Warum Chefs an der Digitalisierung zweifeln

Warum Chefs an der Digitalisierung zweifeln

Gastkommentar von Christoph Weber, Horváth & Partners Wien, über die Selbstzweifel von Managern zur Digitalisierung von Unternehmen, Digitalisierungsdruck und den Nutzen fürs eigene Unternehmen.

Zum Thema Digitalisierung ist aus Beratersicht eigentlich schon alles gesagt. Trotzdem ist es augenfällig, wie wenig Selbstzweifel es im Top-Management gibt, wenn es um die digitalen Kompetenzen geht. Nun kommt auch noch die Unsicherheit hinzu, ob der weitere digitale Fortschritt dem eigenen Unternehmen überhaupt nützt.

Ein Detailergebnis der jüngsten „Digital Value“-Studie von Horváth & Partners macht selbst den geeichten Managementberater stutzig. Führungskräfte jenseits der Digital Natives Generation hegen wenig Zweifel an ihrer eigenen Digitalkompetenz. Neun von zehn Chefs sehen sich gut aufgestellt. Besonders optimistisch bewertet sich die höchste Führungsebene, während im mittleren Management noch eher Skepsis an der Digitalkompetenz der Unternehmensleitung gehegt wird.

Nun kann man die Frage stellen, warum sich gerade Spitzenmanager so positiv einschätzen oder umgekehrt, warum sie glauben, die Transformation ganz gut zu bewältigen. Auch diese Frage beantwortet die Studie. Drei von vier Führungskräften betrachten die Digitalisierung als Segen für Unternehmen. 84 Prozent sagen, dass sie die Wertschöpfung gesteigert habe. Doch das dicke Ende folgt: In zwei von drei Fällen herrscht Unsicherheit darüber, ob weiterer digitaler Fortschritt sinnvoll ist.

Management vorschnell zufrieden

Vereinfacht gesagt lässt die Studie den Schluss zu, dass sich Topmanager mit dem Stand der Digitalisierung in ihrem eigenen Unternehmen vorschnell zufrieden geben. Bestärkt durch erste sichtbare Erfolge sind sie der Einschätzung zugeneigt, alles im Griff zu haben, ohne sich jedoch tiefergehend mit den zukünftigen Chancen und Auswirkungen zu befassen. Doch der Schein trügt, in den meisten Unternehmen steckt die digitale Transformation noch in den Kinderschuhen, nur ansatzweise wurden Potenziale bisher gehoben.

Das sehen dieselben Manager auch für die Gesamtwirtschaft: Eine Mehrheit rechnet mit weiteren erheblichen Umwälzungen: 82 Prozent stellen sich darauf ein, dass klassische Geschäftsfelder wegbrechen, 84 Prozent erwarten weitere Marktkonsolidierungen und 76 Prozent disruptive Veränderungen bis hin zu Firmeninsolvenzen. Dass die Digitalisierung fundamentale Veränderungen aller Unternehmensbereiche erzwingt, ist inzwischen Konsens, nur beim eigenen Unternehmen offenbar nicht.

Digitalisierungsdruck bleibt hoch

Das passt zum Gesamtbild: Viele Manager fühlen sich den technologischen Entwicklungen ausgeliefert. Zwei von drei Entscheidern sehen sich gezwungen, Veränderungen umzusetzen, von denen das eigene Unternehmen gar nicht profitiert. Drei von vier Managern wollen deshalb lieber abwarten, bis Technologien und Prozesse reif und markterprobt sind, bevor sie diese selbst einsetzen. Die größten Vorbehalte bestehen dabei im Automobilsektor, in der Logistik-, Transport und Reisebranche.

Die Skepsis scheint verständlich, ist aber nicht immer hilfreich. Denn wer den Wandel aktiv gestaltet und die Digitalisierung als Chance begreift, braucht dem Wettbewerb nicht mehr hinterherzulaufen. Die positiven Effekte für die Wertschöpfung heben besonders Vertreter der Industriegüter- und Hightech- sowie der Finanzbranche hervor: Neun von zehn Managern dieser Sektoren sehen die Wertschöpfung in ihrem Unternehmen dank der Digitalisierung gesteigert.

Zielvereinbarungen als Wegweiser

Und so sieht die Praxis aus, soll die digitale Transformation geschärft und beschleunigt werden: Wichtig sind klare Zielvorgaben, definierte Innovationsprozesse und eine gut integrierte Unternehmensentwicklung. Veränderungen gilt es per Change Management zu begleiten, Führungskräfte müssen intensiv in den Wandel eingebunden werden. Um dafür Anreize zu schaffen, gibt es bereits gut erprobte Zielvereinbarungen, die mit Digitalisierungsfortschritten verknüpft sind. Bei Telekommunikations- und Medienunternehmen haben sich solche Zielvereinbarungen als ziemlich erfolgreiches Instrument herausgestellt, um technische wie kulturelle Herausforderungen zu bewältigen.

Fazit: Die Digitalisierung wird von Führungskräften nach wie vor recht zwiespältig gesehen. Alle sind sich einig, dass an ihr kein Weg vorbei führt, aber niemand will sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Trotz überraschend geringer Selbstzweifel in punkto Digitalkompetenz ist die Risikofreude für neue Geschäftsansätze wenig ausgeprägt. Hinzu kommen berechtigte Zweifel an der Sinnhaftigkeit so mancher Digitalisierungsvorhaben. Zielvereinbarungen mit Führungskräften und Mitarbeitern eignen sich jedenfalls dafür, die gesamte Belegschaft mit auf die Reise in die digitalisierte Zukunft zu nehmen.

Für die Studie "Digital Value 2019: Von digitalen Einzelprojekten zur ganzheitlichen Transformation" hat Horváth & Partners rund 300 Entscheider aus Unternehmen ab 500 Mitarbeitern oder mit einem Jahresumsatz von mindestens 250 Millionen Euro befragt. => LINK


Der Autor

Christoph Weber ist Head of Organization & Operations bei Horváth & Partners Österreich. Er berät große Unternehmen in der Fertigungs- und Bauindustrie. E-Mail: cweber <AT> horvath-partners.com


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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