Evo Morales baut ein Atomprojekt für 300 Millionen Dollar

Evo Morales baut ein Atomprojekt für 300 Millionen Dollar

Es soll das größte Nuklearzentrum des Kontinents werden. Ausgerechnet das lange als "Armenhaus Südamerikas" bezeichnete Bolivien legt am Sonntag den Grundstein für ein teures Nuklearprogramm - nicht alle sind begeistert. Aber für Forscher Silverio Chavez erfüllt sich ein Traum.

An der Wand aus Lehmziegeln steht: "Ein geschnappter Dieb wird bei lebendigem Leib verbrannt." Hier oben in der Hochebene Boliviens scheint Lynchjustiz weit verbreitet, es mutet archaisch an. Der Jeep ruckelt über vom Regen aufgeweichte Pisten, vorbei an sehr ärmlichen Häusern. "Hier ist es", sagt Wilma Alanoca schließlich.

Ein rund 15 Hektar großes Gelände mit der Ruine einer früheren Nagelfabrik. In diesem Außenbezirk der Stadt El Alto soll nun der atomare Fortschritt einkehren. Alanoca ist in El Alto Stadträtin für die "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) von Präsident Evo Morales, der gerade das Referendum für eine mögliche Amtszeit bis 2025 verloren hat. So endet diese Anfang 2020.

Russische Rosatom baut für Morales

Bis dahin soll in der 4.000 Meter hohen Ebene des Altiplano etwas entstehen, das den früheren Kokabauer, unter dessen Ägide die Armut verringert und das Wachstum gesteigert wurde, noch mehr in die Geschichtsbücher bringen soll: Das nach Regierungsangaben größte Nukleare Forschungszentrum Südamerikas.

An diesem Sonntag wird Morales den Grundstein legen, der russische Rosatom-Konzern soll das 300 Millionen Dollar (275,20 Mio. Euro) teure Projekt in den nächsten drei Jahren bauen. Alanoca ist gerade mal 28. Und stolz auf das Projekt. "Wir wollen wissenschaftliche Unabhängigkeit", sagt sie.

Doch zunächst müssen die Fabrikruinen abgerissen werden. Im Modell sieht es wie eine Traumwelt aus: Häuser, Swimmingpool und Tennisplatz für die Wissenschafter, ein futuristisches Areal. Doch es gibt hier noch nicht einmal asphaltierte Straßen. Nur viele herumstreunende Hunde. Das Projekt besteht aus drei Teilen.

Erstens: Die Bestrahlung von Lebensmitteln, damit sie länger haltbar sind, was Produktivität und Gewinnmargen des Agrarsektors erhöhen soll. Die Verwendung nicht-radioaktiver Gammastrahlung zur Konservierung von Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch ist gerade für den Export weitverbreitet, um Insekten und andere Schädlinge abzutöten und Produkte frisch zu halten.

Zweitens ist ein atomarer Forschungsreaktor geplant - der spätere Bau eines Atomkraftwerks ist nicht ausgeschlossen. In Südamerika betreiben bisher nur Argentinien und Brasilien Reaktoren.

Drittens sollen zur Krebsbehandlung radiopharmazeutische Behandlungsmethoden erforscht werden und später dann in den Kliniken des Landes zum Einsatz kommen. "Wir wollen nicht weiter abhängig sein von den großen internationalen Pharmakonzernen", meint Alanoca. Sie betont wie Präsident Morales: "Es gibt keinerlei Gefahr für Umwelt und Menschen durch radioaktive Strahlung."

Austand der Golfspieler

Das Zentrum sollte erst nahe einem Golfplatz im Süden von La Paz gebaut werden. Aber die dort lebende, besser situierte Oberschicht rebellierte, so dass die Anlage nun in El Alto, der Heimat der Indigenas, gebaut wird.

Alanoca spricht von einem großen Sprung nach vorne, um die erst vor 31 Jahren gegründete, mit 860.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes, weiter zu modernisieren. So gibt es hier schon eine riesige Satellitenanlage, benannt nach dem indigenen Rebellen Tupac Katari, und die staatliche Computer-Fabrik Quipus.

Schulen statt Strahlung

Doch ein Straßenverkäufer in El Alto wettert: "Die sollen lieber vernünftige Schulen und Spitäler bauen." Und der 45 Jahre alte Milton Adubiri meint: "Sie sagen, es gibt eine Gefahr für die Umwelt, aber wir wissen nichts darüber, sie informieren uns nicht."

Ein Befürworter ist der direkt am geplanten Projekt wohnende Armando Mogro, der seine Schubkarre an einer Mauer entlang schiebt, auf der wieder ein Lynchspruch steht, gegenüber baumelt eine Puppe an einer Laterne. "Das ist für eine bessere Qualität der Lebensmittel wichtig, das Projekt macht mich stolz und kann die Gegend hier urbanisieren."

"Ich dachte schon, meine Bücher kann man wegwerfen"

Fahrt runter zum Regierungssitz nach La Paz, im Energieministerium sind dieser Tage russische Übersetzerinnen anzutreffen. Und hier sitzt Doktor Silverio Chavez Rios. Er war schon vor 41 Jahren bei der Gründung der Kommission zur Entwicklung der Atomenergie dabei.

Doch der Wissenschaftler forschte lange Zeit mit ein paar Kollegen vor sich hin. "Ich dachte schon, meine Bücher kann man wegwerfen", meint der Direktor des Instituts für Nukleartechnik. Er glaubt, dass Morales durch seine Nähe zu China, dem Iran und Russland zum Atomfreund geworden sei. Natürlich ist der 75-Jährige bei der Grundsteinlegung dabei. "Das ist so etwas wie die Vollendung meines Lebenswerks", Chavez Rios.

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