Vor dem elektronischen Klassenzimmer

Am Mittwoch, den 18. März wurden die letzten Schulen Österreichs geschlossen. Vorerst bis zum Ende der Osterferien am 14. April. In vielen Fällen bedeutet das improvisieren oder gar das eine Lernpause, denn das elektronische Klassenzimmer ist in Österreich noch nicht wirklich angekommen.

Thema: Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft
Vor dem elektronischen Klassenzimmer

Von Null auf Hundert: Österreichs Bildungssystem soll in der Corona-Krise plötzlich digital funktionieren - und zeigt dabei Schwächen.

Vier Wochen Osterferien. In normalen Zeiten wären die gut eine Million österreichischen Schüler aus diesem Anlass wohl einhellig in Jubel ausgebrochen.

Die Realität des Jahres 2020 ist jedoch eine ganz andere. Am 11. März haben Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bildungsminister Heinz Faßmann zur Eindämmung der Corona-Epidemie die Schließung der österreichischen Schulen angeordnet und in der Folge mit dem Versammlungsverbot auch private Treffen der Schüler unterbunden.

Das "ultimative Ziel" der Bundesregierung ist es, die soziale Kontakte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Und der Schulunterreich sollte nach Möglichkeit auf digitalem Weg fortgesetzt werden.

Digitaler Feldversuch

Fernunterricht also, keine verlängerten Osterferien. Den durchzuführen wäre mit den zur Verfügung stehenden technologischen Mitteln auch leicht möglich. In Australien wurden bereits vor Jahrzehnten Schüler per Video unterrichtet, wenn für die ein Schulbesuch wegen der großen Distanzen unmöglich war. Der Realitäts-Check zeigt allerdings, dass Österreich auch im Jahr 2020 noch nicht so weit ist.

In den Höheren Schulen – und hier vor allem in den Oberstufen – sind die Schulen mit ihren Schülern zwar in den meisten Fällen so gut vernetzt, dass die Lehrer über die weit verbreitete E-Learning-Plattform Moodle Arbeitsblätter und andere Aufgaben zur Verfügung stellen können. Mit Microsoft Teams gäbe es auch eine Möglichkeit, den Unterricht tatsächlich in einer Art elektronischem Klassenzimmer abzuwickeln, wobei sich die Schüler und die Lehrer gegenseitig am Bildschirm sehen und live miteinander kommunizieren können.

Dorothee Ritz, General Managerin Microsoft Österreich

Microsoft Österreich-Chefin Dorothee Ritz: "Schade, dass wir noch nicht weiter sind."

Die Bestandsaufnahme nach den ersten Tagen der „neuen Schule“ zeigt allerdings, dass der digitale Unterricht weit nicht so rund abläuft wie es der Fall sein könnte. An Österreichs Schulen wurden zwar schon vor Jahren einzelne Testballons gestartet, die Erkenntnisse daraus wurden bis dato allerdings nicht in die Breite ausgerollt. Und so ist das elektronische Klassenzimmer erst jetzt, in der Corona-Krise, im ersten, großen Feldversuch angekommen.

Technisches Wirrwarr

Das größte Problem ist, dass den Schulen und den Lehrern der Plan fehlt. Es fehlt der strukturierte Ansatz, der es den Schülern auch ermöglicht, die ihnen übermittelten Aufgaben abzuarbeiten. „Das ist das Schlimmste“, beklagen sich Schüler, „manche Lehrer stellen Aufgaben in Moodle, andere schicken sie per E-Mail und wieder andere sogar per WhatsApp und dann gibt es Lehrer, die machen Live-Unterricht über Teams. Es ist total unübersichtlich.“

„Es ist schade, dass wir noch nicht weiter sind.“, sagt Dorothee Ritz, General Managerin von Microsoft Österreich und selbst Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. In anderen europäischen Länder, etwa in Dänemark, sei die Entwicklung bereits wesentlich weiter fortgeschritten.

In Österreich hat Microsoft immerhin ein Expert-Educators-Netzwerk mit rund 100 Lehrer aufgebaut, die Erfahrungen im Umgang mit den neuen Technologien und deren Einsatz im Schulbetrieb haben und die auch bereit sind, das Wissen mit ihren Kollegen zu teilen. „Ich hätte mir gewünscht, dass alle Schulen auf dem gleichen Status sind. Wie wichtig das wäre, sieht man jetzt“, sagt Ritz.

Lehrer sind gefordert

Der Flaschenhals liegt im Fall des elektronischen Klassenzimmers auch gar nicht unbedingt bei den Schülern. „die haben das nach ein, zwei Stunden drauf“, weiß die Microsoft-Chefin. Auch nicht unbedingt bei den Kosten. Laptops, die den Schülern produktives (Mit-)Arbeiten ermöglichen gibt es bereits in der Preisklasse von rund 500 Euro und die Software gibt es für den Einsatz im Rahmen des Schulunterrichts und der schulischen Ausbildung für Schüler und Lehrer nahezu kostenlos. „Die Lehrer müssen sich trauen, sich damit befassen und die zur Verfügung stehenden Lösungen auch verwenden“, sagt Ritz.

Als Reaktion auf die Schließung der Schulen bietet Microsoft den Lehrkräften nun auch aktiv Unterstützung an. Support bei der Einrichtung und Umsetzung und Hilfestellung für den pädagogischen Einsatz von Microsoft Teams an. Telefonisch, in Form von Webinaren und mit Videos, in denen erklärt wird, wie damit ein Fernunterricht umgesetzt werden kann, wie man ein virtuelles Klassenzimmer erstellt, Aufgaben und Unterrichtsmaterialien an Schüler verteilt, Whiteboards eingesetzt und Meetings aufgenommen und anschließend den Schülern zur Verfügung gestellt werden können

Sogar Prüfungen könnten elektronisch abgehalten werden – ohne dass die Schüler dafür in die Schule kommen müssten. „Das wird in der Praxis längst genutzt. Dafür gibt es ein etabliertes Prozedere in speziell dafür eingerichteten Räumen mit Video-Überwachung, bei dem auch das Schummeln nicht möglich ist“, weiß die Microsoft-Österreich-Chefin.

Aus der Krise lernen

Die von der aktuellen Situation am meisten betroffenen Schüler sind die rund 40.000 Maturanten des Jahrgangs 2019/2020. Während für Schüler anderer Klassen durchaus auch möglich ist, eventuelle Versäumnisse im nächsten Schuljahr aufzuholen, müssen die Maturanten nun vermutlich mit einer Verschiebung der für Anfang Mai angesetzten Zentralmatura und in der Folge eventuell auch der mündlichen Prüfungen oder einer kürzeren Vorbereitungszeit dafür rechnen. Konkrete Beschlüsse diesbezüglich stehen noch aus. Im Bildungsministerium setzt man vorerst noch auf abwarten. Wenn die Schulen nach Ostern wieder geöffnet werden können, dann kann unter Umständen auch noch alles nach Plan ablaufen.

Christian Wenzl und Katja Edlinger vom Microsoft Education Team, das aktuell ständig mit den Behörden, Schulen und den Lehrern in Kontakt steht, haben die Hoffnung, dass die Erfahrungen aus dem Corona-Ausnahmezustand in der Folge auch genutzt werden, um die digitalen Unterrichtsmethoden und Mittel im heimischen Bildungssystem fest und geordnet verankert werden.

Im Gespräch via Microsoft Teams: Christian Wenzl (li) und Katja Edlinger von Microsoft Education Team und Peter Sempelmann (trend)

Im Gespräch via Microsoft Teams: Christian Wenzl (li) und Katja Edlinger von Microsoft Education Team und Peter Sempelmann (trend)

„Wir haben auch eine gesellschaftliche Verantwortung“, sagt Wenzl und die gelegentlich geäußerte Sorge, dass Kinder durch den Einsatz von digitalen Unterrichtsmitteln und Methoden zu „Robotern“ werden könnten ist für ihn schlicht nicht nachvollziehbar. „Kinder werden keine Roboter, Kinder programmieren Roboter“, sagt er.

Digitale Zukunft

Fest steht für Wenzel angesichts der mittleren Hilflosigkeit, die sich im heimischen Bildungssystem in der Corona-Krise breit macht, dass die bisher gesetzten Maßnahmen weder an den Schulen noch an den Universitäten ausreichen.

„Die Digitalisierung hat den Einzug in das Lernen und das Lernsystem geschafft, aber es genügt eben nicht, dass man statt in ein Heft zu schreiben auf einen Computer tippt“, sagt Wenzl, „Es muss ein klares Konzept zur Digitalisierung des Bildungssystems entwickelt werden. „Dazu fehlt ein bisschen der Mut. Und es muss auch ein klar definiertes Budget dafür geben.“

Dass die Schüler vom Einsatz der digitalen Unterrichtsmittel und Methoden nur profitieren können, davon ist auch Katja Edlinger überzeugt. Die an den österreichischen Musterschulen gesammelten Erfahrungen zeigen jedenfalls, dass sie sich nicht nur im Krisenmodus bewähren. Die Schüler sind generell motivierter, begeistern sich für die digitalen Tools, VR-Brillen und Projekte, in denen sie vielleicht auch einmal ein bisschen mehr wissen als die Lehrer.

„Davor sollten dich die Pädagogen nicht fürchten“, sagt Edlinger, „das ist Teil des Change-Prozesses und sollte daher auch ein wichtiger Aspekt in der Ausbildung der Lehrer sein.“ Wobei Edlinger aber die heimischen Lehrer durchaus auch in Schutz nimmt: „Es gibt in Österreich ganz tolle Pädagogen und ganz tolle Schulen. Man muss ihnen aber auch die Möglichkeiten und den Rahmen geben.“

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