Biohacking: Wie Menschen zu Cyborgs werden

Biohacking: Wie Menschen zu Cyborgs werden

Der kleine Chip (links) wird Menschen in die Hand eingepflanzt. Das Nachfolgemodell (rechts) soll sich besser an den Körper des Trägers anpassen.

Durch ein Implantat unter der Haut können Menschen mit ihrer bloßen Hand Schlösser öffnen oder beim Einkauf bezahlen. Ein Unternehmen aus den USA hat sich zum Ziel gesetzt, immer mehr Menschen zu sogenannten "Cyborgs" zu machen.

Langsam fährt die Nadel in die Hand des jungen Mannes. Amal Graaftsa injiziert vorsichtig den Chip, der in etwa so dünn ist wie eine Bleistiftmine, unter die Haut seinen Kunden, zieht die Spritze wieder heraus und tupft das Blut ab. Über die nächsten Tage muss der Kunde die Hand ruhig halten, bis die Wunde verheilt – danach sollte er das Implantat nicht mehr spüren, das in seinen Körper eingepflanzt wurde.

Graaftsa injiziert den Chip in die Hand eines Kunden. Manche "Cyborgs" bluten mehr, andere weniger.

Graaftsa ist Gründer des Unternehmens Dangerous Things und ein sogenannter „Biohacker“: Ein Mensch, der den Körper als ein Vehikel für Technologie sieht. Bei den Implantaten handelt es sich um Chips mit RFID- und NFC-Technologie – also das gleiche System, mit dem zum Beispiel Kunden an der Supermarktkassa durch das bloße Auflegen ihrer Bankomatkarte bezahlen. Mit einer kostenlosen App kann der Chip programmiert und anschließend für verschiedene Funktionen verwendet werden.

Die Hand als Türöffner

Graaftsa selbst hat sein Implantat seit 2005. Er suchte damals nach einer Alternative für seinen Haustürschlüssel, weil er diesen nicht mit sich herum tragen wollte – die Lösung auf sein Problem war der implantierte NFC-Chip, mit dem er sein smartes Türschloss durch das Anhalten seiner Hand öffnen kann. Kurz darauf entwickelte er die Technologien, um auch seinen PC, seinen Safe und sein Auto durch das bloße Handanhalten zu öffnen.

Inzwischen gibt es weitere Abwendungsszenarien, die auf Graaftsas Körper-Hacking aufbauen. Das Unternehmen BioPay kombiniert die Technologie etwa mit der digitalen Währung Bitcoin, so dass der Kunde beim Einkaufen mit seinem Körper bezahlen kann. Die skandinavische Airline SAS ließ in einem Versuch bereits einen Passagier ein Flugzeug boarden, der das Ticket auf seiner Hand gespeichert hatte. Patrick Kramer, der als Geschäftsführer des deutschen Unternehmens Digiwell die Implantate in Europa verkauft, hat auf dem Chip seine Visitenkarte gespeichert: Will er auf einer Konferenz seine Kontaktdaten weitergeben, so muss der Gesprächspartner nur noch sein NFC-fähiges Smartphone an Kramers Hand halten.

Rund 50.000 Implantierte weltweit

Normalerweise sind es professionelle Piercing- und Tattoo-Studios, die das Implantat in den Körper injizieren. Auf der IT-Messe CeBIT haben Graaftsa und Kramer auf ihrem Stand jedoch eine „Happy Hour“ ausgerufen, während der Mutige ihren Körper zum Sonderpreis pimpen können: Sie zahlen lediglich 50 Euro für den Chip, das Einspritzen macht Graaftsa zum Nulltarif. Das Interesse ist groß, die Leute stehen Schlange – in erster Linie junge Männer. „Gratuliere, Sie sind nun ein Cyborg“, sagt Graaftsa zu jedem, der mit einem Pflaster auf der Hand seinen Stand verlässt.

Patrick Kramer hat seine Visitenkarte in seiner Hand eingespeichert. Per Smartphone kann er sie abrufen.

„Jugendliche sind total begeistert davon, bis zum Alter von 39 Jahren sind die Menschen spezifisch an den Funktionen interessiert, Ältere sind skeptisch“, sagt Kramer in Bezug auf die Zielgruppe. Allerdings sei die Lösung nicht nur für Nerds interessant – sondern auch etwa für Anwälte und Ärzte, die damit ohne Schlüssel die Türen zu ihren Praxen und Kanzleien öffnen können. Weltweit, so die grobe Schätzung, könnte es bereits rund 50.000 „Cyborgs“ geben.

Kommt die Sprache auf Themen wie Gesundheit oder Sicherheit, so winken die Unternehmer ab: Um den Chip auszulesen und sensible Daten zu stehlen, müsste ein Krimineller das Lesegerät direkt an die Hand des Implantierten halten – das gehe nicht, ohne dass dieser es bemerkt. Will der Träger sein Implantat loswerden, so kann es nach einem kleinen Schnitt in die Haut wieder entfernt werden. Amal habe sein Implantat nun seit elf Jahren und habe keine körperlichen Beschwerden dadurch, heißt es. Überhaupt, so Kramer, implantiere man weder Minderjährige noch Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden.

Zukunftsmusik

Geht es um Zukunftsvisionen, dann spricht Kramer gerne vom „Internet of Us“ – einer Welt aus Menschen, die über die Implantate in ihren Körpern miteinander vernetzt sind. Rein technisch wären heute schon smarte Hirnimplantate möglich, auf rechtlicher Ebene steckt die Cyborg-Revolution aber noch in der Warteschleife: Kramer musste vier Monate warten, bis die Behörden in Europa grünes Licht für den Verkauf der NFC-Implantate gaben. Schwer zu sagen ist laut Kramer auch, wann Cyborgs ein Massenphänomen werden: Schon in 10-20 Jahren könnte Biohacking zum Alltag gehören, es könnte aber auch noch 50 Jahre dauern.

Schriftsteller Alexander Krützfeldt: "Implantate sind die Tattoos der Neuzeit.

Vorsichtig in Bezug auf utopische Träumereien ist in dieser Hinsicht auch Alexander Krützfeldt, der sich als Autor des Buchs „Wir sind Cyborgs“ intensiv mit dem Thema beschäftigt hat: Das Smartphone, so Krützfeldt, habe seinen Siegeszug erlebt, weil es mehrere nützliche Funktionen erfüllt – das NFC-Implantat hingegen verfügt noch über sehr beschränkte Einsatzmöglichkeiten, wie etwa das Öffnen einer Haustür. Durchsetzen werde sich Biohacking nur, wenn es dem Kunden mehr Nutzen biete. „Derzeit ist das Implantat so etwas wie das Tattoo der Neuzeit“, sagt er schmunzelnd: „Für Leute, die verwegen als Cyborgs auftreten wollen.“

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