setzt voraus, dass die Bevölkerung das akzeptiert. Die Parlamentarier als Vertreter des Volkes müssen den Einsatz dieser Budgets ja sorgfältig abwägen zwischen den Ressorts. Und wenn ein einzelner Forscher, um Medienaufmerksamkeit zu erreichen, sagt, er habe bei CRISPR zwei Stege mehr durchtrennt bei der Doppelhelix und gleich das Ende von Krankheiten wie Krebs verkündet – nur um es zwei Jahre später wieder zu relativieren –, ist das unehrlich. Gebrochenes Vertrauen schränkt die Zustimmung für Forschung ein – und das ist eine Negativspirale. Unehrlichkeit bricht Vertrauen, und ohne Vertrauen fehlt die notwendige Akzeptanz für die Forschung. Dann lieber ehrlich versprechen, dass wir „nur“ zwei Stufen weiterkommen, und zunächst vielleicht noch nicht in die nächste Etage.


Zur Person

Reimund Neugebauer , 65, leitete nach dem Maschinenbaustudium ab 1990 das Institut für Werkzeugmaschinen an der TU Dresden, übernahm 1991 das neu gegründete Fraunhofer Institut in Chemnitz. Seit dem Jahr 2000 führte er zudem als Direktor die Geschäfte des Instituts für Werkzeugmaschinen und Produktionsprozesse IWP an der TU Chemnitz. 2012 wurde er Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft.




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