Wolfgang Müller: „Innovation durch Kooperation“

Wolfgang Müller: „Innovation durch Kooperation“

Wolfgang Müller, Vizemagistratsdirektor in Wien.

Der Wiener Vizemagistratsdirektor Wolfgang Müller über Kooperation mit Stadtbürgern als Innovationstreiber.

trend: Herr Müller: Wie innovativ sollte die Verwaltung einer Stadt sein, um Innovationen in der Stadt voranzutreiben? Reicht es, einen guten Nährboden aufzubereiten, oder sollte etwa die Stadt Wien selbst mit innovativen Beispielen vorangehen?
Wolfgang Müller: Sowohl als auch. Nicht umsonst trägt das heurige, neunte Global Peter Drucker Forum den Titel „Growth and Inclusive Prosperity“. Das ist auch der Kern des Smart-City-Programms der Stadt Wien. Denn es geht uns nicht nur um Technologie, sondern auch darum, dass alle Stadtbürger daran teilhaben können. Die Beschäftigung mit Technologie ist nur eine der drei Ebenen, auf denen eine innovative Smart-City agieren sollte. Auf der zweiten Ebene sollten gemeinsam mit der Wirtschaft konkrete Anwendungen entwickelt werden. Und die dritte Ebene besteht darin, selbst Nutzer dieser Innovationen zu werden. Auf diesen drei Ebenen ist die Stadt Wien unterwegs, um in eine neue Dimension des Service vorzustoßen.

Ein ziemlicher Paradigmenwechsel, angesichts der bisher doch sehr zentral gesteuerten Administration der Stadt Wien.
Müller: n der Tat. Bisher war die Verwaltung hierarchisch, von oben herab. Die neue Entwicklung setzt auf Kooperation und erfolgt auf Augenhöhe. Bisher hatten es die Bürger mit einer komplexen, fein ziselierten Organisation zu tun. Jetzt wollen wir einfach und beschleunigt zu Lösungen kommen. Bisher war vorherige Kontrolle das Ziel. Nun drehen wir das um und prüfen nur noch stichprobenartig.

Wo zum Beispiel?
Müller: Etwa bei der Parkkarte für Unternehmer. Viele Betriebe haben für diese bislang sehr viele Unterlagen vorlegen müssen. Nun reicht für eine Parkkarte eine Pauschalerklärung, und wir prüfen nur noch fallweise, aber systematisch. Das steht für Kooperation, ­Beschleunigung und Vereinfachung.

Ist das wirklich schon eine Innovation?
Müller: Es ist auf jeden Fall eine bürokratische Vereinfachung und Beschleunigung, die aus diesen Zielsetzungen unserer digitalen Agenda hervorgegangen ist. Schon die Entwicklung dieser neuen IT-Strategie ab 2014 ist nicht im stillen Kämmerlein passiert, sondern war ein ­offener, gemischter digitaler Online/Offline-Prozess, bei dem jeder mitmachen konnte. Es hat sich herausgestellt, dass die Bürgern zuallererst die kleinen Unzulänglichkeiten in der Stadt stören – etwa Verunreinigungen, ausgefallene Straßenlampen oder kaputte Kanaldeckel . Daraus haben wir dann gemeinsam die ­Bürger-App Sag’s Wien entwickelt.

Die was kann?
Müller: Ganz einfach. Sie ­laden über die App ein Foto davon, was Ihnen nicht passt, hoch. Und in kürzester Zeit bekommen Sie eine Rückmeldung, dass wir das Problem a) in Arbeit genommen und b) erledigt haben. Seit Einführung der App Sag’s Wien im Februar 2017 haben wir bereits rund 20.000 Downloads und zirka 10.000 Probleme beseitigt oder Anliegen erledigt, im Durchschnitt etwa 50 am Tag. Und zwar nicht nur Dinge, die ohnehin auf ­unserer Liste gestanden wären.

Welche weiteren Punkte stehen auf der digitalen Agenda Wien?
Müller: Ganz entscheidend ist für uns die Frage, wie wir mit dem öffentlichen Raum umgehen. Es gibt unzählige Nutzungen des öffentlichen Raums, für die es auch Genehmigungen braucht – vom Schanigarten über Werbetafeln bis zu Baustellen. Bisher wurden solche Genehmigungen in einem sehr komplizierten Prozess erteilt. Aber in Zukunft wollen wir einfachere Lösungen in einem One-Stop-Shop online anbieten.

Schön und gut, aber was heißt das hinsichtlich Innovation?
Müller: Dass wir uns gerade einen detaillierten Überblick über den gesamten öffentlichen Raum in Wien – immerhin etwa 41 Quadratkilometer –verschaffen. Deswegen erfassen wir nun alle 6.842 Wiener Straßen oder etwa 2.800 Kilometer fotografisch.

Wieso nehmen Sie nicht einfach die neuen Google-Bilder?
Müller: Das haben wir zwar diskutiert, aber die Google-Aufnahmen sind nicht detailliert genug. Daher fahren seit September 2017 drei Autos von uns durch die Stadt und nehmen alle drei Meter Detailfotos auf – von Häusern, Ein- und Auffahrten, Straßenmarkierungen, Verkehrsschildern, Hindernissen oder Freiflächen. Außerdem legen wir sehr viel Wert auf strengen Personen-Datenschutz. Im nächsten Schritt werden wir prüfen, was bereits mit welchen Auflagen genehmigt ist. Und dann wird man bei Vorhaben im öffentlichen Raum nicht mehr zu vielen verschiedenen Magistratsabteilungen pilgern müssen, die jeweils ihre Kommission zur Überprüfung vor Ort schicken, sondern sich seine Genehmigung an einer Stelle online einholen können.

Was genau soll das bringen?
Müller: Sobald wir den öffentlichen Raum fotografisch digital erfasst haben, können wir die Projekte ja viel leichter überprüfen und müssen wir nur noch maximal einen Experten vor Ort schicken. All dies soll durch einen digitalen Assistenten, eine Art Wien-Bot, unterstützt werden. Am Ende haben wir eine umfassende Dokumentation des öffentlichen Raums, einen One-Stop-Projekt-Shop und eine Halbierung der Genehmigungszeiten. Das nenne ich städtische Innovation. Das hat es überhaupt noch nie in einer Stadt gegeben.

Sehen Sie bereits positive Auswirkungen von solchen und anderen Innovationen wie etwa dem geplanten Einsatz von künstlicher Intelligenz in den Krankenhäusern der Stadt auf den Wirtschaftsstandort Wien?
Müller: Das glauben wir jedenfalls. Das Projekt Digital City Wien ist ja gemeinsam mit der Wiener IT-Wirtschaft entstanden, die in etwa ähnlich viele Beschäftigte wie die Tourismusbetriebe in Wien hat, aber viel weniger wahrgenommen wird. Daraus sind Veranstaltungen wie die Digital Days in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien entstanden. Das ist nur eine von vielen Initiativen, bei denen wir mit den Bürgern der Stadt, zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Wirtschaft im engen Austausch stehen, um gemeinsam Projekte voranzutreiben oder auch nur, um regelmäßig aktuelle Informationen auszutauschen und einzubeziehen.

Aber gerade für Start-up-Unternehmen, die ja besonders zukunftsorientiert gelten, scheint Wien nicht der begehrteste Standort in Europa zu sein?
Müller: Deswegen muss die öffentliche Hand, die Stadt, noch mehr zum wesentlichen Treiber für diese Standortattraktivität sein. Wir wollen durch die offene Interaktion zwischen dem Bürger, dem Start-up und der Industrie diese Weiterentwicklung in den Köpfen vorantreiben. Deshalb hat die Wirtschaftsagentur Wien auch das Co-Creation-Lab ins Leben gerufen, wo Lösungen für bestimmte Anliegen seitens der Industrie oder Verwaltung in einem offenen Prozess entwickelt werden. Für Smart Cities wie Wien kann es nur eine Zukunft geben: Öffnung und Kooperation, auch wenn anfangs nicht ganz klar ist, was am Ende herauskommt. Jede Stadt, die mit einem fertigen Konzept wachelt, praktiziert keine Partizipation.


Zur Person

Wolfgang Müller , 52, ist stellvertretender Magistratsdirektor der Stadt Wien und wesentlich für Entwicklung und Management der Digitalen Agenda Wien verantwortlich.


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